Die Geschichte einer unmöglichen Liebe

Baden-Baden (weit) – Jenke Nordalm inszeniert das Schauspiel „Harold and Maude“ am Theater Baden-Baden. Sie setzt auf Timing, rasante Wechsel und bis zum Slapstick gesteigerte körperbetonte Komik.

Ihnen gelingt die Balance zwischen überbordender Komik und stillen, nachdenklichen Momenten: Rosalinde Renn als Maude und Lukas-Samuel Juranek als Harold. Foto: Jochen Klenk/Theater Baden-Baden

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Ihnen gelingt die Balance zwischen überbordender Komik und stillen, nachdenklichen Momenten: Rosalinde Renn als Maude und Lukas-Samuel Juranek als Harold. Foto: Jochen Klenk/Theater Baden-Baden

Auf einen zu einem Leichenwagen umgebauten Jaguar E-Type verzichtet die Regisseurin Jenke Nordalm ebenso wie auf die Musik von Cat Stevens, beides eng mit dem zum Filmklassiker avancierten „Harold und Maude“ verbunden, für den Colin Higgins nicht nur das Drehbuch, sondern auch die im Theater Baden-Baden gezeigte Bühnenfassung schrieb. Es ist die Geschichte einer unmöglichen Liebe zwischen dem 19-jährigen Harold und der kurz vor ihrem 80. Geburtstag angelangten Maude, von fröhlicher, von der amerikanischen Hippie-Zeit geprägter Anarchie und dem Recht, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu bestimmen.

„Harold und Maude“ wird als „schwarze Komödie“ bezeichnet, Jenke Nordalm – die in der Kurstadt schon Molieres „Menschenfeind“ inszenierte – findet über weite Strecken eine überzeugende Balance zwischen überbordender Komik und stillen, nachdenklichen Momenten. Eher überflüssige Aktualisierungen wie der Corona-Gruß des Psychiaters haben für den Gesamteindruck des Abends keine weitere Bedeutung.

Schrei nach Aufmerksamkeit

Vesna Hiltmanns variable, die Drehbühne in Bewegung haltende Ausstattung orientiert sich sowohl am Zeitgeist der frühen 1970er-Jahren wie an San Francisco, wo der Film spielt. Aus zwei drehbaren Flügeln, die an die Brücke von San Francisco erinnern sollen, wird das gestylte Haus von Harolds Mutter dann blitzschnell ein Kirchenraum. Mit wenigen Requisiten wie den zeittypischen Stühlen oder den Medizin-Sitzbällen des Psychiaters Dr. Mathews wird der Zeitgeist angedeutet, ebenso mit den die Personen oft genau charakterisierenden Kostümen, wobei Rosalinde Renn als Maud in fernöstlich wirkendem Rot gewandet ist, während der hoch aufgeschossene Harold von Lukas-Samuel Juranek in Schwarz etwas an den jungen Parzival auf Sinnsuche erinnert. Seine Selbstmord-Versuche, von drastischen Videoprojektionen unterstrichen, sind ein Schrei nach Aufmerksamkeit, was von seiner Mutter hingegen nur als Störung des glatten gesellschaftlichen Scheins einer akkuraten Oberfläche gesehen wird.

Im Theater Baden-Baden setzt die Regisseurin auf Timing, rasante Wechsel, bis zum Slapstick gesteigerte körperbetonte Komik, die dem zumeist in mehreren Rollen agierenden Ensemble viel abverlangt, aber auch dessen Wandlungsfähigkeit unterstreicht. Nadja Rui gestaltet die drei äußerst komischen, von Harolds Mutter via eines Heiratsinstituts ausgesuchten, potenziellen „Bräute“ mit höchst unterschiedlichen Klischees perfekt erfüllender Oberflächlichkeit.

Oliver Jacobs gibt dem durch die unkonventionelle Lebendigkeit und den stets hintersinnigen Fragen von Maude immer verstört wirkenden Pater Finnegan differenzierte Züge, der seine Vielseitigkeit auch beim Spiel auf der Hammond-Orgel unterstreicht.

Max Ruhbaums slapstickartig übersteigerter Psychiater, der auf seinem Medizinball seltsame Körperertüchtigung betreibt, scheint an Harold mehr als nur professionelles Interesse zu haben. Als Kommissar, der die Anarchistin Maude endlich verhaften möchte, wird er zur eher beliebigen Karikatur.

Renn als fröhliche Anarchistin

Lisa Wildman brilliert nicht nur als Harolds Mutter, sondern auch in der stummen Rolle der aus dem Zoo befreiten Robbe Mr. Murgatroyd dank ihrer körperlichen Beweglichkeit. Als Mrs. Chasen spielt sie mit dem Klischee der oberflächlichen Society-Lady – sexuell frustriert und nur mit dem gesellschaftlichen Schein lebend.

Ihr Sohn Harold scheint nur ein Hindernis für einen perfekt geregelten Alltagsablauf zu sein. Aber gelegentlich lässt Wildmann, besonders wenn sie mit den potenziellen Bräuten ihres Sohnes konfrontiert wird, mehr als nur hintersinnigen Witz aufleuchten.

Der schlaksige Juranek gestaltet Harold, als ob er nicht nur mit seiner Umgebung, sondern auch seinem eigenen Körper fremdeln würde. Der Lebensentwurf seiner Mutter und ihres Psychiaters mit ihrer oberflächlichen Leere bietet ihm ebenso wenig wie eine angedrohte „Karriere“ beim Militär. Maude, die zu allem, was er bislang kennengelernt hat, den lebendig gewordenen Gegenentwurf darstellt, wird zum Fluchtpunkt einer möglicherweise nur imaginierten Liebe.

Die Inszenierung in Baden-Baden bietet Voyeurismus keinen Raum: Wenn Harold und Maude zu den 70er-Jahre-Klängen von „A whiter Shade of Pale“ erstmals Stehblues tanzen, dann wirken sie wie zwei scheue Teenager, ob der eigenen Körperlichkeit zutiefst verunsichert.

Renn ist die stets die Widersprüche der sie umgebenden Gesellschaft aufdeckende, fröhliche Anarchistin. Dass sie aus einer adeligen Familie aus Wien stammt, wird angedeutet, ebenso dass sie ein Konzentrationslager überlebt hat. Ihrem überwältigenden Charme kann sich fast niemand entziehen, ihrer Energie ebenso wenig. Ob man wirklich neben dieser überwältigend sympathisch gezeichneten Anarchistin, die sich fremde Autos mit nachgemachten Schlüsseln „ausborgt“, leben wollte, so weit geht das Theater in seiner Realitätsbefragung indes nun doch nicht. Ihre Entscheidung, an ihrem 80. Geburtstag Selbstmord zu begehen, lässt Harold wie ein gepeinigtes Tier aufschreiend zurück.

Ihr Autor

Thomas Weiss

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Erstellt:
18. Oktober 2021, 05:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 12sec

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