„Die Bevölkerung wird nicht gefragt“

Gernsbach (stj) – Wie im Vorjahr sorgt die Sperrung am Stadtbuckel für Verdruss: In der Altstadt regt sich nun Widerstand.

Ilyas Aslan sammelt knapp 40 Unterschriften, mit denen sich Bewohner der Amtsstraße gegen die aktuelle Verkehrsregelung als Einbahnstraße beschweren. Foto: Stephan Juch

© stj

Ilyas Aslan sammelt knapp 40 Unterschriften, mit denen sich Bewohner der Amtsstraße gegen die aktuelle Verkehrsregelung als Einbahnstraße beschweren. Foto: Stephan Juch

Während die Stadt behauptet, die Sperrung der Hauptstraße auch für die Anwohner in der Altstadt vorzunehmen, um sie vom Verkehr zu entlasten, monieren betroffene Bürger fehlendes Mitspracherecht. „Die Bevölkerung wird überhaupt nicht gefragt“, sagt zum Beispiel Gerd Kappler. Er ist einer von 36 Anwohnern aus der Amts- und der Hauptstraße, die sich an einer von Ilyas Aslan initiierten Unterschriftenaktion beteiligt haben.

„Wir, die Bewohner der Amtsstraße, sind gegen die momentane Regelung als Einbahnstraße. Wir fordern die Stadt Gernsbach auf, die Schilder zur Einbahnstraßenregelung wieder zu entfernen.“ Diesen Text samt der Unterschriften vieler Betroffener haben Aslan und Kappler am Mittwoch an Ordnungsamtsleiterin Angela Tomic übergeben. Sie verwies jedoch darauf, dass seitens der Unteren Verkehrsbehörde im Landratsamt und der Verkehrspolizei im Zuge der Sperrung des Stadtbuckels angeordnet worden sei, die Amtsstraße als Einbahnstraße auszuweisen. Sie sei zu eng für den gegenläufigen Verkehr. Jetzt fragen sich die Anwohner: „Wird die Amtsstraße im Oktober etwa breiter, wenn die Hauptstraße wieder frei ist und die normale Verkehrsführung wieder gilt? Und was hat der Verkehr auf der Hauptstraße mit der Amtsstraße zu tun?“

Probleme verlagern sich

Weil die Zufahrt vom alten Rathaus seit 10. Juni nicht mehr erlaubt ist, müssen Anlieger über Umwege durch die Altstadt ihre Häuser erreichen. Das verlagert den Verkehr und sorgt an anderen Stellen für Probleme. Etwa in der Kornhausstraße, in der es oft „kriminell und gefährlich“ zugehe, wie Anlieger berichten. Zudem sei zu beobachten, dass sich (meist auswärtige) Verkehrsteilnehmer oft nicht an die Einbahnstraßenregelung in der Haupt- und in der Amtsstraße hielten. Zu sehen war dies gestern Vormittag, als ein Fahrzeug mit Badener Kennzeichen verbotswidrig den Stadtbuckel runterfuhr. „Das kommt ständig vor“, belustigte sich eine Stammtischrunde, die das Geschehen vom Eiscafé Franrosa aus beobachtete. Man müsste ein Hinweisschild auf das Durchfahrtsverbot schon an der Ecke Färbertorplatz / Mühlgrabenweg anbringen, meinen sie. Die Sperrung des Stadtbuckels unter der Woche halten sie sowieso für überflüssig. „An Wochenenden ist es okay, aber die ganze Zeit braucht es das nicht“, lautet ihr Tenor. Der deckt sich mit den Anwohnern der Amtsstraße: „Die Sperrung nutzt keinem“, stellen sie auch in Abrede, dass die umliegenden Gastronomiebetriebe groß davon profitieren, zumal es in diesem Jahr auch keinen Altstadtsommer gibt. Dieser hatte im Corona-Sommer 2020 für kulturelle Glanzlichter gesorgt und viele Gäste in die Altstadt gebracht. Wegen der fehlenden Planungssicherheit hat die Stadt dieses Mal aber davon abgesehen, entsprechende Veranstaltungen zu organisieren. Sie setzt ihre Hoffnungen verstärkt auf die Eigeninitiative der Gastronomen.

Kritische Nachfrage auch im Gemeinderat

Auch im Gemeinderat hat die Sperrung des Stadtbuckels jüngst für eine kritische Nachfrage gesorgt. Stefan Eisenbarth (CDU) erkundigte sich, auf welcher Grundlage diese ohne Beschluss des Gemeinderats erfolgt sei? Bürgermeister Julian Christ verwies auf den Versuch der testweisen Sperrung, der nun in die zweite Runde gehe. Dafür brauche es keinen Beschluss des städtischen Parlaments. Dass es so nach Baustelle aussehe, sei der klare Wunsch der Verkehrsbehörde gewesen: Die Absperrung solle möglichst auffällig sein, erklärte Christ. „Wir haben noch keinen finalen Beschluss über die Verkehrsführung in der Altstadt“, stellte der Schultes fest. Der neuerliche Test soll für die spätere Entscheidung weitere Erkenntnisse liefern.

Derweil hoffen die Anlieger, dass sie diesbezüglich dann mit ins Boot geholt werden und nicht nur per Schreiben auf die künftige Regelung hingewiesen werden – so wie es im Vorfeld der aktuellen Situation geschehen war. „Uns bringt die Sperrung nichts, außer Umwege“, beklagt sich Ilyas Aslan. Die Leute in seiner Nachbarschaft sehen das genauso, wie die vielen Unterschriften belegen.

Gemeinsam geht anders: Ein Kommentar von Stephan Juch

Natürlich kann man darüber streiten, was die beste Lösung für die Verkehrsführung in der Altstadt ist. Man wird es nie allen recht machen können, wenn es so viele Möglichkeiten gibt – vom Erhalt des Status quo bis zur reinen Fußgängerzone. Bei allen anstehenden Entscheidungen ist eins sicher: Sie sollten auch unter Berücksichtigung der Anwohner erfolgen. Sie einfach nur darüber zu informieren, was gemacht wird, entspricht nicht unbedingt der Bürgerbeteiligung, von der man im Gernsbacher Rathaus gerne spricht. „Als Bürgermeister möchte ich den Menschen zuhören und gemeinsam mit ihnen die Zukunft gestalten“, hatte Julian Christ 2017 im Wahlkampf angekündigt. Bezüglich der Verkehrsführung in der Amtsstraße warten die Bürger noch darauf. Genauso wie die von ihnen gewählten Vertreter im Gemeinderat, die nach der testweisen Sperrung des Stadtbuckels im Vorjahr nicht mit ins Boot geholt worden sind, als es um die Sinnhaftigkeit einer Fortsetzung dieses „Versuchs“ ging. Gemeinsam geht anders.

„Schön ist anders“, meinen viele angesichts dieser Absperrung am Stadtbuckel. Sie vermittelt mit drei Gittern und acht Lampen den Eindruck, die Hauptstraße sei eine Baustelle. Foto: Stephan Juch

© stj

„Schön ist anders“, meinen viele angesichts dieser Absperrung am Stadtbuckel. Sie vermittelt mit drei Gittern und acht Lampen den Eindruck, die Hauptstraße sei eine Baustelle. Foto: Stephan Juch


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.