„Die Erwartungshaltung wird oft enttäuscht werden“

Baden-Baden (naf) – Die Impfpriorisierung ist seit Montag in den Hausarztpraxen in Baden-Württemberg aufgehoben. Das Problem der Impfstoff-Knappheit ist damit allerdings nicht gelöst.

Seit Montag können Hausärzte ihre Patienten – hier in Elchesheim-Illingen – unabhängig vom Alter impfen. Foto: Frank Vetter

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Seit Montag können Hausärzte ihre Patienten – hier in Elchesheim-Illingen – unabhängig vom Alter impfen. Foto: Frank Vetter

Seit Montag ist es nun soweit: Jeder in Baden-Württemberg kann sich beim eigenen Hausarzt gegen das Coronavirus impfen lassen. Zumindest in der Theorie, denn auch mit der Aufhebung der Impfpriorisierung bleibt ein altbekanntes Problem: Es gibt nicht genügend Impfstoff.

Das betont auch Frank Eickmann, Pressesprecher des Landesapothekerverbands. Dass die Impfpriorisierung in Arztpraxen nun aufgehoben wurde, „finden wir grundsätzlich richtig und gut“, so Eickmann, denn „dahinter steht der Ansatz, möglichst breit zu impfen“. Ein nennenswertes Problem bleibe allerdings die Gesamtmenge der Impfstofflieferung. „Der Markt hätte gerne mehr.“ Ohne Priorisierung wird suggeriert, dass jeder, der will, in kürzester Zeit an der Reihe sein könnte – dem ist vorerst nicht so. „Die Erwartungshaltung wird oft enttäuscht werden, weil die Gesamtmenge an Impfstoff die Impfwünsche noch nicht abdecken kann“, sagt Eickmann und betont dabei: Weder die Hausärzte noch die dahinter stehenden Apotheken haben Einfluss darauf, wie viele Dosen am Ende in der Praxis landen. „Diese Entscheidung wird zentral auf Bundesebene gefällt“, erklärt der Sprecher.

Nachfrage größer als das Angebot

Seit die Hausärzte neben den Impfzentren – wo die Priorisierung nach wie vor gilt – in das Verimpfen der Corona-Vakzine eingestiegen sind, hat sich das System eingespielt und läuft „verlässlich und gut“, wie Eickmann sagt. Trotzdem: In aller Regel liege die Bestellung der Impfstoffe über dem, was letztendlich ausgeliefert wird. „Dagegen sind wir machtlos.“ Nirgends werde Impfstoff gelagert, ab dem Zeitpunkt, wenn beispielsweise das tiefgekühlte Vakzin von Biontech/Pfizer transportiert wird, sei es nur noch begrenzt lange haltbar. Montags trifft die Lieferung in den Praxen ein, bis Freitag muss alles weg sein. Bisher ging es dabei um die Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca, in der Woche nach Pfingsten soll auch Johnson &Johnson die Nachfrage stillen. Ab Juni würden die Lieferumfänge deutlich steigen, dann sollen auch Betriebsärzte nach und nach miteinbezogen werden. Impfungen mit Moderna werden sich jedoch weiterhin auf die Impfzentren beschränken, „Moderna ist im Transport nochmal empfindlicher als Biontech“, dürfe quasi gar nicht geschüttelt werden, erklärt der Pressesprecher.

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Für die Arztpraxen ist das zu umständlich, auch wenn jede weitere Dose helfen würde. „Wir haben noch immer Patienten der Kategorie 1, die noch nicht geimpft wurden“, berichtet Dr. Jürgen Schönit. Der Vorsitzende der Ärzteschaft Rastatt begrüßt die Aufhebung, „da Ärzte nun nicht mehr juristisch angehbar sind“, sollten sie die Priorisierung aufheben. Diese habe Betrügerei ohnehin „Tür und Tor geöffnet“, meint Schönit und verweist auf all die vermeintlichen pflegenden Angehörigen, die ganz plötzlich aufgetaucht seien. Auch er bestätigt: „Mit der Aufhebung wurde eine große Erwartungshaltung geschaffen. Die nötige Impfstoffmenge haben wir nicht.


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