Dichterwettstreit de luxe in Gernsbach

Gernsbach (ueb) – Die Wortfechter waren am Freitag in Gernsbach unterwegs. In der Stadthalle wurde gedichtet, gereimt, geknittelt und deklamiert. Vier Poetry Slam-Poeten suchten ihren Meister.

Wortfechter: (von links) Daniel Wagner, Nico Reusch, Richard König, Elias Raatz und Tonia Krupinski. Foto: Dagmar Uebel

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Wortfechter: (von links) Daniel Wagner, Nico Reusch, Richard König, Elias Raatz und Tonia Krupinski. Foto: Dagmar Uebel

Vor fast genau 35 Jahren, am 20. Juli 1986, fand der erste Poetry Slam in Chicago statt. Ausgerichtet wurde er im „The Green Mill“, einem der ältesten Jazz-Clubs der Stadt. Veranstalter war damals der Geschichten schreibende Bauarbeiter Marc Kelly Smith. Inzwischen in vielen Ländern verbreitet, sind es in Deutschland derzeit 130 Ausscheide, während derer sich zu Poeten berufene Frauen und Männer wortgewandt aneinander messen lassen wollen.

Das Prinzip dabei ist einfach: Jeder, der sich dazu berufen fühlt, Selbstgeschriebenes vor Publikum vorzutragen, darf teilnehmen (eingeschränkt lediglich durch das Zeitlimit von sieben Minuten und das Verbot von Hilfsmitteln). Im besten Fall werden die Geschichten und Gedichte jedoch nicht einfach nur vorgelesen, sondern gerappt, geflüstert, geschrien und mit ganzem Körpereinsatz performt. Dabei sind unter den Feierabendpoeten sowohl literarische Debütanten, echte Talente und Platzhirsche, Cracks und Lokalmatadoren hinter dem Mikrofon zu erleben.

Nun also auch in der Gernsbacher Stadthalle. Moderator Elias Raatz, selbst Poet, wie er mit seinen eingestreuten amüsanten Versen bewies, erklärte noch einmal die Regeln. Nachdem sich das Publikum in die Worte der vier Poeten hineingefühlt hatte, kam den vier zufällig ausgewählten Juroren (drei Frauen, ein Mann) die Aufgabe zu, nach jedem der erlebten Beiträge die zutreffenden Zahlentafeln von eins bis zehn hochzuhalten und damit ihre Wertung bekannt zu geben. Doch auch die Zuhörerinnen und Zuhörer waren eingebunden. Ihr lautstarkes „Drei, zwei, eins und Hui“ unterstützte die Jury bei ihrer Wertungsabgabe – und es trug später mit differenzierter Applausstärke zur Entscheidungsfindung bei.

In der Heidelberger und Tübinger Poetenszene sind Tonia Krupinski, Daniel Wagner, Nico Reusch und Richard König vermutlich keine Unbekannten. Wohl deshalb hatte sie der Veranstalter Raatz für die lokale Meisterschaft in Gernsbach ausgewählt. Wer von ihnen den ideellen Lorbeerkranz mit nach Hause nehmen kann, fragte sich jedoch nur das Publikum. Denn für die Slammer selbst spielt das oft nur eine untergeordnete Rolle. Einen guten, eigenen Text will jeder von ihnen vortragen und dann sehen, wie das Publikum darauf reagiert. Vorhersehbar ist das nicht. Und jeder Vortrag sollte anders ein. Da kann es zwar einfach erscheinen, noch einen draufzusetzen, weil der Zeitgeist gerade so ist. Zu viel von einer Sorte muss es jedoch nicht sein.

Zwischen Pennertyp und Erfolgsmensch

Das erste Eis war gebrochen, als Richard König in seinem Einstiegstext „Zu viele Köche verderben den Brei“ feststellte, dass in seinem Kopf oft ein Kampf zwischen Pennertyp und Erfolgsmensch herrsche. Zwei konträre Wesen, die es ihm schwer machten, in Situationen, die Entscheidungen erforderten, die richtige zu treffen. In seinem zweiten Beitrag stellte er sich wortreich vor, was ein Mensch, um einiges älter als er, wohl über ihn denken mag. Als Nico Reusch nach einem zögerlichen „Hallo“ seinen Text „Ich hasse Menschen“ vorzutragen begann, wollten die Zuhörer ihm das nicht unbedingt abnehmen. Denn zugleich folgte sein Eingeständnis, wie sehr er den Schritt auf die große Bühne und mitten hinein ins Scheinwerferlicht genieße. Und doch schwang einiges an Wut mit, als er später aufforderte, in manchen Situationen „einfach mal die Schnauze zu halten“.

Daniel Wagner, der Kleinkünstler aus Heidelberg, schilderte wortgewandt seinen Kampf vor Behörden um Corona-Soforthilfen. Von Steuerbeamten als nicht systemrelevant eingestuft im Land der Dichter und Denker, „wo Gaukler und Narren den Hofstaat bilden“. Nachfolgend seine überschwänglichen Worte über das schiere Schlaraffenland Gernsbach, „wo Vögel gebraten durch den Wald fliegen“.

Völlig anders die Gedanken, mit denen Tonia Krupinski das Publikum fesselte. Ihr Protagonist, der, in enger Plattenbausiedlung aufgewachsen, sich schwor „nie so zu werden, wie sein eigener Vater“. Und der leidvoll erkennen musste, wie schwer, „den Kopf voller Last“, ein solcher Weg sein kann. In ihrem späteren Text folgte die eigene Erkenntnis: „Ich will dich verlassen, glaub nicht, dass ich’s kann.“

Der Worte sind genug gewechselt, hieß es nach etwa zwei Stunden: Die Juroren wählten Daniel Wagner und Richard König zu den Wortkünstlern des Abends. Vier Wortgewandte, der Moderator und das Publikum hatten in ihrer kleinen Meisterschaft den großen Saal der Gernsbacher Stadthalle in eine Hochburg der Kreativität verwandelt.


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