Die Geschichte zweier Möbelstücke

Baden-Baden (kli) – Historiker schauen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf Deutschland und auf Polen. Bei einer internationen Tagung in Warschau wurde deutlich, woran das liegt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (links) und sein polnischer Amtskollege Andrzej Duda bei ihrer Begegnung neulich in Warschau: Im deutsch-polnischen Verhältnis gibt es dennoch ein paar Unstimmigkeiten, die auch mit dem Blick auf Geschichte zu tun haben.    Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (links) und sein polnischer Amtskollege Andrzej Duda bei ihrer Begegnung neulich in Warschau: Im deutsch-polnischen Verhältnis gibt es dennoch ein paar Unstimmigkeiten, die auch mit dem Blick auf Geschichte zu tun haben. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

30 Jahre nach Abschluss des Freundschaftsvertrags blicken Deutschland und Polen immer noch aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Geschichte. Themen wie der Zweite Weltkrieg, aber auch die Entwicklung seit 1989 werden ganz unterschiedlich diskutiert. Aber es gibt mittlerweile auch ermutigende Ansätze für ein gemeinsames Erinnern.

Bei einer internationalen Tagung in Warschau erinnerte Piotr Madajczyk, Professor für Deutsch-Studien an der Polnischen Akademie der Wissenschaften, an ein Ungleichgewicht. Deutsche Geschichtspolitik sei sehr wirkmächtig und präge auch die Auseinandersetzung in Polen. „Der Freundschaftsvertrag hat die Unterschiede nicht ausgeräumt“, sagte Madajczyk.

Pierre-Frederic Weber von der Universität Stettin erinnerte an die Euphorie um die Zeitenwende 1989-1991. „In Polen wollte man zurück in den Westen, die Aufnahmebereitschaft für westliche Standards war stark. Das Thema Versöhnung wurde durch andere Themen an den Rand gedrängt.“

In Deutschland wiederum sei die Empfindlichkeit gegenüber Polen abgestumpft. „Man meinte 1990, alles sei wieder gut.“ Ist es aber nicht. In Polen tauten die Erinnerungen erst so langsam auf, man habe Nachholbedarf.

Fall der Berliner Mauer als Ikone

Dr. Lukasz Jasinksi vom Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin verglich den Fall der Berliner Mauer mit den Runden Tischen in Polen. Der Fall der Berliner Mauer sei zu einer Ikone geworden, die das Bild des Runden Tischs in den Hintergrund gerückt habe.

In der DDR habe es zwar auch nach polnischem Vorbild runde Tische gegeben, diese spielten aber in der Wahrnehmung eine Nebenrolle. Aussagekräftig sei der „Verwahrort“ der Möbelstücke selbst: Der Runde Tisch aus Polen, an dem Opposition und Regierung die Nachwendezeit aushandelten, ist im Warschauer Präsidialpalast ausgestellt. In Deutschland wurde der Runde Tisch eher zufällig gefunden – er steht in einem Abstellraum der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin.

Dr. Bartosz Dziewanowski-Stefanczyk verwies darauf, dass die konservative PIS-Regierung die „deutsche Karte“ gerne ausspiele, um bei den Wählern zu punkten. Man stemme sich bewusst gegen eine „Folgsamkeit gegenüber Berlin“, um konservative Wähler zu binden. „Unsere Gesellschaften sind noch nicht versöhnt. Solange man meint, die deutsche Karte ausspielen zu können, wird das so bleiben.“

Jugendwerk und Schulbuch

Drei Entwicklungen machen den Historikern aber Mut. Zum einen ein künftiger Gedenkort: Der Bundestag hat 2020 beschlossen, dass in Berlin ein Gedenkort an die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs und die nationalsozialistische Besatzung erinnern soll. Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte: „In Polen nahm der Wahnsinn des rassenideologischen Vernichtungskriegs in Osteuropa seinen Anfang. Durch die Zerstörung ganzer Städte, Massenerschießungen und Umsiedlungen sollte Polen für immer von der Landkarte getilgt werden.“ Mit dieser Erinnerungsstätte, glauben die Historiker, werde es einfacher, die emotionalen Beziehungen in ruhigere Bahnen zu lenken.

Zweites Bindeglied ist das Deutsch-Polnische Jugendwerk. In 30 Jahren konnten bis zu drei Millionen junge Menschen an insgesamt 80.000 Projekten teilnehmen. Das trägt zum besseren gegenseitigen Verständnis bei.

Dritter Mutmacher ist das deutsch-polnische Geschichtsbuch in vier Bänden, das nach dem Vorbild des deutsch-französischen Geschichtsbuchs entstanden ist. Das Werk ermögliche es deutschen Schülern, sich mit polnischer Geschichte vertraut zu machen, sagt Dziewanowski-Stefanczyk. „Was nicht so gelungen ist: Wir mussten dem Schulbuch in der polnischen Fassung einen nationalen Anhang anfügen, weil es sonst zu detailliert für die Deutschen geworden wäre.“ Die polnische Historikerin Hanna Radziejowska sieht Chancen und Risiken: „Das gemeinsame Schulbuch ist eine gewaltige Leistung von deutschen und polnischen Historikern“, sagt sie. „Aber der Krieg wirkt weiter.“

Sie ärgere sich zum Beispiel, dass man in Deutschland so wenig über den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 weiß. „Anne Frank ist wichtig, aber Emanuel Ringelblum, der das Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos aufbaute, ist genauso wichtig. Warum steht darüber nichts in deutschen Schulbüchern?“

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Erstellt:
25. Juni 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
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