Die Idee des Friedens niemals aufgeben

Von Wolfram Frietsch

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um jugendlichen Idealismus und den rauen Wind des Älterwerdens.

Die Idee des Friedens niemals aufgeben

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Die Forderung nach Frieden ist kein Privileg der Jugend. Wohl aber ist es ein Vorrecht der Jugend, der Generation vor ihr Vorhaltungen zu machen, dass sie keine entscheidenden Schritte unternommen habe, um Frieden, globalen Frieden, zu schaffen. Es ist auch das Vorrecht der Jugend, Forderungen zu stellen, die sie selbst einmal wird einlösen müssen.

Dass sie daran gemessen werden kann, ist erst einmal zweitrangig. Wesentlich ist der Aktionismus, der ein Ausdruck der Hoffnung ist. Die Anklage und die Vorwürfe an all diejenigen, die länger auf der Welt sind als sie, mehr Macht haben als sie, mehr Einfluss haben als sie, gepaart mit dem Vorwurf, dass diese Generation in ihren Augen versagt habe, das prägt den jugendlichen Idealismus.

Sachzwänge oder Argumente, die die Handlungsmöglichkeiten einschränken wie Geld, fehlende Einflussmöglichkeiten, berufliches Weiterkommen, kurz: die ganze Bandbreite an Maßnahmen zur Versorgung und Existenzsicherung, all das kann und muss sogar, in solchen Momenten zur Seite geschoben werden, und wird es auch. Deshalb ist die Jugend in ihrer Anklage vielmals ungerecht und unnachsichtig, weil sie zum Eigentumsverwalter einer Idee geworden ist, die sie für sich entdeckte und die eine Generation vor ihr ebenfalls entdeckte, dann jedoch entweder ablehnte oder ignorierte oder an ihr scheiterte. Die Welt ist nicht friedlich und wäre es doch gerne. Warum ist sie es nicht? Wer hat versagt? Die Antwort der Jugend liegt für sie auf der Hand, die Generation vor ihr.

Das Verbindende sollte betont werden

Jede Generation will der Welt ihren Stempel aufdrücken, will sie umkrempeln und neu gestalten. Energie ist ausreichend vorhanden. Mittel können geschaffen und Vorbilder gefunden werden. Und doch wird der Blick nach vorne wieder ein Blick zurück sein, denn aus jungen Menschen werden Mütter und Väter, die sich um Kinder sorgen, um Hausaufgaben und Ausbildung. Was, wenn nach der Zeit des Ausprobierens die Frage nach der Finanzierung einer Wohnung ansteht? Wenn die gewohnte Lebensaufgabe, Schüler zu sein, sich verändert in Angestellter, Arbeitender, Akademiker oder Unternehmer?

Der raue Wind des Älterwerdens ist dann kein verheißungsvoller Rückenwind in Richtung Zukunft oder „Wir-machen-es-besser“, mit dem Fahrt aufgenommen werden kann, um die Welt im Sturm zu erobern. Es ist ein Wind, der die Richtung geändert hat und nun ins Gesicht bläst. Die Schritte werden schwerer, die Verantwortung größer und die Träume blasser.

Resignation ist nicht angebracht. Viel eher muss der Gedanke der Kooperation und Zusammenarbeit, des Dialogs und der Gemeinsamkeit gestärkt werden. Der Unterschied zwischen Alt und Jung liegt nicht in den Träumen, nicht im Willen zur Tat, sondern in der Beweglichkeit und der Gewohnheit des Handelns. Jede Generation hat für sich ihren Modus der Tat gefunden. Jede Tat unterscheidet sich von einer anderen und ist dieser doch so ähnlich. Trotz allem ist es die Bündelung der Kräfte, die Vermittlung der Gegensätze, die Überwindung der Jahre, die etwas erreichen kann.

Es ist legitim, dass die Jugend sich über das Alter aufregt und das Alter über die Jugend. Aber, kommt es darauf an? Das Trennende zwischen den Generationen muss nicht aufgehoben werden, doch das Verbindende sollte betont werden.

Auch das Alter erinnert sich an die eigene Jugend und die Jugend wird umspielt mit einem Ausblick auf ein Später, das nicht morgen, sondern übermorgen heißt.

Es liegt am Zeitgeist, welche Ideen verschüttet und welche Ideen verwirklicht werden. Die Idee des Friedens ist jedoch eine Idee, die nie aufgegeben werden darf, weder im Zwischenmenschlichen noch im Globalen, weder in der Jugend noch im Alter.

Seneca: „Von der Kürze des Lebens“ München, 2005.

In seiner vorigen Kolumne schreibt Wolfram Frietsch über Liebe und Selbsttäuschung.