Diagnose Endometriose: Jeden Monat durch die Hölle

Rastatt/Hamburg (for) – Die gebürtige Ötigheimerin Annika Weßbecher leidet seit Jahren an der chronischen Frauenkrankheit Endometriose. Dem BT hat sie von ihrem Leidensweg erzählt.

Diagnose Endometriose: Annika Weßbecher kämpft kurz nach ihrer Operation mit Tränen der Erleichterung, der Verzweiflung und vor allem mit Tränen der Wut. Foto: privat

Diagnose Endometriose: Annika Weßbecher kämpft kurz nach ihrer Operation mit Tränen der Erleichterung, der Verzweiflung und vor allem mit Tränen der Wut. Foto: privat

„Der Verdacht hat sich bestätigt, aber sie scheinen fruchtbar zu sein.“ Dieser Satz ist Annika Weßbecher gut im Gedächtnis geblieben, auch wenn die gebürtige Ötigheimerin ihn kurz nach ihrer Operation nur benommen wahrgenommen hat. Rund vier Monate ist es nun her, seit sich die 24-Jährige einer Bauchspiegelung unterzogen hat.

Der Grund dafür? Sie wollte endlich Klarheit. Klarheit über eine Sache, die sie eigentlich schon lange wusste – dass sie eben doch nicht so gesund ist, wie immer alle behauptet haben.

Gebärmutterschleimhaut an der falschen Stelle

Weßbecher leidet unter der chronischen Frauenkrankheit Endometriose, bei der sich gebärmutterartige Zellen an der falschen Stelle bilden, nämlich außerhalb der Gebärmutter an verschiedenen Organen. Dass sie von dieser Krankheit betroffen sein könnte, hat Weßbecher, die inzwischen nach Hamburg gezogen ist, schon lange geahnt. Bis sie die Diagnose erhalten hat, sind allerdings viele Jahre vergangen. Jahre, in denen Weßbecher jeden Monat aufs Neue durch die Hölle ging.

Stechende Unterleibsschmerzen und starke Krämpfe

„Mit der Zeit sind die Unterleibsschmerzen, die Krämpfe in der Bauchgegend und in den Nieren vor und während meiner Periode immer schlimmer geworden“, erzählt die junge Frau. „Und nicht nur die unerträglichen Schmerzen, sondern auch die riesige Menge an Blut, die ich jeden Monat verloren habe. Das alles hat mich jedes Mal sehr gebeutelt.“

Immer wieder stellt sich Weßbecher die Frage, ob mit ihr alles in Ordnung sei, ob ihre Beschwerden nicht doch etwas zu extrem seien – immer wieder bekommt sie eine ähnliche Antwort: „Sie sind gesund, Sie haben einfach Pech, bei Frauen ist das nun mal so, da müssen Sie durch, finden Sie sich damit ab“, fasst die 24-Jährige die Reaktionen sämtlicher Gynäkologinnen, die sie in den vergangenen vier bis fünf Jahren aufgesucht hat, zusammen. „Und die Betonung liegt tatsächlich auf Gynäkologinnen, denn es waren fast immer Frauen“, merkt Weßbecher an. „Für mich macht das die ganze Sache nur noch schlimmer, denn eigentlich erwartet man von weiblichen Frauenärzten, von denen die meisten ja selbst menstruieren, etwas mehr Empathie. Aber dem war leider nicht so.“ Selbst als die 24-Jährige bei der Sprechstunde ganz gezielt ihren Verdacht äußert, Endometriose zu haben, scheint das zunächst niemand ernst zu nehmen. „Komischerweise wurde das von den Ärzten immer sofort abgewehrt, als wäre die Krankheit irgendwie ein Tabu-Thema“, erinnert sich Weßbecher. „Kein Arzt ist näher auf mein Anliegen eingegangen“, klagt sie.

Ende 2020 liegt Weßbecher zu Hause auf ihrem Sofa, sie hat ihre Tage, wie immer hat sie Schmerzen. Dieses Mal aber sind die Beschwerden so stark, dass sie mit Blaulicht von Sanitätern ins Krankenhaus gebracht werden muss. „In der Notaufnahme wurde ich dann auf alles Mögliche untersucht, auch mein Blinddarm wurde gecheckt, obwohl ich von Anfang an betont habe, dass ich meine Periode habe und die Schmerzen definitiv damit zusammenhängen“, blickt Weßbecher zurück.

Zwischen Verzweiflung und Wut

„Irgendwann hat sich dann auch die gynäkologische Fachabteilung eingeschaltet.“ Wieder eine Ärztin, wieder eine Person, die doch eigentlich Verständnis für die Belange und Probleme einer Frau haben müsste. Doch die Odyssee geht weiter: Mit den Worten „Sie sind gesund, ich weiß gar nicht, warum Sie überhaupt hier sind“ wird Weßbecher nach Hause geschickt.

„Mit der Zeit fängt man dann selbst an, sich zu hinterfragen, ob man vielleicht doch einfach übertreibt“, so Weßbecher. Im Austausch mit anderen Endometriose-Geplagten habe sie dann aber doch noch einen Arzt empfohlen bekommen, der ihre Beschwerden nicht abgewunken, sondern ihr zu einer Bauchspiegelung geraten hat, um endlich Klarheit zu bekommen. Bei der Operation bestätigt sich der Verdacht: Bei der 24-Jährigen werden Endometrioseherde gefunden. Nach der Diagnose bricht Weßbecher in Tränen aus. „Ich war erleichtert, endlich zu wissen, was los ist. Gleichzeitig war ich aber auch verzweifelt, und in erster Linie war ich unglaublich wütend, weil ich die Vorahnung der Diagnose im Vorfeld schon längst selbst hatte, aber von keinem Experten ernst genommen wurde“, platzt es aus der Frau heraus. Auch heute noch, vier Monate nach der Diagnose, bebt ihre Stimme, als sie darüber spricht.

Vertrauen in Ärzte ist „angekratzt“

Unter die Wut mischt sich allerdings schnell das Gefühl der Angst. Wie soll es jetzt weitergehen? Welche Optionen gibt es? „Es hat ein paar Wochen gedauert, bis ich mich einigermaßen sortiert hatte“, erzählt Weßbecher. Mittlerweile weiß sie: „Zum jetzigen Zeitpunkt kommt für mich weder eine weitere Operation noch eine Hormonbehandlung infrage. Ich werde erst einmal weiter damit leben.“ Sie habe insofern Glück, dass ihre Endometrioseherde noch relativ klein seien. „Aber die werden natürlich wachsen. Wie es dann für mich weitergeht, wird sich zeigen.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen scheint Weßbecher trotz ihrer Krankheit fruchtbar zu sein. „Darüber war ich natürlich mehr als erleichtert“, sagt sie, fügt aber sofort an: „Man kann nur hoffen, dass das auch stimmt. Ich bin da leider skeptisch, wahrscheinlich, weil mein Vertrauen in Gynäkologen mittlerweile ziemlich angekratzt ist.“

Um anderen Betroffenen Mut zu machen, hat Weßbecher ihre Leidensgeschichte öffentlich gemacht – sowohl auf ihrem Instagramprofil als auch in ihrem Online-Magazin „Tomorrow“, das die Wahl-Hamburgerin im Juni 2021 ins Leben gerufen hat. Mit ihrem Magazin möchte sie auf Themen aufmerksam machen, die in der Gesellschaft entweder komplett tabuisiert werden oder noch immer zu wenig Beachtung finden – dazu gehört auch die Endometriose.

Wie sich die Krankheit bemerkbar macht und welche Therapiemöglichkeiten es gibt, darüber hat das BT im Interview mit Dr. Daniela Hornung vom Endometriosezentrum der Vidiakliniken am Standort Karlsruhe gesprochen.

Um die Endometrioseherde tatsächlich festzustellen, musste sich die 24-Jährige einer Bauchspiegelung unterziehen. Foto: privat

© pr

Um die Endometrioseherde tatsächlich festzustellen, musste sich die 24-Jährige einer Bauchspiegelung unterziehen. Foto: privat


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