Die BT-Sportkolumne: Zwei Seiten einer Medaille

Baden-Baden (ket) – Immer öfter kommt es vor, dass Sportler ihre verdienten Medaillen nachgereicht bekommen, weil vor ihnen Platzierte im Nachhinein des Dopings überführt und aus der Ergebnisliste gestrichen wurden. Mittlerweile können die Betrogenen aus sechs Varianten an Feiern auswählen, wie ihnen ihre Medaille nachträglich, oft nach Jahren, übergeben werden soll. Eine Medaillenabnahme-Zeremonie, bei denen den Dopenden Gold, Silber oder Bronze abgenommen wird, gibt es hingegen noch nicht.

Ex-Speerwerferin Christina Obergföll bekommt neun Jahre nach der WM in Daegu doch noch ihre Bronze-Medaille. Foto: Tom Weller/dpa

© picture alliance/dpa

Ex-Speerwerferin Christina Obergföll bekommt neun Jahre nach der WM in Daegu doch noch ihre Bronze-Medaille. Foto: Tom Weller/dpa

Erst neulich ist der Speerwerferin Christina Obergföll eine Ehrung zuteil geworden, die als höchst erfreulich und zutiefst traurig doch zugleich hier beschrieben werden soll. Am Rande des Karlsruher Leichtathletik-Meetings wurde der 38-Jährigen, um gleich zum guten Teil der Geschichte zu kommen, eine Medaille überreicht – und zwar eine aus Bronze. Das Ungute daran: Obergföll wirft mittlerweile gar keine Speere mehr, bereits vor etwas mehr als drei Jahren hat sie ihre Karriere beendet.
Die Medaille, die ihr da in der Karlsruher Messehalle um den Hals gehängt wurde, hatte sie sich dementsprechend bereits lange zuvor verdient, bei der WM 2011 in Daegu nämlich. Die viertbeste Weite hatte die junge Frau aus der Ortenau in Südkorea geworfen, dass daraus im Nachhinein Platz drei und somit besagtes WM-Bronze wurde, hat in erster Linie mit Marija Abakumova zu tun. Die Russin war in Daegu zunächst auf Rang eins gelandet, Jahre später aber, 2016, bei sogenannten Nachtests des Dopings überführt und rückwirkend aus allen Ergebnislisten gestrichen worden. Die Folge: Obergföll rückte einen Platz nach vorne auf Rang drei – und wurde nun, neun Jahre danach, endlich auch mit der dazugehörigen Medaille geehrt.

Ein Einzelfall ist Solcherlei in der Welt des Sports leider keineswegs mehr, vielmehr ist es hässliche Gewohnheit geworden. Wie sehr, weiß Christina Obergföll am besten, schließlich war ihr drei Jahre zuvor schon Ähnliches widerfahren, 2008 bei den Olympischen Spielen von Peking nämlich – und mit der gleichen Bösewichtin. Auch in China war es Abakumova, die zunächst vor der Deutschen platziert war, auf Rang zwei nämlich – auch dieses Resultat wurde dank der Nachtests annuliert. In diesem Fall wurde aus Bronze Silber für Obergföll. Erst letzten August, elf Jahre nach den Spielen von Peking, bekam sie im Rahmen einer kleinen privaten Feierstunde dieses überreicht, also nur ein knappes halbes Jahr, bevor sich das Bronze von Daegu dazugesellen sollte.

Natürlich ist es gut, dass zumindest ein Teil der Doper erwischt und aus dem Verkehr gezogen wird, auch im Nachhinein. Und selbstredend ist es löblich, dass jene, die die Medaillen eigentlich schon damals verdient gehabt hätten, sie zumindest nachgereicht bekommen, ganz egal, wie lange dieses damals her ist. Die gleiche Freude freilich, dieser kunterbunte Überschwang an Gefühlen, stellt sich nicht ein, wie nicht nur Obergföll hat erfahren müssen. „Natürlich freut man sich über die nachträgliche Auszeichnung. Aber eine wirkliche Genugtuung gibt mir das nicht. Dafür ist tatsächlich schon zu viel Zeit vergangen“, hat sie jene Gefühle beschrieben, die sie bei der postumen Medaillenübergabe beschlichen haben

Sechs Varianten von Ersatzfeiernf

.

Dabei muss man feststellen, dass die internationalen Sportverbände, sogar das Internationale Olympische Komitee, durchaus mit der Zeit gehen und die Medaillen-Nachüberreichung aufgewertet haben. Aus sechs Varianten an Ersatzfeiern können die Betrogenen mittlerweile auswählen, von der kleinen Privatfete bis hin zur Ehrung im Rahmen einer Großveranstaltung wie WM oder gar Olympischen Spielen. Sogar IOC-Präsident Thomas Bach erscheint dann auf Wunsch. Wobei diese Frage schon auch gestattet sein muss: Wer wünscht sich das schon?

So oder so: Einerseits führt dies bisweilen zumindest zu ungewohnten Bildern, so wie etwa bei der Siebenkämpferin Jessica Ennis-Hill, die sich im Rahmen der Leichtathletik-WM 2017 nachküren ließ – und das oberste Siegertreppchen mit prallem Babybauch bestieg. Und ist doch – andererseits – allemal besser als jene Art, auf die Nadine Kleinert ihre Medaillen rückwirkend erhalten hat, nämlich als Päckchen und per Post. 13 im wahrsten Sinne des Wortes Nachsendungen, so hat es die ehemalige Kugelstoßerin einmal zusammengerechnet, waren es im Lauf ihrer Karriere. Es ist der wohl traurigste Weltrekord, den es gibt – und Kleinert selbst ist sich nicht ganz sicher, ob sie ihn nicht doch nochmals brechen wird. „Die letzte Medaille werde ich wahrscheinlich mit dem Rollator abholen“, hat sie einmal geunkt.

Wobei es ja keineswegs nur die großen Gefühle sind, um die Kleinert, Obergföll und all die anderen zu ihren aktiven Zeiten betrogen wurden. Es geht schon auch um die Kohle, um all die Förder- und Sponsorengelder, die dem Sieger offenstehen und dem Verlierer verwehrt bleiben, selbst wenn er nur vermeintlich der Geschlagene ist.

Die Hymne wird rückwärts gespielt

Immerhin: Wirtschaftliche Konsequenzen und Schäden müssen mittlerweile auch die überführten Betrüger fürchten. Wie man ihnen das erschlichene Triumphgefühl des Sieges wieder nehmen kann, auch darüber sollten die internationalen Sportverbände in einer ruhigen Stunde einmal nachdenken.

Unser (durchaus noch ausbaufähiger) Vorschlag für eine Medaillenabnahme-Zeremonie: Die Delinquenten müssen per Spießrutenlauf das in Schwarzlicht gehüllte, selbstredend marode Stadion betreten, wo sie von der buhenden Masse empfangen und mit allerlei Schimpftiraden bedacht werden. Danach müssen sie, während die Hymne ihres Landes von einer tunesischen Blaskapelle rückwärts gespielt und die vom Wind zerfetzte Flagge eingeholt wird, eine schmale Treppe in die Stadionkatakomben hinabsteigen, wo – das Schlimmste kommt bekanntermaßen zum Schluss – IOC-Präsident Thomas Bach persönlich auf sie wartet, um ihnen die ertrogene Medaille diabolisch grinsend vom Hals zu reißen.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.