Deutsche kaufen das Elsass leer

Seltz/Roeschwoog (ar) – Die günstigen Sprit- und Lebensmittelpreise locken Einkaufstouristen ins Nachbarland Frankreich. Nicht nur Mehl und Speiseöl stehen auf dem Einkaufszettel.

Produkt zurzeit nicht verfügbar: Auch im Elsass herrscht in vielen Einkaufsregalen gähnende Leere. Foto: Anne-Rose Gangl

Produkt zurzeit nicht verfügbar: Auch im Elsass herrscht in vielen Einkaufsregalen gähnende Leere. Foto: Anne-Rose Gangl

Wer zurzeit auf seinem Einkaufszettel Speiseöl und Mehl stehen hat, der steht vor großen Herausforderungen. Die Regale sind leer. Nicht nur beim Discounter, auch im Supermarkt. Nicht nur in Deutschland, auch bei unseren Nachbarn im Elsass. Seit einigen Tagen fahren noch mehr Deutsche über den Rhein, um ihre Einkäufe in den Supermärkten im Elsass zu erledigen, aber auch um dort ihre Fahrzeuge zu betanken.

Es ist immer etwas Besonderes, in einem Grenzgebiet zu wohnen und für sich selbst auf beiden Seiten das auswählen zu können, was es auf der anderen Seite nicht gibt. Einkaufen beim Nachbarn – das heißt, eine andere Welt zu erleben, vielleicht Erinnerungen an den Urlaub aufleben zu lassen und Lebensmittel mit nach Hause zu nehmen, die man an seinem Wohnort nicht findet. Seit Jahrzehnten fahren Deutsche ins Elsass, um dort Muscheln und Austern, leckere Pasteten, frischen Münster- und Ziegenkäse, guten französischen Rotwein, knuspriges Baguette und süße Millefeuilles mitzunehmen.

Run auf Raps- und Sonnenblumenöl


Doch es sind nicht nur die feinen Spezialitäten, die zum Einkaufen ins Nachbarland locken. Es sind auch die Auswahl und die Preise. So kaufen die deutschen Kunden in den elsässischen Supermärkten Artikel wie zum Beispiel Wasser, Kaffee, Fleisch und Fisch, weil sie günstiger sind als zuhause. Am Obst- und Gemüsestand locken mehr regionale Produkte aus Frankreich, speziell aus dem Süden. Gut vorbereitet sind die Supermärkte im Elsass daher für ihre deutschen Kunden vor Feiertagen.

Doch in diesem Jahr ist alles etwas anders. Denn auf einen solchen Ansturm der „Ditsche, die ewer’s Bächle“ kommen, war man nicht vorbereitet. Deutsche Kunden fahren zu den Supermärkten über den Rhein, um für die Ostertage einzukaufen. Das ist nicht neu. Doch noch nie dagewesen, ist der Run auf Sonnenblumen- und Rapsöl sowie Mehl.

Grund hierfür sind die aufgrund des Ukraine-Krieges gestiegenen Lebensmittelpreise. Selbst Grundnahrungsmittel sind teurer geworden, in Frankreich, aber noch mehr in Deutschland. So sind Nudeln und Mehl in Deutschland doppelt so teuer wie in Frankreich. Ein noch größerer Unterschied findet sich bei Speiseöl.

„Die kaufen uns leer“, beklagt Natalie, die frustriert vor dem leeren Regal im Super-U-Markt in Seltz steht und das Schild „Produit momentanement indisponible“ (zurzeit nicht verfügbar) liest. „Was will man machen; wenn die Leute so viel kaufen, gehen die Preise noch weiter hoch“, sagt eine andere Kundin, die sich über die deutschen Kunden nicht ärgert. „Wir gehen ja auch nach Deutschland rüber und kaufen dort ein, was günstiger ist“, fügt sie hinzu. „Ich habe nichts gegen die Deutschen, nur wenn sie anfangen zu hamstern, alles mitnehmen, was noch im Regal ist, obwohl hinter ihnen noch andere Menschen stehen und auch was wollen, dafür habe ich kein Verständnis“, sagt ein Kunde.

Dieses Verhalten bestätigt auch Frédéric Wolff, Geschäftsführer des kleinen Leclerc-Supermarktes in Roeschwoog. „Sie kommen und nehmen ganze Kartons Öl mit“, berichtet er. Angefangen hätten diese Angstkäufe eine Woche nach Beginn des Ukraine-Krieges. Doch seit vergangener Woche kämen noch mehr deutsche Kunden. „Auf unserem Parkplatz standen mehr Autos mit deutschem Kennzeichen als mit französischem Kennzeichen“, so Wolff, der als Grund hierfür den von der französischen Regierung eingeführten Spritrabatt nannte.

Nach dem Supermarkt noch schnell zur Tanke


Problematisch seien nicht die Vorräte bei den Herstellern, aber die Liefertermine, die aufgrund des hohen und nicht erwarteten Absatzes nicht mehr pünktlich eingehalten werden könnten. Während in Deutschland einzelne Lebensmittelmärkte begonnen haben, die Ausgabe von Produkten pro Kunde zu rationieren, ist diese Praxis in den elsässischen Märkten noch nicht angekommen.

Vom eingeführten Spritrabatt profitieren viele deutsche Autofahrer, denn der Sprit ist zwischen 23 und 30 Cent pro Liter billiger als auf der anderen Rheinseite im Badischen. An der Tankstelle beim Super U in Seltz stehen die Autos dicht gedrängt in der Schlange. „Wir fahren zweimal im Monat zum Einkauf nach Seltz und nehmen die Gelegenheit jetzt wahr, gleich noch zu tanken“, sagt ein Ehepaar aus Rastatt. „Das Mehl holen wir in der Zeller-Mühle, aber die Entenkeulen kaufen wir hier“, sagt der Mann lächelnd.

Auch ein Ehepaar aus Baden-Baden steht in der langen Schlange. „Wir holen hier im Elsass immer unser Baguette, denn so gutes gibt es nur hier“, erzählt die Frau. Auch sie wollen noch tanken, das erste Mal im Elsass.

„Extra zum Tanken rüberfahren, das lohnt sich nicht“, betont der Fahrer, der sich gemeinsam mit seiner Partnerin erst mit der Selbstbedienungszapfsäule anfreunden muss. „Ich verstehe nicht, dass die Deutschen nicht nachziehen mit den Spritpreisen; die wollen noch mehr abkassieren“, ärgert er sich.

Die beiden 18-jährigen Elsässer Clément und Mateo stehen mit ihrem Moped geduldig im Chaos und warten, bis sie an der Reihe sind. „Wir haben kein Problem mit den Deutschen, wir fahren auch rüber und holen uns die günstigeren Zigaretten, aber es kommen so viele, und es staut sich“, beklagen die beiden jungen Männer.

„Ich verstehe das nicht, die Menschen hier machen sich Sorgen über Öl und Mehl; in der Ukraine haben die Menschen ganz andere Sorgen, da geht es um Leben und Tod“, merkt die Französin Florence an. Sie arbeitet in Drusenheim, wohnt aber in Rastatt. Lächelnd dreht sie sich um und sagt, „Ich brauche keine fünf Kilo Mehl, um einen Kuchen zu backen.“

Ihr Autor

Anne-Rose Gangl

Zum Artikel

Erstellt:
13. April 2022, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 45sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.