Die Bücherei – eine Erfolgsgeschichte in Kuppenheim

Kuppenheim (sawe) – Seit 100 Jahren besteht die Einrichtung in der Knöpflestadt und wird derzeit von einem 30-köpfigen ehrenamtlichen Team betreut. Nun steht ein Generationswechsel an.

Erna Wetzel (links) leitet die Bücherei, die sich einst im alten Pfarrhaus (heute Drogerie Adler) befand. Das Gebäude ist auf dem historischen Foto abgebildet, das Anja Reuter in der Hand hält. Es wurde von Heinz Adler zur Verfügung gestellt. Foto: Frank Vetter

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Erna Wetzel (links) leitet die Bücherei, die sich einst im alten Pfarrhaus (heute Drogerie Adler) befand. Das Gebäude ist auf dem historischen Foto abgebildet, das Anja Reuter in der Hand hält. Es wurde von Heinz Adler zur Verfügung gestellt. Foto: Frank Vetter

Als Anja Reuter mit ihrer Familie nach Kuppenheim zog, war sie angenehm überrascht, eine Bücherei mit einem so großen Angebot vorzufinden. Das hätte die Neubürgerin in einer Stadt dieser Größenordnung niemals erwartet. Sie war so begeistert, dass sie sich bald darauf in der Einrichtung engagierte: Die 47-Jährige ist seither für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und gehört zum 30-köpfigen Büchereiteam mit Erna und Hermann Wetzel an der Spitze, das in ausschließlich ehrenamtlicher Tätigkeit „Die Bücherei“ – St. Sebastian Kuppenheim (KÖB) betreibt. Diese besteht seit 100 Jahren.
Das Angebot in der Bücherei an der Friedrichstraße ist vielfältig: Insgesamt 23.500 Medien stehen zur Ausleihe bereit, davon rund 6.500 vor Ort und 17.000 in der Onleihe (libell-e.de). Es gibt Romane, Thriller, Sachbücher, Spiele, CDs (Hörspiele für Kinder und Erwachsene), DVDs, Kinder- und Jugendbücher sowie 32 Zeitschriftenabos, die zum Großteil von Firmen gesponsert werden, wie Erna Wetzel stolz anmerkt. Etwa 700 aktive Leser in allen Altersgruppen aus Kuppenheim und umliegenden Gemeinden nutzen die Bücherei, darunter viele Familien. Allein im vergangenen Jahr kamen 51 Neuanmeldungen hinzu. Jedes Jahr werden neue Medien angeschafft – 2020 waren es 769 (und zusätzlich über 2.000 E-Medien in der „libell-e“). Als Rekordausleihtag geht ein Sonntag mit 266 Ausleihen in einer Stunde in die Geschichte ein. Zum Vergleich: Im Schnitt sind es 120 pro Termin.

Normalerweise ist die Bücherei stundenweise viermal die Woche geöffnet, aufgrund des Lockdowns aber derzeit geschlossen. Daher bietet sie nun ab dem heutigen Mittwoch einen kostenfreien Bestell- und Abholservice „Bücher-to-go“ an – und zwar Mittwoch, von 17 bis 19 Uhr und Sonntag von 11 bis 12 Uhr. Bestellt werden muss zuvor online.

Anno dazumal herrschten strenge Sitten

Die Bücherei wurde einst als Pfarrbücherei geführt. Sie besteht seit 1921 – mit kurzer Unterbrechung während des Zweiten Weltkriegs – und ist mehrfach umgezogen. Sie hat sich dabei in all den Jahren vom Kellerkind zur attraktiven Einrichtung im Herzen der Stadt gemausert. Ins Leben gerufen wurde sie von Stadtpfarrer Heinrich Geiler mit Unterstützung des Junglehrers Leo Bruder, schildern Erna Wetzel und Anja Reuter die Historie, soweit diese bekannt ist.

Die erste Bücherei war demnach in der Volksschule in der Murgtalstraße untergebracht, musste dann aber 1933/34 in einen rund 15 Quadratmeter großen Keller des damaligen Pfarrhauses, der heutigen Adler-Apotheke, umziehen. Mit Pfarrer Paul Enderle, der ein Befürworter und Förderer der Bücherei war, erlebte die Einrichtung 1950 einen Aufschwung. 1959 kam sie wieder in einen Keller – dieses Mal in das neu errichtete Pfarrhaus in der Stefanienstraße, 1995 dann in den rückwärtigen Teil des neu gebauten St.-Sebastian-Hauses, bis sie schließlich 2011 in den etwa 115 Quadratmeter großen Raum mit Schaufenstern in der Friedrichstraße ihr jetziges Domizil fand.

Nutzer müssen nicht katholisch sein

Früher durften sich die Nutzer nicht selbst ein Buch aus den Regalen aussuchen. Ihnen wurde eine Lektüre empfohlen, weiß Erna Wetzel von strengen Gepflogenheiten anno dazumal zu berichten. Und wenn ein Buch zurückgegeben wurde, wurde dieses genau untersucht, „ob auch keine Eselsohren drin waren“. Noch vor einigen Jahren hätten sich manch lesefreudige Menschen erkundigt, ob sie die Bücherei überhaupt nutzen dürfen, da sie ja nicht katholisch seien, erzählt die Kuppenheimerin schmunzelnd. Das dürfen sie, denn „Die Bücherei“ ist öffentlich und „für alle da“. Die Ausleihe ist kostenlos. Lediglich für die Onleihe wird eine Jahresgebühr von zehn Euro erhoben.

Flohmarkt-Einnahmen fehlen in der Kasse

Heute finanziert sich die Bücherei mit Zuschüssen der Kirche (550 Euro) und der Stadt Kuppenheim (3.500 Euro) pro Jahr sowie aus Spenden und den Erlösen der zweimal im Jahr stattfindenden Bücherflohmärkte, die 2020 allerdings coronabedingt ausgefallen sind. Die Einnahmen fehlen in der Kasse, während sich im Keller Bücher stapeln. Um Platz zu schaffen, stellt Erna Wetzel daher bei schönem Wetter Medien zum kostenlosen Mitnehmen vor die Tür mit dem freundlichen Hinweis, dass spenden darf, wer etwas geben will. Außerdem betätigt sich die KÖB als Medienvermittlerin. So können über sie neue Bücher bestellt werden. Alle Jahre wieder, wenn keine Pandemie ist, beteiligt sich die Einrichtung an Ferienspaßprogramm der Stadt, bietet Klassen- und Kindergartenführungen sowie weitere Aktivitäten.

15.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden pro Jahr

Um die Arbeit zu stemmen, bedarf es eines engagierten Teams. Und da sind Erna Wetzel und ihr Mann Hermann mit gutem Beispiel vorangegangen. Sie haben vor 26 Jahren die Verantwortung für die Bücherei übernommen, die zuvor 20 Jahre bei Heinrich Westermann lag.

Auf rund 15.000 Stunden im Jahr schätzt Wetzel den zeitlichen Aufwand aller Ehrenamtlichen, wahrscheinlich ist er aber noch größer: „Ich stelle mir keinen Wecker, wenn wir hier sind“, meint die 71-Jährige, die betagten Lesern auch schon mal Bücher nach Hause bringt. Die Mitstreiter arbeiten in Teams, haben sich die Aufgaben aufgeteilt – einige kümmern sich um Neuerscheinungen oder Bestellungen, andere um Finanzen, Buchhaltung, EDV, Online-Auftritt. Bis ein neu gekauftes Buch im Regal steht und im System eingepflegt ist, „das ist richtig viel Arbeit“, weiß Anja Reuter aus eigener Erfahrung.

In diesem Jahr steht nicht nur ein besonderes Jubiläum an, sondern auch ein Generationenwechsel in der Kuppenheimer Bücherei. Das Ehepaar Wetzel will die Leitung in jüngere Hände legen und seine Tätigkeit zum Jubiläum beenden, auch vier weitere ehrenamtliche Mitarbeiter, die seit vielen Jahren dabei sind, wollen sich zurückziehen. Einige potenzielle Nachfolger stehen aber schon bereit, so Wetzel.

Jubiläumsfeier im kleinen Rahmen

Das Jubiläum soll in kleinem Rahmen gefeiert werden. Mit Blick auf die Pandemie wurde das Programm deutlich abgespeckt: Geplant ist bisher am 20. Juni ein Gottesdienst in St. Sebastian mit anschließendem Stehempfang im Gemeindehaus. Bis dahin hoffen Erna Wetzel und Anja Reuter vielleicht noch einige Lücken schließen zu können, die die Historie der Bücherei aufweist. Sie würden sich daher über entsprechende Informationen freuen, ebenso über alte Fotos der Bücherei, die sie dann ausstellen könnten. Schließlich gehört die KÖB in Kuppenheim zu den erfolgreichsten Büchereien im Erzbistum Freiburg, hat Anja Reuter im Zuge ihrer Recherchen bei der Fachstelle für kirchliches Büchereiwesen erfahren.

www.koeb-kuppenheim.de

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Erstellt:
27. Januar 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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