Die Ästhetik kurviger Straßen im Nordschwarzwald

Baden-Baden (vn) – Das Magazin „Curves“ zeigt in seiner 13. Ausgabe, wie exotisch der Nordschwarzwald ist. Herausgekommen ist ein Roadtrip ohne Autos und Menschen, aber mit fantastischen Bildern.

Einsame Waldstraße bei Hundsbach: Bis zum Bau der Schwarzwaldhochstraße, die erst seit 1952 durchgängig befahrbar ist, war die Gegend der sogenannten Waldkolonien nur schwer zu erreichen. Foto: Stefan Bogner/Curves Magazin/Delius Klasing Verlag

Einsame Waldstraße bei Hundsbach: Bis zum Bau der Schwarzwaldhochstraße, die erst seit 1952 durchgängig befahrbar ist, war die Gegend der sogenannten Waldkolonien nur schwer zu erreichen. Foto: Stefan Bogner/Curves Magazin/Delius Klasing Verlag

Kurven sind für Auto- und Motorradfahrer zunächst einmal lästig. Sie verlangen erhöhte Aufmerksamkeit und zwingen oft zum Bremsen. Die Landschaften links und rechts lassen sich höchstens mit einem schnellen Blick erfassen, wenn man nicht gerade anhalten kann. Und so bleibt die Schönheit mancher Asphaltpiste auf der Strecke. Doch jetzt gibt es das Magazin „Curves“. Und plötzlich entfalten auch die Kurven des Nordschwarzwalds ihre ganz eigene Ästhetik.
Ein Magazin für Kurven? Ja, das gibt es tatsächlich. Der Fotograf Stefan Bogner aus München hat bereits in einem Dutzend Ausgaben Straßen in aller Welt porträtiert. Für Band 13 hat er einen Roadtrip durch Süddeutschland gewählt: 1.300 Kilometer von Baden-Baden den Schwarzwald hinab, zum Bodensee hinüber, am Tegernsee vorbei bis Berchtesgaden.

„Curves“ ist kein Heft, sondern ein ziemlich dickes Buch, in der aktuellen Ausgabe 290 Seiten stark. Das Magazin erscheint zweimal im Jahr in Kooperation mit Porsche im Delius Klasing Verlag.

Beim ersten Durchblättern verliert man sich bereits in den zahlreichen ganzseitigen Bildmotiven. Bogner war auf den Straßen unterwegs, fotografierte aber auch aus einem Flugzeug heraus. Entstanden sind Tausende Motive, von denen die besten abgedruckt sind.

Beim zweiten Durchblättern könnte ein Aha-Erlebnis folgen, wenn man sich in der Region gut auskennt. Der Roadtrip startet in der Kurstadt und führt mit einem Schlenker über Gernsbach das Murgtal hinauf bis Raumünzach und Hundsbach, um dann der Schwarzwaldhochstraße bis Freudenstadt zu folgen.

Die Spitzkurve bei Schloss Eberstein im Verlauf der Kreisstraße 3701 hat der Münchner Fotograf gleich aus verschiedenen Perspektiven festgehalten. Fantastische Aufnahmen sind auch von der Verbindungsstraße zwischen Raumünzach und Hundseck entstanden, die durch den Forbacher Ortsteil Hundsbach führt und als L80b auf den Karten zu finden ist.

Eine Reise in die Postkarte

Was man auf allen Fotomotiven im ganzen Buch nicht findet, sind Autos und Menschen. Es ist ein „Automagazin ohne Autos“ und ein „Landschaftsmagazin ohne Menschen“, wie es in einer Rezension auf „Spiegel Online“ kürzlich hieß.

Die Natur und die Eingriffe der Menschen stehen für sich – ruhig, geheimnisvoll, einfach nur schön. Sehr oft verliert sich dann das Asphaltband im Bildhintergrund. Man darf selbst darüber philosophieren, wie es dort weitergehen könnte.

Eine „Reise in die Postkarte“ nennt Bogner das, und er weiß um die Zerbrechlichkeit. Er verstehe „Curves“ als Inspiration, sich auf den Weg zu machen – mit Auto, Motorrad, Roller oder Fahrrad, beschrieb der 1968 geborene Industriedesigner auf „Spiegel Online“ seinen Ansatz.

Ob sich Autofahren mit Naturerleben verträgt? Motorradlärm mit Landschaftsgenuss? Das sind problematische Paarungen, wovon vor allem die Menschen im Nordschwarzwald ein Lied singen können. „Ich verschweige manchmal ganz bewusst besondere Strecken“, gesteht Bogner und hofft auf den Lerneffekt: „Wer sich für die Kultur und die Menschen einer Gegend interessiert, und genau dieses Interesse soll ,Curves’ wecken, der wird sich dort auch respektvoll und besonnen bewegen.“

Lockdown hat die Arbeit erleichtert

Die Pläne für Band 13 und die Route lagen schon lange in der Schublade. Die Pandemie und der Lockdown erleichterten es, den Zauber menschenleerer Straßen einzufangen – es war kaum jemand unterwegs.

Es lohnt sich ein drittes Durchblättern und das Lesen des fast poetischen Begleittextes. So heißt es über den Startpunkt der Tour: „Auch wenn von den glamourösen Tagen Baden-Badens als Sommerfrische des europäischen Jetsets und Adels nicht mehr viel übrig geblieben ist, strahlt die Kurstadt immer noch eine mondäne ,Alt-Weltigkeit’ aus, als wäre die Zeit ein wenig stehen geblieben. Als müsste jeden Moment eine Kutsche mit kokett behüteten Damen ums Eck biegen. Als würden die Grand Hotels immer noch auf Gäste in stampfenden Luxus-Cabriolets warten. Als wären Kurhaus, Festspielhaus und Casino immer noch im wiegenden Walzer-Rhythmus unterwegs, auf ewig gefangen beim Tanztee. Baden-Baden hat die zerbrechliche Aura einer alten Dame, wie eine Ahnung von Rosenduft, träumend vom Handkuss des Kavaliers. Spätestens in den Außenbezirken der Stadt ist dieses Gefühl aber verweht.“

Stefan Bogner: Curves – Band 13 (Süddeutschland), Delius Klasing Verlag, 290 Seiten, 15 Euro.

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Ihr Autor

Volker Neuwald

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Erstellt:
7. Oktober 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 06sec

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