Designobjekte aus Europa für Richard Gere und Co.

Rastatt/New York (rw) – Die Rastatterin Katja Hirche betreibt ein exklusives Geschäft in New York City – mit zuweilen namhafter Kundschaft.

Seit fünf Jahren leitet Katja Hirche in New York ein Geschäft für Design und Vintage und schlägt eine Kunstbrücke von Europa in die USA. Foto: Bernd Goeckler NYC

© rw

Seit fünf Jahren leitet Katja Hirche in New York ein Geschäft für Design und Vintage und schlägt eine Kunstbrücke von Europa in die USA. Foto: Bernd Goeckler NYC

Sie hat den Kontakt zur Stadt an der Murg nie verloren: Die Rastatterin Katja Hirche zählt nach über 20 Jahren mit ihrem Designgeschäft im New Yorker Galerieviertel, East 10th Street, zu einer der dortigen Stützen. Durch ihren im Dezember verstorbenen Onkel Bernd Goeckler war die ehemalige Schülerin des Ludwig-Wilhelm-Gymnasiums (LWG) nach Manhattan in den Big Apple gekommen. Sie hat inzwischen als Chefin des renommierten Geschäfts mit Antiquitäten und Vintage-Stücken auch die bisher kritischen Phasen der Corona-Pandemie überstanden.

Hirche erinnert sich im BT-Interview auch an ihre Schulzeit am LWG, die „sehr nah und gleichzeitig recht fern“ zu sein scheint. Im Vergleich zu New York City (NYC) fällt ihr der Nebel auf dem damaligen Schulweg ein, der in Manhattan wegen des Winds völlig fehlt: „Der Rastatter Nebel war romantisch und fehlt mir oft.“ Was das LWG betrifft, so sei dort der „innere Funke“ von einem Lehrer gezündet worden, der ihr klar machte, wie wichtig Geschichtsbewusstsein ist. Hirches Liebe für Antiquitäten sei dadurch verstärkt worden und es habe auch geholfen, dass die „Leidenschaft für historische Designs“ geweckt worden ist.

Hirche studierte nach dem Abitur in Stuttgart Linguistik, Geschichte und Italienkunde, als von ihrem Onkel Bernd Goeckler der Ruf nach NYC kam. Der Händler für Antiquitäten- und Designobjekte, Jahrgang 1941, hatte schon seinen Ruhestand am Horizont im Auge und wünschte sich, dass das Geschäft in der Familie bleibt. Die Kooperation zwischen Nichte und Onkel lief gut an und sollte sich in den nächsten zwei Jahrzehnten blendend bewähren.

Modegeschmack hat sich im Lauf der Jahre verändert

Im Gespräch mit dem Badischen Tagblatt gibt Hirche, die seit fünf Jahren das Geschäft zwischen Hudson River und East River als Galerieleiterin ganz übernommen hat, Einblicke in die Kaufgewohnheiten betuchter US-Amerikaner. Angefangen hatte es mit Möbeln, Leuchtern und Accessoires aus dem Biedermeier, Neoklassizismus, Louis XV. und XVI. Man schloss eine Marktlücke im Bedarf des Publikums mit Design-Souvenirs der Grand Tour, Leuchtern aus Wien und verzierten Kommoden aus bedeutenden russischen Häusern.

Laut Hirche änderte sich der Modegeschmack im Lauf der Jahre und Objekte aus dem Art Deco und „Mid Century“ rückten mehr in den Vordergrund. „Als Händler muss man immer am Puls der Zeit sein“, fügt die Rastatter Unternehmerin in NYC an. Als informierte Europäer hätten sie und ihr Onkel die Verkaufslücke erkannt und sehr gerne ihre Kundschaft bedient.

Inzwischen habe sich in jüngerer Zeit der Wunsch der US-Kundschaft nach Künstlern aus Belgien, Italien und Frankreich verstärkt. Dabei seien es laut Hirche gerade Design-Objekte, die eine „neue Bronzezeit“ eingeläutet hätten.

Interessant auch die amerikanischen Gepflogenheiten, was die Ausstattung des Heims betrifft. Wer es sich leisten kann, engagiert Spezialisten, sogenannte it-Designer, die Appartements und Häuser ausstatten. Hirche nennt Peter Marino (Ausstattung von Dior-Boutiquen), Robert Stilin (Sängerin Beyoncé), Michael Smith (Obama, White House) und Jamie Drake (ehemaliger NY-Bürgermeister Michael Bloomberg), die von ihrem Geschäft beliefert wurden.

Im April beauftragt Katja Hirche (rechts) die Graffiti-Künstler Mims und Envy mit der Corona-Bild-Gestaltung des Bernd-Goeckler-Schaufensters in New York City.  Foto: Bernd Goeckler

© rw

Im April beauftragt Katja Hirche (rechts) die Graffiti-Künstler Mims und Envy mit der Corona-Bild-Gestaltung des Bernd-Goeckler-Schaufensters in New York City. Foto: Bernd Goeckler

Interessant auch, was die New Yorker Unternehmerin mit Rastatter Wurzeln über ihre prominente Kundschaft zu berichten weiß: Immer wieder besuchten Berühmtheiten das Geschäft in der Innenstadt New Yorks „vom Skurrilen zum Absurden und Exzentrischen“. Nachdem Sänger Lenny Kravitz einmal ihren Shop verlassen hatte, mussten die abgefallenen Pailletten seiner Hose von mehreren Stühlen aufgesaugt werden.

Lässig ließ sich Schauspieler Richard Gere in ein antikes Biedermeier-Sofa fallen und trank genüsslich seinen Cappuccino. „Einmal bekamen wir einen Anruf vom Assistenten Elton Johns. Wir sollten dem Star nicht in die Augen schauen, ihn nicht ansprechen und das Telefon abstellen. Onkel Goeckler lehnte bei solchen Fisimatenten aber den Besuch ab“, erinnert sich Hirche.

Nach ihrem Europa-Urlaub Mitte Januar 2020 störte auch in den USA die Corona-Pandemie erheblich das Geschäft. Hirche empfahl ihren Angestellten schon früh, sich auf Kommendes vorzubereiten. Klopapier gab es beispielsweise Mitte März nicht mehr und das Geschäft in der East 10th Street musste schließen. Die Mitarbeiter wurden weiterbezahlt, inklusive Krankenversicherung. „Es brach mir das Herz, als ich sah, dass viele andere Geschäfte alle Mitarbeiter entließen“, bedauert die Unternehmerin. Ihr sei es enorm wichtig gewesen, die Angestellten weiter zu unterstützen. Als Maskottchen war der 2016 geborene Staffordshire Terrier „Leopolde Hirche alias Poldi“ immer dabei.

In Corona-Tagen fiel Hirche auf, dass vermehrt Anfragen nach Vintage-Stücken kamen. Man sei wohl nicht bereit gewesen, Monate auf Objekte zu warten: „‚Nesting‘, der menschliche Drang, sein Zuhause zu verschönern, war eine plötzliche Nische für uns.“ Dazu bot sie eine virtuelle Design-Show im Internet an.

Laut Hirche sind inzwischen in New York City fast die Hälfte aller Geschäfte aufgegeben oder zumindest geschlossen: „Was einmal eine Metropole mit Millionen von Touristen war, ist nun gefühlt eine mittlere Großstadt. Man hat hier gemerkt, dass ‚working from home‘ eine gute Alternative ist.“ Allerdings zu „Bernd Goeckler“ komme noch Kundschaft vor Ort. Stücke, mit denen man leben will, sollten besser live begutachtet werden.

„New York City ist immer hoffnungsvoll“

Hirche fügt zum Schluss an, wenn auch bei ihr das Geschäftliche zufriedenstellend sei, der Verlust von Restaurants, Theatern, Kunst und Kultur, einfach alles, was den Big Apple in der Vergangenheit so einzigartig gemacht hatte, werde ein schweres Vermächtnis sein, das viele Jahre anhängen wird: „Die Nahrung für die Seele fehlt der ganzen Stadt und somit auch uns Einwohnern.“ Und sie schließt: „Aber NYC ist immer hoffnungsvoll. Unsere Geschichte, auch 9/11, zeigt uns, dass wir immer wieder aufstehen. „Hope dies last!, die Hoffnung stirbt zuletzt, wie meine Mutter Ortrun in Rastatt immer sagt.“

Zum Artikel

Erstellt:
2. Dezember 2020, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 51sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.