Der schwäbische Schäuble

Freiburg (BNN) – Wolfgang Schäuble ist Badens bekanntester Politiker. In Berlin wurde er öfter als Schwabe bezeichnet. Warum das nicht falsch ist, verrät Schäuble im Gespräch zum Landesjubiläum.

Migrationshintergrund mit Folgen: Wolfgang Schäubles Vater stimmte vor 70 Jahren für die Gründung des neuen Bundeslandes Baden-Württemberg. Foto: John Macdougall/AFP

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Migrationshintergrund mit Folgen: Wolfgang Schäubles Vater stimmte vor 70 Jahren für die Gründung des neuen Bundeslandes Baden-Württemberg. Foto: John Macdougall/AFP

Weitgereiste Badener kennen das Ärgernis. Selbst mit klarer alemannischer Sprachfärbung läuft man schon nördlich der Mainlinie Gefahr, dass einen unbedarfte Berliner, Hamburger oder Brandenburger dem Schwäbischen zuordnen. Auch dem bekanntesten badischen Politiker, Wolfgang Schäuble, ging das immer wieder so.
Als eine Berliner Zeitung einmal eine Karikatur druckte, in der der vermeintlich schwäbische neue Bundestagspräsident die Kehrwoche im Parlament einführen wollte, hagelte es ebenso Kritik wie damals, als sich „Der Spiegel“ die harte Haltung des Bundesfinanzministers in der Griechenland-Schuldenfrage mit dem angeblich schwäbischen Wesen Schäubles erklärte.

Dabei ist im Südwesten wohlbekannt, dass der Mann aus der badischen Ortenau stammt, in Hornberg mit seinen Brüdern Frieder und Thomas aufwuchs und seit Jahr und Tag den Wahlkreis Offenburg vertritt. Und doch liegen die Unkundigen letztlich nicht ganz so falsch mit dem schwäbischen Schäuble. Die Hintergründe erläutert der 79-Jährige höchstpersönlich – im Gespräch mit dieser Redaktion anlässlich des 70-jährigen Bestehens von Baden-Württemberg.

Klar ist: Knapp zehn Jahre vor der Gründung des Südweststaates am 25. April 1952 wurde Schäuble im September 1942 in Freiburg geboren – das damals übrigens zum nationalsozialistischen Gau Baden-Elsass gehörte. Doch als Badener konnte man die junge Familie wohl kaum bezeichnen. Schäuble sagt, wie es ist: „Meine Eltern waren Schwaben. Sie zogen kurz vor meiner Geburt nach Freiburg.“

Und zwar aus schwäbischen Kernlanden. Schäubles Vater Karl wurde in Schramberg geboren, im Landkreis der uralten schwäbischen Reichsstadt Rottweil. Dessen Eltern wiederum stammten aus Wurmlingen, heute ein Stadtteil der schwäbischen Bischofsstadt Rottenburg. Enkelsohn Wolfgang Schäuble weist im Gespräch auf die berühmte Wurmlinger Kapelle hin. Das Kirchlein auf dem markanten Zeugenberg wurde vom urschwäbischen Dichter Ludwig Uhland besungen.

Vater macht beachtliche politische Karriere

Mütterlicherseits sieht es, aus badischer Sicht, nicht viel besser aus. Gertrud Schäuble erblickte in Untertürkheim das Licht der Welt und wuchs in Owen-Teck auf – am Trauf der Schwäbischen Alb und mit Blick zur Burgruine Teck, wo einst die Grafen von Württemberg herrschten.

Dieser lupenreine schwäbische Migrationshintergrund sollte sich für die Schäubles nicht als Bürde erweisen. Im liberalen Baden machte Karl Schäuble, Sohn eines Schreiners, eine beachtliche politische Karriere. 1946 war er Mitbegründer der Badischen Christlich-Sozialen Volkspartei (BCSV), die später im badischen CDU-Landesverband mündete. 1947 wurde der Steuerberater in den Badischen Landtag gewählt und hatte im Sitzungssaal im Historischen Kaufhaus am Freiburger Münsterplatz bald mit den hoch umstritten Plänen für einen neuen Südweststaat zu tun.

Leo Wohlleb, der badische Staatspräsident und BCSV-Vorsitzende, war der Anführer der Südweststaat-Gegner. In der „Badenfrage“ lag Schäuble mit der Parteilinie allerdings völlig über Kreuz. Wolfgang Schäuble sagt: „Ich habe rudimentäre Erinnerungen an diese Zeit. Das war damals natürlich ein Thema in der Familie.“ Sein Vater sei überzeugt gewesen, dass ein Zusammengehen von Baden und Württemberg auch für den badischen Landesteil das Beste sei. „Aus naheliegenden Gründen sah mein Vater in den Schwaben nicht etwas Negatives.“

Gesamtdeutscher Rekordabgeordneter

Die Kollegen des Badischen Landtags hat der Hereingeschmeckte letztlich nicht überzeugt. „Mein Vater war einer von zwei oder drei Abgeordneten, die bei der Abstimmung für den Südweststaat votierten“, sagt Schäuble fröhlich. Schließlich wurde der Südweststaat auch gegen den südbadischen Widerstand gegründet. Der politischen Laufbahn Karl Schäubles war das übrigens nicht zuträglich, denn die Wahlkreise Wolfach und Villingen wurden zusammengelegt und im neuen vereinigten Landtag war der Südweststaat-Befürworter nicht mehr vertreten.

„Aber das ging für ihn in Ordnung. Er war ja nicht hauptberuflicher Abgeordneter gewesen“, sagt sein Sohn, der mit fast 50 Jahren im Bundestag offiziell gesamtdeutscher Rekordabgeordneter ist. Seit der konstituierenden Sitzung des ersten deutschen Parlaments vom 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche hat es keinen Abgeordneten gegeben, der länger amtierte.

Ist aber der Rekordabgeordnete aus Baden qua Abstammung nicht doch irgendwie ein halber Schwabe? Wolfgang Schäuble lacht. Auf jeden Fall ist er ein echter Baden-Württemberger.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Daniel Streib

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Erstellt:
20. April 2022, 17:30 Uhr
Lesedauer:
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