Deutsch-italienische Reise der Freundschaft

Gernsbach/Molise (BT) – Der Musikverein Hilpertsau tritt im süditalienischen Molise auf zu Ehren seines inzwischen fast 101 Jahre alten Ehrenmitglieds Donato Pollice.

„Es war eine wunderbare Erfahrung“, sind sich die Gäste aus Hilpertsau einig, die in Molise viel erlebten. Foto: Marco Jelic

© BT

„Es war eine wunderbare Erfahrung“, sind sich die Gäste aus Hilpertsau einig, die in Molise viel erlebten. Foto: Marco Jelic

Da standen sie nun, erschöpft, aber glücklich, auf der zentralen Piazza Italia in Colle d’Anchise, einem Dorf in der kleinen, unentdeckten, wunderschön ursprünglichen Region Molise: Nach 20-stündiger Busfahrt und über 1.300 Kilometern gen Süden. In Empfang genommen wurde die zehnköpfige Delegation des Musikvereins Hilpertsau vom Vorsitzenden des örtlichen karitativen Vereins „Anchise Onlus“, Carmine Lucarelli, sowie von Donato Pollice, Sohn Giovanni, Tochter Anna und den Enkeln Marco und Luca.

Hintergrund der Reise ist das von Anchise Onlus organisierte alljährliche „Fest der 100-Jährigen in Molise“, zu dem in diesem Jahr Donato Pollice als Ehrengast eingeladen war. Er wurde im vergangenen Oktober 100 Jahre alt. Pollice wanderte 1960 aus dem Bergdorf Capracotta in Molise als sogenannter Gastarbeiter ins Murgtal aus. In Hilpertsau fand er eine neue Heimat, ohne je die Verbundenheit zu seinen süditalienischen Wurzeln zu verlieren. Dass er in Hilpertsau stets am sozialen Leben teilnahm, davon zeugt seine über 45-jährige Mitgliedschaft im MV Hilpertsau.

Dies war auch der Grund, eine Delegation zu den Festlichkeiten nach Molise einzuladen, was organisatorisch Sohn Giovanni übernahm. Dirigent Michael Wörner war sofort begeistert von der Idee, zumal der Musikverein anlässlich des 100. Geburtstags von Donato corona-bedingt kein obligatorisches Ständchen vor seinem Haus in Hilpertsau spielen konnte. Das wurde nun in Donatos alter Heimat nachgeholt.

Touristisch weitaus weniger erschlossen als die bekannten Reiseziele

Molise ist mit seinen 300.000 Einwohnern eine Region, die touristisch weitaus weniger erschlossen ist als die bekannten italienischen Reiseziele in der Toskana oder der Gardasee im Norden des Landes. „Es ist daher schön, Molise kennenzulernen und hier für Donato spielen zu dürfen“, betonte Michael Wörner.

Am Morgen des 4. September begann das „Fest der 100-Jährigen“ bei strahlendem Sonnenschein und mit Blick auf das Apenninen-Gebirge. Ziel ist es, Menschen aller Generationen zusammenzuführen, soziale Teilhabe zu ermöglichen und so den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken. Die Ehrengäste aus Hilpertsau durften das Fest musikalisch eröffnen. Nach der Begrüßung des Bürgermeisters stellte die Moderatorin Gabriela Rosati die Lebensgeschichte Donato Pollices vor. Ein bewegtes Leben, das viele Geschichten zu erzählen hat – von Hunger und Krieg, sechs Jahren Gefangenschaft in England, „Gastarbeiter“-Migration und harter Arbeit in Deutschland, aber auch von Familienglück, einem eigenen Haus in Hilpertsau, von neuer Heimat und einem bodenständigen, guten Leben bis ins hohe Alter. Sein Sohn Giovanni hob in seiner Ansprache hervor, dass man diese Generation, die viel gelitten, aber auch viel geleistet habe, wertschätzen müsse.

Michael Wörner überbrachte im Namen des Musikvereins Hilpertsau Grußworte: „Es erfüllt uns mit Freude, hier in dieser schönen Region zu sein.“ Das Stück, das sie dann zu Ehren Donatos spielten, hieß „Ein halbes Jahrhundert“: „Lieber Donato, wir spielen es doppelt so laut, dann ist es ein ganzes Jahrhundert!“ Der Hilpertsauer Marco Jelic, Enkel von Donato, übersetzte die Grußbotschaft ins Italienische.

Konzert in der gut gefüllten Renaissance-Kirche von Capracotta

Neben der Blasmusik der badischen Gruppe standen weitere kulturelle Aufführungen auf dem Programm: von traditionellen Trachten über den italienischen Meister im Akkordeon-Spiel bis zu den „zampognari“, einer für die Region traditionellen Dudelsack-Gruppe, war den rund 80 Gästen auf der Piazza einiges geboten.

Der dritte Tag begann mit einer Exkursion der Reisegruppe durch die Region, in die antike Ausgrabungsstätte Sepino und den Wallfahrtsort in Castel Petroso, bevor es dann Richtung Capracotta ging, dem Heimatort von Donato inmitten des Appennins auf 1.421 Metern. Hier sollte ein weiterer Höhepunkt stattfinden, der Auftritt in der Kirche „Chiesa Madre“ in Capracotta. Zuvor besuchte der Musikverein noch den sehenswerten Botanischen Garten. Abends folgte zum großen Finale der Reise das Konzert des Musikvereins in der gut gefüllten Renaissance-Kirche.

Eröffnet wurde es durch eine gesangliche Einlage des Kirchenchors von Capracotta. Dann spielte der Musikverein. Für Donato war dies ein emotionaler Moment: Dass Menschen aus Hilpertsau zu seinen Ehren in seiner Heimatkirche auftreten, hätte er wohl nie zu träumen gewagt. Michael Wörner überreichte Candido Paglione, dem Bürgermeister Capracottas, als Zeichen der Freundschaft ein gerahmtes Bild des Musikvereins. Die beschwingt melodische Darbietung der Hilpertsauer Musiker wurde vom Capracottesischem Publikum in der Kirche mit minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen goutiert. „Das war einer der anspruchsvollsten, aber wohl auch schönsten Auftritte meiner langen Musikerkarriere“, befand die Querflötistin Roswitha Friedel.

Badnerlied ertönt in Italien

Zum Abschluss schenkte der Bürgermeister dem „Geburtstagskind“ Donato als Andenken die Original-Pergamentrolle aus dem Jahr 1920, auf der Donatos Geburt im Rathaus beglaubigt wurde. Für alle Beteiligten wird diese deutsch-italienische Reise der Freundschaft noch lange in Erinnerung bleiben. „Wir müssen diese vielen Eindrücke erst mal verarbeiten, es war eine wunderbare Erfahrung“, so der Dirigent Michael Wörner.

Nach dem Konzert wurde bis in die Nacht gefeiert – bis zum Schluss mit dabei, überglücklich und dankbar, der bald 101-jährige Donato Pollice.

Podiumsdiskussion zur Migration

An einer Podiumsdiskussion zum Thema Migration in und aus der Region Molise nahmen zwei Universitätsprofessoren und der aus Hilpertsau stammenden Giovanni Pollice teil. Er ist ehemaliger Abteilungsleiter Migrationspolitik bei der Gewerkschaft IG BCE (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie Energie) und langjähriger Vorsitzender des gewerkschaftlichen Antirassismus-Vereins „Mach‘ meinen Kumpel nicht an“. Pollice verwies auf die Unterschiede, aber auch Parallelen zur Migration damals und heute. Er machte deutlich: „Italien und ganz Europa haben eine Verantwortung, Menschen in Not aufzunehmen und ihnen Perspektiven und Integration zu ermöglichen“. Der MV Hilpertsau spielte zum Abschluss der Feier das „Badnerlied“ – und der 100-jährige Donato Pollice schwang mit seiner Tochter Anna das Tanzbein.

Der Musikverein Hilpertsau spielt in der Kirche „Chiesa Madre“ in Capracotta. Foto: Marco Jelic

© BT

Der Musikverein Hilpertsau spielt in der Kirche „Chiesa Madre“ in Capracotta. Foto: Marco Jelic

Großes Interesse besteht am Besuch aus Deutschland: Marco Jelic (Zweiter von rechts) fungiert als Übersetzer. Foto: privat

© BT

Großes Interesse besteht am Besuch aus Deutschland: Marco Jelic (Zweiter von rechts) fungiert als Übersetzer. Foto: privat

Große Ehre: Donato Pollice ist Ehrenmitglied beim Musikverein Hilpertsau. Foto: Marco Jelic

© BT

Große Ehre: Donato Pollice ist Ehrenmitglied beim Musikverein Hilpertsau. Foto: Marco Jelic


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.