„Die Antworten sind da, man muss jetzt machen“

Karlsruhe (tt) – Keine halben Sachen mehr beim Klimaschutz – dieser Botschaft hat Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock am Mittwoch bei einer Wahl-Kundgebung in Karlsruhe unters Volk gebracht.

Annalena Baerbock sieht das Land vor einer Richtungswahl. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

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Annalena Baerbock sieht das Land vor einer Richtungswahl. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

Uns fehlen noch ein paar Prozent“, ruft Baerbock. Ein paar Prozent, um eine Bundesregierung unter ihrer Führung bilden zu können, eine, die „beim Klimaschutz keine halben Sachen mehr macht“. Baerbock ist an diesem sonnigen Mittwochmittag auf den Karlsruher Marktplatz gekommen, um um die paar Prozent zu kämpfen. Unterstützt wird sie von Zoe Mayer, der grünen Direktkandidatin im Wahlkreis Karlsruhe, und von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der Karlsruher Marktplatz ist zwischen Rathaus und Pyramide gut gefüllt. Die Polizei schätzt, dass es Tausend sind, die Baerbock sehen wollen. Sie kommt in ihrem grünen Wahlkampfbus vorgefahren und hat zweieinhalb Stunden Zeit mitgebracht.

Kretschmann kümmert sich um die Details

Die Arbeitsteilung ist klar: Mayer ist zuständig für den thematischen Überblick über das, was den Grünen wichtig ist: Klimaschutz, Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, Digitalisierung, der Kampf gegen hohe Miet- und Immobilienpreise, Tierschutz, ein besseres Gesundheitswesen. Kretschmann zeigt sich eher detailversessen, referiert über das Bund-Länder-Verhältnis und die Solarpflicht bei Neubauten im Land. Über zumutbare Zumutungen, die der Klimaschutz mit sich bringe, und über Innovationsförderung, in die Baden-Württemberg sehr viel mehr investiere als etwa Laschets NRW oder Söders Bayern. „Wir stehen vor einer epochalen Herausforderung“, schließt der Ministerpräsident. „Wie schaffen wir es, ein lebenswertes Land zu bleiben?“ Die Antwort überrascht nicht: „Annalena Baerbock ist genau die Richtige für die Lösung dieser großen Fragen.“Dann gehört die Bühne der so Gepriesenen, die dynamisch loslegt und nach Themenüberblick und Detailschau die großen Linien zeichnet und vertieft. Die größte: Klimaschutz. Baerbock beschwört eine Richtungswahl am kommenden Sonntag, die Alternative heiße: weiter Wegducken vor der großen Herausforderung oder echter Aufbruch.

Kohleausstieg vor 2038

Baerbock spricht frei, sie gönnt sich fast keine Unsicherheit, keinen Versprecher. Klimaschutz jetzt, um uns den Wohlstand und unseren Kindern eine lebenswerte Zukunft zu sichern, heißt die Botschaft. Nicht gegeneinander, sondern miteinander, Diskurs statt Konfrontation, bei einem klaren Ziel: Klimaneutralität deutlich vor 2050. Dazu gehöre auch ein schnellerer Kohleausstieg. Wer, wie die Bundesregierung, bis 2038 Kohle verfeuern aber spätestens 2045 klimaneutral sein wolle, der handle unredlich, streue den Menschen Sand in die Augen, sagt Baerbock. Ihre Alternative: Solarpflicht für alle Neubauten und zwei Prozent der Landesfläche für alternative Energien wie Windkraft. „Die Antworten sind da, man muss jetzt machen.“Der überwiegende Teil des Publikums ist Baerbock gewogen, spendet viel Applaus. In die Menge hat sich indes auch ein Trupp Verschwörungserzähler gemischt, der mit Trillerpfeifen und hysterischen Zwischenrufen die Veranstaltung massiv stört und sich nach eigenem Bekunden in einer grünen Diktatur wähnt. Passend dazu hat die Partei „Die Basis“, der die Störer ausweislich ihrer Zwischenrufe nahestehen, ein Flugzeug gechartert, das mit „Basis“-Transparent über dem Marktplatz kreist. Die Störer ernten genervte Blicke und Kommentare des Publikums, die Aufmerksamkeit der Redner indes nicht.

„Neuer sozialer Aufbruch nach Corona“

Baerbocks zweite große Linie neben dem Klima: Ein „neuer sozialer Aufbruch nach Corona“. Dazu gehören nach Vorstellung der 40-jährigen Wahl-Potsdamerin ein Mindestlohn von zwölf Euro, eine Verbesserung der Pflegesituation, die Besserstellung von Senioren mit kleiner Rente sowie die Entlastung von Familien und kleinen Einkommen. Steuergeschenken an Topverdiener, wie von Union und FDP geplant, erteilt sie eine klare Absage. Eine Richtungsentscheidung auch hier, nicht nur beim Klimaschutz – und deshalb kämpft Baerbock um die fehlenden Prozente.


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