Die Kinderarmut in Deutschland verfestigt sich

Baden-Baden/Offenburg (tas) – Auch ein vermeintlich reiches Land wie Deutschland muss sich mit Armut beschäftigen – und den Folgen für die Kinder. Baden-Württemberg reagiert mit einem Förderprogramm.

Wenn man auf jeden Cent achten muss: Kinderarmut in Deutschland ist kein seltenes Phänomen. Foto: Jens Kalaene/dpa

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Wenn man auf jeden Cent achten muss: Kinderarmut in Deutschland ist kein seltenes Phänomen. Foto: Jens Kalaene/dpa

Für deutsche Verhältnisse ist es eine beachtlich große Zahl: Rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind hierzulande von Armut bedroht oder tatsächlich arm. Trotz der – vor der Corona-Krise – zehn Jahre andauernden guten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland bleibt das Thema eine ungelöste Aufgabe. Schlimmer noch: Die Folgen der Pandemie werden das Problem noch verschärfen.
Das legt unter anderem eine Studie der Bertelsmann-Stiftung nahe, die im Juli veröffentlicht wurde. Eine Familie, die staatliche Grundsicherung (Hartz IV) beziehe, leide vor allem daran, nur wenig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, wenig mobil zu sein und sich generell viel weniger leisten zu können als die Durchschnittsfamilie. Der Untersuchung zufolge können sich zwei Drittel noch nicht einmal einen Jahresurlaub leisten, auch weil fast die Hälfte kein Auto besitzt. Sparen ist für mehr als 60 Prozent unmöglich, und fast 65 Prozent können es sich nicht leisten, ihre abgenutzten Möbel zu ersetzen.

Getroffen von dieser Situation werden vor allem die Kinder in den Familien, die auf Grundsicherung angewiesen sind. Hochgerechnet auf die gesamte Bevölkerung befindet sich mehr als jedes fünfte Kind in der Republik in einer Situation von Armut. Ihre Familien haben weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens, auch Medianeinkommen genannt und/oder beziehen Leistungen aus dem Sozialgesetzbuch (SGB) II. Für 2018 lag die Armutsgefährdungsschwelle für einen Vier-Personen-Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.174 Euro.

Was besonders auffällt: Die Lage hat sich für die Kinder in den vergangenen Jahren eher verschlechtert. Laut der Bertelsmann-Untersuchung lag die Quote der von Armut bedrohten Kinder im Jahr der Finanzkrise 2009 bei 18,2 Prozent, 2018 waren es 20,1 Prozent. Gleichzeitig hatte die Wirtschaft in der Bundesrepublik in diesem Zeitraum einen langen Wachstumspfad beschritten.

Die Folgen von Kinderarmut in wohlhabenden Ländern spiegeln sich oftmals in sozialer Ausgrenzung wider. Die fehlende Mitgliedschaft im Sportverein sei hier nur ein Aspekt. „Die Analysen zeigen zum Beispiel, dass Kinder seltener Freunde mit nach Hause nehmen und sich so zum Teil sozial zurückziehen“, sagt Anette Stein, Direktorin Programm Wirksame Bildungsinvestitionen der Bertelsmann-Stiftung. Das liege zum einen an vergleichsweise kleinen Wohnungen. Zum anderen schämten sich die Kinder dafür, in Armut aufzuwachsen.

Gefahr von häuslicher Gewalt

Dass die Corona-Pandemie die Lage noch verschärft, liegt auf der Hand. Beengte Lebensverhältnisse, die sich während der Lockdown-Phase verstärkt ausgewirkt haben, erhöhen die Gefahr von häuslicher Gewalt. Hinzu kommt laut Bertelsmann-Stiftung, dass gerade in Zeiten der Corona-Pandemie „die Hälfte der Familien im SGB-II-Bezug nicht ausreichend Zimmer in ihrer Wohnung zur Verfügung haben und ein Viertel keinen Computer mit Internetanschluss besitzt – für das Homeschooling sind das keine guten Bedingungen.“

Die Autoren der Studie haben sich bei ihrer Betrachtung auch Daten der Bundesagentur für Arbeit aus den einzelnen Landkreisen in Deutschland angesehen. Während im Landkreis Rastatt der Anteil der unter 18-Jährigen in Familien mit Bezug von Grundsicherung zwischen 2014 und 2019 von 6,7 auf 7,2 Prozent angestiegen ist, legte auch der Wert im Stadtkreis Baden-Baden nur wenig zu. Er lag mit 10,5 (2014: 10,3) Prozent jedoch auf einem deutlich höheren Niveau. Dagegen konnte die Stadt Karlsruhe ihren Wert von 13,3 auf 10,4 Prozent drücken.

Auf die Verfestigung der Kinderarmut in Deutschland reagiert die Politik derzeit mit speziellen Programmen. So hat das Land Baden-Württemberg im Jahr 2018 das Förderprogramm „Aktiv und gemeinsam gegen Kinderarmut und für Kindergesundheit“ ins Leben gerufen und bisher sechs Kreise beziehungsweise Städte im Südwesten mit insgesamt 400.000 Euro bedacht. Auch der Ortenaukreis profitierte damals von den Mitteln, eine Verlängerung der Förderphase ist coronabedingt bis Ende Mai kommenden Jahres vorgesehen. „Wir werden das Thema danach aber nicht verlassen“, sagt Ullrich Böttinger, der Amtsleiter Soziale und Psychologische Dienste beim Ortenaukreis. „Wir können zwar nicht die Armut aus der Welt schaffen, wir können sie aber zumindest ein bisschen abmildern.“

Für die Auswirkungen von Armut sensibilisieren

Hilfen für Familien mit dauerhaft angespannter Finanzlage hat der Ortenaukreis schon seit einigen Jahren im Programm. Das Präventionsnetzwerk Ortenaukreis (PNO) konnte dank des Landes-Förderprogramms sein Engagement hier noch ausweiten. Ziel: die körperliche und seelische Gesundheit sowie die soziale Teilhabe von Kindern bis zehn Jahren verbessern. Vor allem armutsgefährdete Familien sollen davon profitieren. Dazu wurden an den beiden Pilotstandorten Offenburg und Lahr Netzwerke zum Thema Kinderarmut gebildet, die auf den ganzen Kreis ausstrahlen. Eltern, die in besonderem Maß sozial und finanziell belastet sind, sollen dadurch besser erreicht werden. Zudem sollen die Fachkräfte in Kindertagesstätten und Schulen besonders für die Auswirkungen von Armut sensibilisiert werden. „Es geht nicht darum, einzelne Familien herauszupicken, sondern die Wahrnehmung beim Thema Armut zu stärken“, sagt PNO-Leiter Böttinger. Dadurch soll auch der Scham der Eltern, staatliche Zuschüsse für Sportverein oder Schulbedarf zu nutzen, begegnet werden.


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