Deutsch lernen in Sinzheim

Sinzheim (nie) – Im Sinzheimer Begegnungszentrum St. Vinzenz wird seit dieser Woche ein Erstorientierungskurs für Zugewanderte angeboten. Frauen mit Kindern sind die Zielgruppe.

Mahlet Mehreteab (links) ist eine der zehn Teilnehmerinnen, die in den nächsten paar Monaten viel mit Sprachlehrerin Linda Busse-Özdemir erarbeiten und lernen wird. Foto: Nina Ernst

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Mahlet Mehreteab (links) ist eine der zehn Teilnehmerinnen, die in den nächsten paar Monaten viel mit Sprachlehrerin Linda Busse-Özdemir erarbeiten und lernen wird. Foto: Nina Ernst

Kinder spielen mit Legos, ein kleines Mädchen muss aufs Klo, ein Junge fängt an zu weinen – und dabei sollen die Mütter die deutsche Sprache lernen. In der Praxis passt ein Sprachkurs mit gleichzeitiger Kinderbetreuung wohl nicht so optimal zusammen. Aber diese Herausforderung geht die Sinzheimer Integrationsbeauftragte Michaele Schossier an.
Gestern haben zehn zugewanderte Frauen aus Sinzheim im Begegnungszentrum St. Vinzenz zum ersten Mal ihre Deutschlehrerin Linda Busse-Özdemir kennengelernt – nacheinander und auf Abstand, Stichwort Corona.

Die Freude an ihrer Aufgabe und am Start des Kurses ist bei Busse-Özdemir mehr als spürbar. Sie kommt vom Freundeskreis Asyl Karlsruhe (fka). Sie und ihre Kollegen setzen sich für eine menschenwürdige Behandlung von Asylsuchenden und Flüchtlingen im Landkreis Karlsruhe und darüber hinaus ein. Mit verschiedenen Projekten sind sie Ansprechpartner für die Menschen, die neu in Deutschland ankommen.

Integrationsbeauftragte Michaele Schossier (links) wird zurzeit von FSJlerin Lea Stucke unterstützt. Foto: Nina Ernst

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Integrationsbeauftragte Michaele Schossier (links) wird zurzeit von FSJlerin Lea Stucke unterstützt. Foto: Nina Ernst

Eines der Projekte ist eben der Erstorientierungskurs in Landeskunde und Sprache, der sich hauptsächlich an Geflüchtete mit unklarer Bleibeperspektive richtet. Und ein solcher wird nun in Sinzheim angeboten. Zielgruppe sind hier Frauen mit Kindern.

Es sei alles geklärt gewesen, im Dezember hätten die Präsenzkurse starten können, blickt Schossier zurück. Dann kam der erneute Lockdown, und an Unterricht in der großen Gruppe vor Ort sei nicht mehr zu denken gewesen. „Nicht jammern, sondern lösungsorientiert handeln“, lautete dann das Motto von Schossier, und Busse-Özdemir pflichtet ihr bei, dass „flexibel sein“ gefragt war. Und so hat der fka kurzerhand den Präsenzkurs in einen Online-Kurs umgewandelt, und in der Gemeinde Sinzheim wird das Pilotprojekt nun ausgetestet.

„Mit gutem Gefühl rausgehen“

Gestern ging es zunächst einmal darum, die Frauen über den Ablauf der geplanten 300 Unterrichtseinheiten zu informieren und sie mit dem nötigen Material auszustatten. Als Module stehen bis etwa im Juni/Juli Soziale Kontakte, Alltag in Deutschland, Einkaufen, Wohnen, medizinische Versorgung, Schule & Kindergarten sowie Werte & Zusammenleben auf dem Stundenplan.

So hat auch die 26-Jährige Mahlet Mehreteab einen Ordner mit Stiften und schon einigen Arbeitsblättern sowie leihweise ein Chromebook (ähnlich einem Laptop, aber ohne dass Daten lokal gespeichert werden) von Busse-Özdemir bekommen, auch der Sinzheimer Arbeitskreis Integration Sinzheim stellt Laptops. Der Sprachkurs ist vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge anerkannt und für die Teilnehmerinnen kostenlos. Auch die Kinderbetreuung würde im Normalfall vom Freundeskreis organisiert – im Coronafall jetzt stehen die Mütter aber zuhause vor der Herausforderung, Lernen und Kinder unter einen Hut zu bringen.

Hoffnung auf Präsenzunterricht

Schossier war es aber ein Anliegen, gerade diese Zielgruppe zu erreichen. Mütter hätten eben wegen ihrer Kinder oftmals keine Möglichkeit, Sprachkurse zu besuchen, seien jetzt durch Corona noch mehr isoliert und fallen durch ein Raster – und laut Busse-Özdemir ist das Zusammenspiel von Lernen und Betreuung ein Alleinstellungsmerkmal des Freundeskreises. „Die Frauen finden es gut, wenn sie ihre Kinder mitbringen können und es nicht so streng zugeht“, weiß Busse-Özdemir aus Erfahrung. Und Schossier setzt auch auf den Reiz, dass am Ende keine Prüfung abgelegt werden muss. Der Deutschlehrerin gehe es darum, dass ihre Teilnehmerinnen den Spaß an der Sprache und am Lernen finden. Für viele sei es das erste Mal, dass sie mit Unterrichtsmaterialien in Berührung kämen. „Sie sollen mit einem guten Gefühl rausgehen“, erhofft sich Busse-Özdemir.

Und eine weitere Hoffnung steht im Raum: Hoffnung auf Präsenzunterricht. Denn der Kurs sei normalerweise ein „sehr aktiver“. So stehen auch Exkursionen auf der Agenda, oder es wird gemeinsam gekocht und gebastelt.


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