Deutschlandtourismus: Vom „Wachstums-King“ zum „Lockdown-Loser“

Baden-Baden (galu) – Die erneute Absage für den Tourismus in Deutschland kam für die Branchenverteter nicht überraschend. Die Entscheidungen der Regierung werden jedoch immer weniger nachvollziehbar.

Touristische Übernachtungen, egal ob im Hotel oder in einer Ferienwohnung, bleiben über Ostern verboten. Foto: Bernd Wüstneck/dpa

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Touristische Übernachtungen, egal ob im Hotel oder in einer Ferienwohnung, bleiben über Ostern verboten. Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Während sich auf Mallorca bereits wieder die ersten deutschen Touristen tummeln, bleibt Urlaub in Deutschland im zweiten Jahr der Corona-Pandemie verboten. Den Kopf in den Sand stecken wollte man in der Branche ursprünglich nicht. Im Gegenteil: Vorbereitungen wurden getroffen, Konzepte vorgelegt – die innerdeutsche Tourismusmaschienerie stand bereits in den Startlöchern.

Doch in der Bund-Länder-Konferenz gab es unlängst eine klare Absage für Oster-Urlaub im Inland: Hotels bleiben geschlossen, ebenso dürfen Ferienwohnungen nicht vermietet werden. Auch Gaststätten bleiben zu beziehungsweise müssen wieder schließen. Die Branche zeigt sich enttäuscht.

„Touristisch gesehen sind wir quasi seit einem Jahr im Dauerlockdown“, sagt Nora Waggershauser, Geschäftsführerin der Baden-Baden Kur und Tourismus GmbH (BBT). Das die ursprünglichen Pläne verworfen werden müssten, sei aufgrund steigender Infektionszahlen absehbar gewesen, dafür sei auch Verständnis vorhanden – nicht jedoch für die fortgeführte Perspektivlosigkeit, in der sich die Tourismusbranche befindet. „Es ist ein Schlag ins Gesicht“, findet Waggershauser.

„Die Betriebe planen und investieren, legen Hygienekonzepte vor. Man erwartet von uns als Branche durchgehend, dass wir unsere Hausaufgaben machen, vorbereitet sind und Vorgaben umsetzen. Mir persönlich fehlt aber, dass man in der Politik seine touristischen Hausaufgaben macht.“

Sommerreisen in Gefahr?

So sei ihrer Meinung nach der Sommertourismus in Gefahr: „Es wird Zeit, dass man sich über die Zukunft Gedanken macht. Wie geht es mit dem Tourismus weiter? Mit der aktuellen Situation kann beispielsweise kein Hotelier planen.“ Letztendlich fehle es an einem Fahrplan, einem Stufenplan für Öffnungen. „Es wird ja nicht so kommen, dass es plötzlich heißt: ‚So, jetzt machen wir auf.‘ Wir fahren ja nicht von null auf 100 wieder hoch“, so die BBT-Geschäftsführerin. Die Hygienekonzepte der Betriebe lägen vor, nun bräuchte man nur noch Planungssicherheit.

Auch in Freiburg herrscht Unverständnis: „Ich erkenne das Land nicht wieder“, sagt Hansjörg Mair, Geschäftsführer der Schwarzwaldtourismus GmbH. Für ihn als gebürtigen Italiener sei Deutschland immer das Land der Organisation und Perfektion gewesen. „Aber in der aktuellen Situation hat die Regierung einfach zu viele handwerkliche Fehler gemacht, weil man ‚zu Deutsch‘ ist“, so Mair. „Zu Deutsch“, damit meint er vor allem: zu langsam, zu vorsichtig, zu perfektionistisch, zu bürokratisch. Diese Mutlosigkeit sei für die Tourismusbranche ein Super-GAU.

Stellenwert der Branche zu gering

Auch habe der Tourismus im Allgemeinen einen zu geringen Stellenwert im Land. Es habe erst eine globale Pandemie gebraucht, um ein wirtschaftliches Bewusstsein dafür zu säen. „Jobs in unserer Branche lassen sich nicht ins Ausland verlegen, wir sind eine starke Wirtschaftskraft für Deutschland. Noch dazu hängen an uns mehr Arbeitsplätze als in der Automobilbranche“, merkt Mair an.

„Erst waren wir der Wachstums-King, jetzt sind wir der Lockdown-Loser“, fasst er zusammen. Und das, obwohl die Möglichkeiten für geregelten Betrieb da seien: „Gerade Hotels und Gastronomie haben bewiesen: Sie können Hygiene. Da werden Konzepte ausgearbeitet und umgesetzt, Daten aufgenommen und Kontakte nachverfolgt. Stattdessen lässt man die Leute unkontrolliert in die Supermärkte rennen“, so der Schwarzwaldtourismus-Geschäftsführer.

Generell brauche es „ein Commitment zum Tourismus aus der Gesamtgesellschaft“. Einen Vorschlag, wie ein besseres Bewusstsein geschaffen werden könnte, hat er auch: Als Beispiel führt er den neuen Regierungschef Italiens, Mario Draghi, an. Dieser hatte direkt zu Beginn seiner Amtszeit verkündet, wieder ein eigenes Ministerium für Tourismus einzurichten.

Alles steht und fällt mit den Impfungen

Die Zuversicht wolle er trotz alledem aber nicht verlieren, „so schwer das auch gerade ist.“ Denn auf lange Sicht macht er sich keine Sorgen um den Tourismus im Südwesten und im Schwarzwald. „Die Gäste werden kommen, wenn wir öffnen können, da bin ich mir sicher.“ Auf die Frage, ob Urlaub im Sommer funktionieren könnte, hat er eine kompakte Antwort parat: „Der Sommer steht und fällt mit den Impfungen.“

Andreas Braun, Geschäftsführer der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW), ist ähnlicher Meinung. So heißt es in einem offiziellen Statement, dass eine erneute Absage an den innerdeutschen Tourismus nicht wirklich überraschend war, man jedoch enttäuscht sei, da der stark gebeutelten Branche erneut keine Perspektive geboten wurde. „Für einen vernünftigen Restart braucht es ein funktionierendes System basierend auf Impfung, Testung und Nachverfolgung. Aber auch eine gewisse Vorlaufzeit, die es den Gastronomie-, Hotel- und Freizeitbetrieben ermöglicht, sich auf ihre Gäste vorzubereiten. Dass beides bisher nicht gegeben ist, lässt sich immer weniger nachvollziehen“, heißt es weiter vom Geschäftsführer der TMBW.

Ihr Autor

BT-Volontär Lukas Gangl

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Erstellt:
25. März 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 14sec

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