Die Frage nach der Alternative

Baden-Baden/Berlin (naf) – Das Thema Tierversuche löst nicht nur Diskussionen in der Wissenschaft aus – auch die Parteien positionieren sich unterschiedlich.

Ein Rhesus-Affe mit zwei Implantaten, aufgenommen 2016 in der Tierhaltung im Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik.Foto: Marijan Murat/dpa

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Ein Rhesus-Affe mit zwei Implantaten, aufgenommen 2016 in der Tierhaltung im Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik.Foto: Marijan Murat/dpa

Jeder hat in seinem Leben bereits von ihnen profitiert, höchst umstritten sind Tierversuche trotzdem. Von Gegnern werden sie stark kritisiert, von Befürwortern als unersetzlich erachtet. Im Bundestagswahlkampf machen auch einige der großen Parteien die Versuche am Tier zum Thema. Ob ihre Pläne in der Praxis umsetzbar sind, bleibt fraglich.

Damit er sich nicht bewegt, ist der Kopf eines schneeweißen Hasen in einer Plastikhalterung befestigt. An einem seiner Ohren wird mit Handschuhen gearbeitet, das gerötete Auge ist weit aufgerissen. Es scheint den Betrachter des Plakats, auf dem es zu sehen ist, anzustarren und genau das Gefühl auszulösen, wozu es ausgewählt wurde: Mitleid und Scham. „Tierversuche abwählen!“ steht in Großbuchstaben auf den Plakaten des Vereins Ärzte gegen Tierversuche.

Wie? Auch diese Information liefert der Verein auf einen Blick. SPD, Grüne sowie die Linken haben in ihren Wahlprogrammen ein Konzept für den Ausstieg aus Tierversuchen verankert. Die Union erwähnt das Thema weder im Wahlprogramm, noch antwortet sie laut Verein auf dessen Anfrage diesbezüglich. Von der FDP heißt es, dass „ein vollständiger Verzicht auf Tierversuche in absehbarer Zukunft nicht gelingen wird“, wie Ärzte gegen Tierversuche berichtet. Somit werden Christdemokraten und Liberale rot markiert, während die anderen drei Parteien auf den deutschlandweit verteilten Plakaten grüne Smileys erhalten. „Wir wollen damit keine Wahlempfehlung abgeben“, erklärt die Pressesprecherin des Vereins, Dr. Gaby Neumann. „Es geht uns rein darum, zu informieren, wie die Parteien zu einem Ausstieg aus Tierversuchen stehen.“

Fördergelder fließen mehrheitlich in Tierversuche

Dass zwei von ihnen kein Ausstiegsszenario vorsehen, ist laut Neumann allerdings sehr schade – sowohl aus einem gesundheitspolitischen Gedanken heraus, als auch aus dem wirtschaftlichen. „Die Versuche dauern viel zu lange und sind viel zu teuer. Tierversuchsfreie Methoden sind nicht nur günstiger, sondern auch effektiver“, betont sie. Ihre Ansicht ist durchaus umstritten – Studien belegen ihren Standpunkt, andere den der Gegenseite. Immer wieder genannte Kritikpunkte der Tierversuchsgegner sind neben den ethischen Aspekten die eingeschränkte Übertragbarkeit auf den Menschen, die Verteilung von Forschungsgeldern – „über 99 Prozent der öffentlichen Fördergelder fließen in Tierversuche, weniger als ein Prozent in die tierversuchsfreie Forschung“ – und die Sinnhaftigkeit der Grundlagenforschung am Tier.

Bei Letzterer werden ungeklärte Fragestellungen innerhalb einer Wissenschaft untersucht. Wie entstehen Krankheiten? Wie funktioniert Körper oder Gehirn? Sie haben kein direktes Ziel, sollen aber das Fundament für weitere Untersuchungen legen. „Da stellt sich die Frage: Will man grundsätzlich auf solche Versuche verzichten?“, sagt Dr. Andreas Lengeling. „Gerade in einer alternden Bevölkerung müssen beispielsweise neurologische Erkrankungen weiter erforscht werden.“ Der Beauftragte für Tierversuche in der Grundlagenforschung arbeitet für die Max-Planck-Gesellschaft und damit im Auftrag von rund 32 Instituten deutschlandweit, die Tierversuche betreiben. Diese seien in fast allen Bereichen der Grundlagenforschung unterwegs, halten überwiegend Nagetiere und Fische, führen unter anderem aber auch Versuche mit Schweinen, Alpakas und Primaten durch.

Vor allem die Forschung an letzteren stand in den vergangenen Jahren immer wieder stark in der Kritik. Die Versuche an Primaten haben „hohe tierethische Anforderungen“, sagt Lengeling. „Das sind extrem soziale Tiere mit einer hohen kognitiven Kompetenz“, dementsprechend müssten sowohl Haltung als auch Versuche angepasst werden.

Lieblingsplatz Hängematte: Ein Weißbüschelaffe im Ernst-Strüngmann-Institut in Frankfurt. Foto: Ernst-Strüngmann-Institut

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Lieblingsplatz Hängematte: Ein Weißbüschelaffe im Ernst-Strüngmann-Institut in Frankfurt. Foto: Ernst-Strüngmann-Institut

Gerade hier habe sich in den vergangenen Jahren viel getan. „Die Tiere werden mittlerweile komplett anders gehalten als noch vor 30 Jahren“, stellt Lengeling klar. „Wir wollen ja, dass es ihnen gut geht. Ein krankes Tier können wir nicht für die Forschung verwenden.“ Die Primaten würden in großen sozialen Gruppen mit Klettermöglichkeiten, Außengehege und Standards, „die einem Zoo entsprechen“, leben. Im Primatenzentrum in Göttingen kann man sich durch Führungen selbst davon überzeugen. Man wolle transparenter sein, sagt Lengeling. „Wir versuchen, auch der Öffentlichkeit und Politik zu erklären, warum Tierversuche noch notwendig sind.“

Tests an Multi-Organ-Chips


Warum sie das nicht mehr sind, will dagegen Ärzte gegen Tierversuche zeigen. Eine Schwierigkeit, auf die der Verein dabei immer wieder trifft: die starke Lobby hinter den Tierversuchen, sagt Neumann. Mittlerweile habe sich nicht nur ein eigener Wirtschaftszweig durch das Züchten genetisch veränderter Versuchstiere entwickelt, auch hätten an Universitäten ganze Generationen ihre Karrieren auf diesen Versuchen aufgebaut. „Man hält sehr gerne an dem fest, was man kennt.“ Dabei gebe es bereits etliche andere Methoden wie Computersimulationen, Mikrodosierung oder In-Vitro-Verfahren. Bei diesen werden – durch Stammzellen und deren Umprogrammierung in verschiedene Organzellen – kleine Organe im Reagenzglas angezüchtet und über einen künstlichen Blutkreislauf miteinander verbunden. An den sogenannten Multi-Organ-Chips können schließlich Wirkung und Nebenwirkung einzelner Substanzen erprobt werden. „Das ist günstiger und liefert die Ergebnisse viel schneller“, betont Neumann. Auch Lengeling weist auf die künstlich gezüchteten organähnlichen Strukturen hin, ergänzt jedoch: „Wenn es wirklich um die Erforschung höherer Gehirnfunktionen geht, reichen Zellkulturen nicht aus.“

Dann stellt sich die Frage: Gibt es ein Tiermodell dafür? Hier müsse jede Entscheidung gut begründet sein, sagt Lengeling. Als Richtlinie gelte immer das ethische Prinzip der 3R: Replace (Vermeiden), Reduce (Verringern) und Refine (Verbessern). Damit sollen Tierversuche auf ein Minimum beschränkt werden. „Ich habe selbst Tierversuche gemacht und die enorme Entwicklung in diesem Bereich gesehen. Die Voraussetzungen haben sich grundlegend verändert und die Tiere haben einen ganz anderen Stellenwert“, sagt Lengeling.

Forscher setzen auf mehr Transparenz

Zudem muss jeder einzelne Versuch vorab begründet werden. Seit 2013 ist gesetzlich vorgeschrieben, dass Forscher auf tierfreie Alternativen zurückgreifen müssen, wann immer das möglich ist. Die Praxis sieht jedoch anders aus, meint Neumann. „Selbst, wenn man eine Eins-zu-eins-Komponente hat, – also eine direkte ,Alternative‘ – gibt es Fälle, in denen der Tierversuch angewendet wird“, sagt sie und nennt Beispiele in der Botoxproduktion sowie der Testung auf Fieber auslösende Substanzen. Das Problem: „Wenn es um die Zulassung von Tierversuchen geht, wird sich darauf verlassen, was der Antragsteller, also der Tierexperimentator, sagt.“ Neumann fordert neben einem wissenschaftlich fundierten Ausstiegsplan, dass mehr Geld in alternative Methoden fließen soll. Konkrete Ziele und ein fester Zeitplan seien ebenso notwendig. Nur rund 20 Prozent der Versuche seien gesetzlich vorgeschrieben, „die anderen könnte man direkt weglassen“, sagt sie.

Rund 20 Prozent der durchgeführten Tierversuche sind gesetzlich vorgeschrieben. Nagetiere kommen dabei oft zum Einsatz. Foto: Friso Gentsch/dpa

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Rund 20 Prozent der durchgeführten Tierversuche sind gesetzlich vorgeschrieben. Nagetiere kommen dabei oft zum Einsatz. Foto: Friso Gentsch/dpa

Lengeling sieht das anders: „Ein kompletter Ausstieg kann nur mit Schaden für die Lebenswissenschaften und die Biomedizin einhergehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein politisches Streben ist.“ Im Namen der Max-Planck-Gesellschaft stellt er sich den kritischen Stimmen entgegen. „Wir spüren den Druck und sind offen, wenn uns Fragen gestellt werden.“ Auch mit Tierversuchsgegnern wolle man sich auseinandersetzen. „Alle großen Forschungsorganisationen haben Skandalfälle gehabt und den Druck somit selbst mit aufgebaut“, räumt er ein. Auch einzelne Forscher seien in Kritik geraten. Trotzdem wollen viele Wissenschaftler durch Transparenzinitiativen nun an die Öffentlichkeit treten – und machen damit auch gute Erfahrungen.

Auch wolle man verhindern, dass einzelne Forscher abwandern oder sich ganze Teile der Industrie beispielsweise nach China verlagern. „Mit den Experten, die auch tierethische Fragen bewerten und vertreten können, verliert man auch die Sprechfähigkeit in der Tierethik“, gibt er zu bedenken. Deutschland sei hier mit auf dem höchsten Niveau und setze hohe Standards, an denen sich andere Länder orientieren. Das komme auch den Tieren zugute. „Natürlich sind einzelne Punkte immer wieder verbesserungswürdig“, sagt Lengeling. Darum werde darüber auch immer weiter diskutiert.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Nadine Fissl

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Erstellt:
21. September 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 44sec

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