Der nächste Korb für Deutschland

Baden-Baden (ket) – Die Olympischen Sommerspiele 2032 werden im australischen Brisbane stattfinden – und nicht an Rhein und Ruhr. Die deutsche Bewerbung ist krachend gescheitert – wieder einmal.

 Armin Laschet (rechts),bei einer Werbeveranstaltung für Olympia an Rhein und Ruhr.Foto: Federico Gambarini/dpa

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Armin Laschet (rechts),bei einer Werbeveranstaltung für Olympia an Rhein und Ruhr.Foto: Federico Gambarini/dpa

Armin Laschet war empört – und zwar so richtig. Da hat es das Internationale Olympischen Komitee (IOC) doch tatsächlich gewagt, Brisbane zum bevorzugten Kandidaten für die Olympischen Spiele 2032 zu erklären, was einer Vorab-Vergabe der Sommersause nach Down Under zumindest sehr nahe kommt. Sein heiß geliebtes Rhein-Ruhr-City-Projekt hingegen wurde von den Herren der Ringe ziemlich krachend in die Tonne getreten.
Dass ein 2,2 Millionen-Einwohner-Provinzstädtchen irgendwo im australischen Busch beim IOC tatsächlich den Vorzug erhält von im Verbund antretenden Weltmetropolen wie Recklinghausen, Bochum, Krefeld und ein paar anderen, muss einen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten natürlich treffen bis ins Mark. Wie kann man auch nur so ignorant und ahnungslos sein?

Shelte für IOC und DOSB

Die Frage stellt sich in der Tat – allerdings in umgekehrte Richtung, also an Laschet selbst. Eine Überraschung war die Vor-Kür Brisbanes nämlich keineswegs. Vielmehr hatte das IOC schon seit Längerem Zeichen in diese Richtung gesendet. Nur waren die Rhein-Ruhr-Bewerber ganz offenbar nicht fähig, diese zu verstehen. Bis heute ist das übrigens so, schließlich möchte Laschet (CDU) an der Bewerbung festhalten, Bürgerbefragung inklusive. Die Frage, über die die Bevölkerung der zur Initiative zählenden 14 Städte, dann abzustimmen hätte, könnte in etwa so lauten: Sind Sie dafür, dass die Olympischen Spiele von Brisbane in Recklinghausen stattfinden?

Das alles wirft selbstredend kein gutes Licht auf die Rhein-Ruhr-Bewerbung – und natürlich auch nicht auf den Wäre-gern-Kanzler Laschet, der sich im Kern zweierlei vorwerfen lassen muss: Zum einen machte er sich für einen Kandidaten stark, der nie eine Chance auf den Sieg, also den Olympia-Zuschlag, hatte. Zum anderen erkannte er nicht, dass und wann die Schlacht verloren war. Stattdessen scholt er zunächst das IOC samt Präsident Thomas Bach wegen dessen Intransparenz (als ob dies etwas Neues wäre). Gleich danach bekam auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) samt dessen Präsidenten Alfons Hörmann sein Fett ab. Zu wenig verzahnt in die internationalen Gremien sei der DOSB zum einen, zu wenig unterstützt habe er die deutsche Rhein-Ruhr-Bewerbung zum anderen.

So ist also wieder einmal eine deutsche Olympia-Bewerbung gescheitert, die siebte nun schon in Folge. Vor Rhein-Ruhr waren es Berchtesgaden 1992, Berlin 2000, Leipzig 2012, München 2018 sowie 2022 und Hamburg 2024, die durchs IOC-Raster gefallen waren. Zumindest so gesehen ist es also keine Schande, dass Recklinghausen & Co. es nicht geschafft haben, vielmehr ist es schon Tradition.

Ein Blick in diese: Mal war die Stadt zu klein (Leipzig) für solch ein Großevent, mal wurde sich vorab zu intensiv und speziell um die Stimmungslage beim IOC gekümmert wie etwa bei der Berlin-Bewerbung für 2000, als öffentlich wurde, dass Dossiers über die sexuellen Vorlieben der Funktionäre erstellt worden waren. Bisweilen waren einfach die Mitbewerber besser. Zuletzt fehlte es den deutschen Bewerbungen vor allem an einem: Rückhalt aus der Bevölkerung.

Zwischen Korruption und Umweltzerstörung

Das hat weniger mit den Spielen an sich zu tun. Die sind, rein aufs Sportliche bezogen und Doping dabei ausnahmsweise mal ausgeklammert, nach wie vor großartig. Den Preis dafür, also die obligatorischen Begleiterscheiterscheinungen wie Korruption, ausufernde Kosten, intransparente Entscheidungsprozesse und Umweltzerstörung, will zumindest der Großteil der Deutschen aber nicht mehr bezahlen.

Wer aber die Spiele will, muss sich dem IOC und seinen Regeln unterwerfen. Zu was das führen kann, offenbart ein Blick auf die Ausrichterstädte der zurückliegenden 20 Jahre: Die Winterspiele 2002 in Salt Lake City waren von Bestechung und Korruption geprägt. Jene 2004 in Athen hinterließen einen riesigen Schuldenberg. Die Sommerspiele 2008 in Peking wiederum wurden von Menschenrechtsdiskussionen überschattet, die 2014 in Sotschi von Zwangsenteignungen und übelster Umweltsünden, Rio 2016 steht für im Nachhinein verwahrlosende Sportanlagen.

Nicht nur in Deutschland wird solcherlei zunehmend kritisch gesehen. Auch andere Länder, vor allem demokratisch regierte, überlegen sich mittlerweile lieber zwei Mal, ob sie sich für Olympia bewerben sollen und welche Risiken sie damit eingehen. Die Folge: Für die Winterspiele nächstes Jahr waren 2015 am Ende noch zwei Bewerber übrig geblieben: Peking (das dann auch den Zuschlag erhielt) und Almaty in Kasachstan. Zwei Jahre später beschloss das IOC, die Sommerspiele 2024 und 2028 in einem Zug zu vergeben, da in Paris und Los Angeles sich gleich zwei attraktive Kandidaten für die Spiele 2024 beworben hatten und man keinen davon verlieren wollte. So bekam Paris den Zuschlag für 2024, Los Angeles ist nun vier Jahre später an der Reihe.

In Deutschland wird man sich um eine Olympiabewerbung zumindest für Sommerspiele in den nächsten Jahren erstmal weniger Gedanken machen müssen. 2032 ist schließlich gerade an Brisbane vergeben worden. Und dass sich das IOC ausgerechnet 2036, also 100 Jahre nach den Nazispielen in Berlin, für Deutschland erwärmen kann, fällt – Armin Laschet einmal ausgenommen – schwer zu glauben.

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Erstellt:
11. März 2021, 05:30 Uhr
Lesedauer:
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