„Die Deponie ist faktisch voll“

Gaggenau (tom) – Er gilt als Experte für Deponien und Altlasten. Im BT-Interview erläutert Dr. Hans-Peter Huppert seine Beweggründe, sich gegen die Deponiepläne des Landkreises zu engagieren.

In Oberweier hat sich Widerstand gegen die geplante Erweiterung der Mülldeponie formiert. In zahlreichen Aktionen und Veranstaltungen wird dies deutlich. Foto: Elke Rohwer/Archiv

© er

In Oberweier hat sich Widerstand gegen die geplante Erweiterung der Mülldeponie formiert. In zahlreichen Aktionen und Veranstaltungen wird dies deutlich. Foto: Elke Rohwer/Archiv

Die Bürgerinitiative Stop Deponie Oberweier ist zu einer ernst zu nehmenden Gegnerin der Deponiepläne des Landkreises geworden. Sie will insbesondere die Ablagerung von PFC-haltigem Erdaushub auf der Deponie verhindern. Mit dem Altlastenexperten Dr. Hans-Peter Huppert hat sie einen anerkannten Fachmann verpflichtet. Im BT-Interview beantwortet er Fragen von Thomas Senger.

BT: Herr Dr. Huppert, warum haben Sie die Anfrage aus Oberweier angenommen und vertreten die Deponie-Initiative?
Dr. Hans-Peter Huppert: Weil ich letztes Jahr beim geplanten Ausbau der Deponie Wicker in Hessen das Gleiche erlebt habe, was aktuell in Oberweier geschieht: Ein sogenannter „ergebnisoffener und transparenter Entscheidungsprozess“ entpuppt sich als Alibiveranstaltung. Wichtige Vorentscheidungen sind bereits getroffen, Fehler der Vergangenheit werden zugedeckt und die Interessen der Menschen vor Ort spielen eine untergeordnete Rolle. Deshalb unterstütze ich die BI bei der Herstellung von mehr Transparenz rund um den geplanten Deponie-Neustart 2028 in Oberweier.

BT: Oberweier ist also keine Ausnahme-Erscheinung?
Huppert: Nein, leider nicht. In Deutschland gibt es aktuell rund 1.000 alte Deponiestandorte, von denen viele in den nächsten Jahren voll sein werden. Trotz Müllvermeidung, Recycling und Verbrennung ist die Menge des Restmülls, der auf einer Deponie landet, in den letzten 20 Jahren jedoch so gut wie gleich geblieben. Das bedeutet: Deponieraum ist ein sehr knappes Gut. Die Politik hat diese Entwicklung vollkommen verschlafen beziehungsweise totgeschwiegen. Anstatt das Thema offen zu diskutieren, sucht man die einzige Rettung im Weiterbetrieb von Altstandorten wie Oberweier, egal, ob das ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist. Und ganz davon abgesehen, ob das den Menschen vor Ort, die bereits seit Jahrzehnten die Mülllast tragen, zuzumuten ist.

Oberweier kann Beitrag zur Diskussion leisten

BT: Was raten Sie?
Huppert: Wir brauchen in Deutschland dringend eine transparente und öffentliche Diskussion über die Restmüllentsorgung der Zukunft. Oberweier kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

BT: Diese Diskussion muss geführt werden. Aber was der Landkreis dringend braucht, ist Platz für Müll.
Huppert: Jetzt kommen wir auf den Punkt. Die Deponie Oberweier ist seit 1999 faktisch voll. Nur um die Deponie nicht schließen zu müssen, wird seitdem ein kleines Restvolumen vorgehalten. Noch 2015 wird im Abfallwirtschaftskonzept des Landkreises Rastatt festgestellt, dass keine Erweiterung der Deponie Oberweier geplant ist, vor allem aber, dass aufgrund einer Kooperation mit dem Enzkreis die Entsorgung von Abfällen langfristig gesichert ist.
Da das offensichtlich nicht der Fall ist, wurde im Oktober 2020 eine positive Machbarkeitsstudie zur Erweiterung der Deponie Oberweier vorgestellt, ohne die Ergebnisse eines Standortsuchverfahrens abzuwarten. Übrigens das gleiche Procedere wie 1993, als die Deponie mit einer rechtlich kaum haltbaren ad-hoc-Genehmigung um rund 360.000 Kubikmeter erweitert wurde. Wenn der Kreis mehr eigenen Deponieraum benötigt, dann darf das nicht durch die Hintertür geschehen, sondern in einem ergebnisoffenen, rechtlich einwandfreien und transparenten Verfahren.

BT: Ist es nicht besser, nur einen Deponiestandort zu haben anstatt mehrere? Zumal niemand im Landkreis sagen würde: „Ja, wir wollen auch eine Deponie bei uns!“ Was ist also der „wichtige Beitrag“, den Oberweier leisten könnte?
Huppert: Die Frage greift viel zu kurz, weil sie suggeriert, dass hier eine einfache Lösung existiert. Genau das ist aber das Problem, denn ein einfaches Besser oder Schlechter gibt es bei dieser sehr komplexen Thematik nicht.

Einfache Lösung ist nicht in Sicht

Die richtige Frage lautet: Wie gefährlich für Mensch und Umwelt ist der Ausbau eines alten Deponiestandortes, der heute an dieser Stelle gar nicht mehr genehmigt würde, dessen Sicherheitsvorkehrungen mangelhaft sind und dessen Technik veraltet und marode ist im Vergleich mit einem neuen, dem Stand der Technik entsprechenden Standort auf der grünen Wiese? Erst, wenn diese Fragen in einem fundierten Standortsuchverfahren beantwortet werden, kann man entscheiden, was jeweils die beste Lösung ist.
Einmal Deponie darf nicht automatisch bedeuten „Immer Deponie“. Dass diese Diskussion auch bei anderen Standorten in Zukunft offen geführt wird, dazu kann Oberweier einen wichtigen Beitrag leisten.

BT: Eine einfache Lösung habe ich nicht unterstellt. Aber aus Sicht des Landkreises ist es besser, einen Standort zu ertüchtigen, damit man Entsorgungssicherheit hat und keine neuen Standortverfahren – die möglicherweise ergebnislos verlaufen. Warum lehnen Sie das ab?
Huppert: Da muss ich gleich zwei grundlegende Missverständnisse ausräumen:

Erstens: Ich bin keinesfalls gegen die weitere Nutzung eines Deponiealtstandortes, wenn dieser am Ende eines Standortsuchverfahrens als beste Lösung dasteht.

Zweitens: Beim geplanten Ausbau der Deponie Oberweier handelt es sich um keine Erweiterung oder gar um eine „Ertüchtigung“, sondern um den Bau zweier neuen Deponien auf der alten Deponie. Das ist genehmigungsrechtlich etwas ganz anderes.

„Eigentlich ein politischer Skandal“

BT: Und in praktischer Hinsicht?
Huppert: Der Begriff „Ertüchtigung“ wird insbesondere dann von Betreibern und Gutachtern ins Spiel gebracht, wenn es darum geht, zu verharmlosen und bisherige Versäumnisse zu kaschieren. Eine nicht vorhandene Basisabdichtung kann ich genauso wenig ertüchtigen, wie ein fehlendes Sickerwassererfassungssystem oder eine fehlende Oberflächenabdichtung.
Genau das trifft in Oberweier auf den Deponiebereich zu, auf dem die neue PFC-Deponie errichtet werden soll. Dass es hier seit über 40 Jahren keine funktionierende Oberflächenabdichtung gibt, ist unverantwortlich und eigentlich ein politischer Skandal.
Fairerweise muss man dazu sagen, dass in den Entscheidungsgremien der kommunalen Eigenbetriebe und in den Kreistagen keine Fachleute sitzen, sondern Politiker, die zu 100 Prozent auf die Expertise von Gutachtern angewiesen sind. Dass bei der „unabhängigen“ Gutachtermeinung oftmals handfeste finanzielle Eigeninteressen eine Rolle spielen und somit politische Entscheidungsprozesse beeinflusst werden, ist ja nichts Neues.

BT: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Sie sind so lange im Deponie-Geschäft. Und dieses Mal singen Sie das Lied der Deponiegegner.
Huppert: Ach wissen Sie, ich habe es nicht mehr nötig, irgendwelche Lieder zu singen und um es auf den Punkt zu bringen: Ich stehe nicht auf der Seite, auf der es um Millionenaufträge geht. Wir stehen hier vor einem gesellschaftlichen Problem, das hochaktuell ist und weit über Oberweier hinausgeht. Trotz Müllvermeidung, Recycling und hochmodernen Verbrennungsanlagen ist das Restabfallvolumen, das auf Deponien landet, mit rund 70 Millionen Tonnen im Jahr seit 20 Jahren in etwa gleich geblieben. Zu glauben, dass wir in Zukunft diese Mengen auf den immer weniger werdenden Altdeponien unterbringen können, ist vollkommen unrealistisch. Deshalb brauchen wir dringend eine offene und vor allem transparente Diskussion, wie wir in Zukunft mit unserem Restmüll umgehen wollen.

Das Interview wird am Dienstag fortgesetzt. Weite Berichterstattung zur Deponieerweiterung und der Bürgerinitiative können Sie hier lesen.

Zur Person

Hans-Peter Huppert. Foto: privat

© pr

Hans-Peter Huppert. Foto: privat

Diplom Geograph Dr. Hans-Peter Huppert (Jahrgang 1957) hat sich in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten als Geschäftsführer und Berater im In- und Ausland im Bereich Altlasten einen Namen gemacht. Sein jüngstes Buch von 2019 trägt den Titel „Die Sünden der Nachhaltigkeit: Und die Macht des Nicht-Tuns“ .

Ihr Autor

BT-Redakteur Thomas Senger

Zum Artikel

Erstellt:
30. Mai 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 26sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.