Die Birken sterben einen stillen Tod

Gaggenau (tom) – Die Umweltabteilung der Stadt Gaggenau warnt vor einem massiven Birkensterben auch in Gaggenau.

Deutlich braun schon im Sommer: Für diesen Baum bei der Traischbachhalle scheint das Todesurteil gefällt. Foto: Stadt

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Deutlich braun schon im Sommer: Für diesen Baum bei der Traischbachhalle scheint das Todesurteil gefällt. Foto: Stadt

Bundesweit sei zu beobachten, dass der beliebte Straßen-, Garten- und Parkbaum mit den klimatischen Veränderungen zu kämpfen hat. Auch in Gaggenau werde die Zahl der Birkenbäume immer kleiner werden. Für den Stadtwald zeichnet Forstbezirksleiter Markus Krebs ein differenziertes Bild.

Eigentlich sei der Baum mit der auffallend weißen Rinde, dem schlanken Wuchs mit dreieckeckigen hängenden Blättern aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken, berichtet die Stadtverwaltung. Doch in diesem Jahr seien die negativen Veränderungen noch deutlicher zu sehen, erklärt Baumkontrolleur Dustin Busack und verweist auf braunes Laub, kahle Kronen, abbrechende Astpartien und eine hohe Pilzanfälligkeit durch den Pilz Birkenporling.

Rückschnittarbeiten verfehlen ihre Wirkung. Immer mehr Birken müssten aufgrund plötzlichen Absterbens gerodet werden.

„Die Bäume signalisieren uns durch ihre untypische Reaktion von Bruch und Umsturzgefahr, dass sie mit den langen Trockenperioden und den viel zu kurzen Wintertagen nicht mehr klarkommen“, wird Busack zitiert.

Nicht nur das Klima ist schuld

Die Standortfaktoren seien heutzutage nicht mehr gut genug und führen durch zu starke Versiegelung zu mangelhafter Wasserbindung an den Wurzeln. Starke Belichtung und Reflexion der Gebäude, Vibration des Verkehrs, fehlender Luftaustausch im Boden, viel zu kleine Pflanzlöcher seien zusätzliche Birkenkiller, zählt der Baumexperte die negativen Einflüsse auf.

Auch wenn sie Wasser dringend braucht, seien sintflutartige Regenfälle, zum Beispiel Gewitterregen, nicht hilfreich: Denn sie führen zu Staunässe und diese wiederum zum Absterben der oberflächennahen Wurzeln. Die angebauten Reservestoffe der „fetten“ Jahre neigen sich schnell dem Ende und die Birke verhungert. Die städtische Umweltabteilung rechnet damit, dass sich bei anhaltender Wetterlage die Situation der Birken weiter verschlechtern wird und sie damit irgendwann ganz aus dem Stadtbild verschwinden wird.

Die großen Bäume jetzt noch zu wässern sei jedoch sinnlos und auch wirtschaftlich nicht zu stemmen: Denn Tag für Tag wären 1.000 bis 2.000 Liter Wasser nötig. Aus diesem Grund setzt die Umweltabteilung darauf, nun in die Zukunft zu investieren. Das heißt auf die Auswahl der richtigen Baumgattungen und den dazugehörigen passenden Standort zu achten. Standorte, die wieder viel Wasser aufnehmen können und die nachfolgenden Gehölze resistenter werden lassen.

Viele Früchte, dafür weniger Laub

Die Birke ist an sich kein Stadtbaum, sondern ein Pioniergehölz, das in der freien Natur zu den ersten Bäumen zählt, die sich auf Freiflächen erfolgreich ansiedeln. Auf BT-Anfrage erläutert Forstbezirksleiter Markus Krebs die Lage im Gaggenauer Stadtwald.

Auch im Wald sehen die Birken derzeit schlecht aus, bestätigt Krebs. Dies sei zu einem maßgeblichen Teil auf die Dürre und Hitze der letzten zwei, drei Jahre zurückzuführen.

Generell gehe es vielen Bäumen wegen der Trockenheit schlecht. Nicht nur Nadelbäume seien betroffen, „wir haben immer mehr auch dürr werdende Buchen“, gibt Krebs zu bedenken. Sichtbar auch für Nichtfachleute: Die Buchen werden von der Krone her dürr.

Denn dort, ganz oben, ist der „Saftdruck“ am geringsten – und somit die Versorgung am schwierigsten. Folge: Kronen und obere Äste sterben ab

Bei den Birken sei dieses Jahr eine deutlich frühere Laubverfärbung erkennbar. Allerdings hatte die Belaubung dieses Jahr auch sehr früh eingesetzt. Ein weiterer Umstand, den es zu beachten gilt: Die Birken haben dieses Jahr relativ stark Samen und Früchte gebildet (Fruktifizierung). Die kleinen Fruchtstände (Kätzchen) und die daraus hervorgehenden geflügelten Früchtchen sind nun, beschleunigt durch die Trockenheit, bereits sehr braun geworden. Dies trägt zur „welken“ Erscheinung des gesamten Baumes bei.

Allerdings ist die starke Fruktifikation der Waldbäume wiederum ein stückweit dem Klimawandel geschuldet. Generell kostet eine starke Fruktifizierung einen Baum viel Kraft; dies wiederum geht auf Kosten der Belaubung.

Mit einem Flächenanteil von maximal zwei Prozent am Stadtwald kommt der Birke unterm Strich keine große wirtschaftliche Bedeutung zu – doch wird sie als Brennholz (gut entflammbar, relativ hoher Brennwert) durchaus geschätzt. Förster Krebs betont aber: „Die Birke ist mir eine lieb gewordene Pionierbaumart. Denn bei der Verjüngung bildet sie einen Schutzschirm gegen Spätfrost und Trockenheit.“

In der Nähe des Waldfriedhofs gibt es einen größeren Birkenbestand im Stadtwald.

Stichwort

Birken: Bei den meisten Birken in der Stadt handelt es sich um Betula pendula, die sogenannte Sandbirke oder Hängebirke (wegen ihrer Zweige). Der Baum des Jahres 2000 gilt als Pioniergehölz, auf Lichtungen, Kahlschlägen oder Sturmwurfflächen. Er gedeiht auch auf nährstoffarmen Böden gut. Es zeichnet ihn aus, dass er diese Böden besiedelt, Nährstoffe bindet und den Boden für nachfolgende Gehölze durchwurzelbar umgräbt.

Die Birke wächst schnell, wird aber schon deutlich vor Erreichen ihres Höchstalters (circa 120 Jahre) von anderen Baumarten überholt und sprichwörtlich in den Schatten gestellt. (tom)

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Erstellt:
6. August 2020, 20:00 Uhr
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