Die Gründe des demografischen Wandels

Baden-Baden (fk) - Der demografische Wandel ist in aller Munde und trifft auch Baden-Württemberg. Das BT beleuchtet die Hintergründe und liefert Zahlen und Fakten.

Die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland ist laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung im Süden und Südwesten am höchsten. Foto: Tobias Hase/dpa

© dpa

Die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland ist laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung im Süden und Südwesten am höchsten. Foto: Tobias Hase/dpa

Manche Erkenntnisse sind so alt wie die Menschheit selbst und trotzdem müssen sie immer wieder herhalten, um das Leben zu erklären – eine davon stammt vom römischen Philosophen Ovid: „Die Zeiten gleiten dahin und in stillen Jahren altern wir.“ Heute nennt man das, oder vielmehr die Auswirkungen davon, demografischen Wandel. Er schreitet unaufhaltsam voran, auch in Baden-Württemberg; und das obwohl oder auch weil die Menschen im Land älter werden als alle anderen in der Republik – zumindest statistisch gesehen. Die Gründe sind vielfältig.

Die Zeiten ändern sich. Jene Generation, die uns einst das Wirtschaftswunder bescherte, verschaffte der Bundesrepublik im selben Atemzug auch einen Babyboom. 1,36 Millionen Neugeborene gab es deutschlandweit 1964, knapp unter 780000 waren es 2019. Jene Babyboomer, die damals auf die Welt kamen „spielen eine Schlüsselrolle im politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leben des Landes“, heißt es auf dem Demografie-Portal der Bundesregierung.

Jeder fünfte Einwohner ist älter als 65 Jahre

Doch bald wird diese Generation das Rentenalter erreichen, die Zahl der über 60- Jährigen, nicht mehr Erwerbstätigen wird nach oben schnellen, während die Zahl der unter 20-Jährigen sinkt oder bestenfalls ungefähr stagniert. Man muss kein großer Mathematiker sein, um hierin einen Mangel an Arbeitskräften und damit ein wirtschaftliches Problem zu identifizieren – allerorten gern zusammengefasst unter dem Schlagwort „Fachkräftemangel“.

Auch Baden-Württemberg ist (siehe Grafik) von dieser Entwicklung maßgeblich betroffen. Seit 2000 leben im Land mehr über 60-jährige als unter 20-jährige Menschen. Jeder fünfte Einwohner ist älter als 65 Jahre (20,4 Prozent). „Die Geburtenrate lag in Baden-Württemberg 2018 bei 1,58 Kindern pro Frau und damit so hoch wie seit 40 Jahren nicht mehr. Noch 1970 lag sie bei 2,1 Kindern. Danach ist die durchschnittliche Kinderzahl innerhalb von wenigen Jahren deutlich zurückgegangen. Bereits 1978 brachte jede Baden-Württembergerin im Schnitt nur noch 1,4 Kinder zur Welt. Seither schwankt die Geburtenrate um dieses Niveau“, fasst es der Demografiebeauftragte des Landes, Thaddäus Kunzmann, in einem Bericht zusammen, der dem Badischen Tagblatt vorliegt.

Hohe Lebenserwartung

Doch das ist längst nicht die einzige Ursache für den demografischen Wandel, und auch nicht das einzige Problem, das er mit sich bringt.

Die Zeiten ändern sich. Das Durchschnittsalter, in dem Frauen ihr erstes Kind gebären, ist in den vergangenen 20 Jahren von 29,1 auf 30,8 Jahre angestiegen; 1964 lag es Kunzmann zufolge noch bei 25,1. Auch das trage zur schnelleren Alterung bei und führe potenziell zum Zusammenschrumpfen der Bevölkerung. Ein weiterer Faktor für die zunehmende Alterung der Gesellschaft liegt in der Lebenserwartung.

Die Zeiten ändern sich. Kunzmann erklärt: „Während ein 1950 geborener Junge eine durchschnittliche Lebenserwartung von 65 Jahren hatte, dürfen die heute geborenen Jungen auf eine Lebenszeit von über 78 Jahre hoffen. Bei den Frauen hat sich die Lebenserwartung sogar auf über 83 Jahre erhöht. Dabei haben die Baden-Württemberger die höchste Lebenserwartung in Deutschland.“

Einwohnerzahl steigt

Die Zeiten ändern sich. Trotz der Tatsache, dass in Baden-Württemberg mehr Menschen sterben, als geboren werden (2018: 109000 Geburten versus 111000 Todesfälle) steigt die Einwohnerzahl. Laut Demografiebericht legte sie zwischen 1990 und 2018 um mehr als zehn Prozent zu. Allerdings hatte es beispielsweise 2004 auch noch einen Geburtenüberschuss von fast 5000 Kindern gegeben. Kunzmann schreibt dazu: „Neben Baden-Württemberg haben nur noch Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein eine ähnliche Entwicklung erlebt. Steigende Bevölkerungszahlen beruhen fast ausschließlich auf Wanderungsgewinnen aus dem In- und Ausland. Die Zuwanderung hat eine große Rolle in der Geschichte Baden-Württembergs gespielt. (...) Heute kommen täglich durchschnittlich 30 Geflüchtete nach Baden-Württemberg.“

Das Land steht defacto im Moment noch gut da, auch weil laut Demografie-Portal das Durchschnittsalter der Bevölkerung mit 43,6 Jahren im Bundesvergleich noch recht jung ist, und das Statistische Landesamt bis 2035 sogar von einem Bevölkerungswachstum ausgeht. Aber das ist alles nur Statistik, die auf Prognosen beruht. Und auch da gilt: Die Zeiten ändern sich – und wir ändern uns in ihnen.

Zum Artikel

Erstellt:
4. September 2020, 08:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 01sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.