Die Kriegskinder und der Ukraine-Krieg

Karlsruhe/Hamburg (naf) – Der Ukraine-Konflikt lässt alte Traumata von Kriegskindern und -enkeln wieder aufleben. Jede deutsche Familie ist betroffen.

•Zu viel erlebt: Nicht nur Kriegskinder leiden an ihren Erinnerungen, auch deren Nachwuchs spürt die Folgen oft. Foto: dpa

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•Zu viel erlebt: Nicht nur Kriegskinder leiden an ihren Erinnerungen, auch deren Nachwuchs spürt die Folgen oft. Foto: dpa

Eine alte Frau, die in ihrem Pflegeheim allnächtlich unters Bett kriecht – für die Psychotraumatherapeutin Ulrike Hanstein ein ganz klassisches Beispiel, dafür, wie sie sich äußern kann: die Angst, die tief im Inneren der älteren Generation schlummert. Geweckt wird sie durch ganz verschiedene Auslöser, auch Trigger genannt. Der Krieg in der Ukraine ist einer davon.

Der Konflikt im Osten Europas ist nah. Geografisch, aber vor allem auch medial. „Da sind die Ängste auf jeden Fall größer als im Zusammenhang mit einem anderen Krieg“, weiß Hanstein. Ein bedrückendes Gefühl hinterlassen die Bilder aus den umkämpften Gebieten bei jedem. Im Gedächtnis vieler hochbetagter Mitmenschen wecken sie jedoch oft auch Erinnerungen – und mit ihnen alte Traumata. Kriegskinder haben die dunkle Zeit des Zweiten Weltkriegs selbst miterlebt. Und nicht immer alles verarbeitet.

Bilder von zerstörten Häusern, Militär, verletzten oder gar getöteten Menschen: all das können Auslöser sein für das Aufleben eines alten Traumas aus der Kindheit. So wirken sich aber auch Ereignisse im direkten Umfeld aus, „wie zum Beispiel, wenn plötzlich augenscheinlich die Lebensmittel knapp werden“, sagt Hanstein. Menschen, die durch Hunger traumatisiert wurden, triggert so etwas.

Und wie reagieren sie dann? Die Ängste äußern sich „sehr individuell“, erklärt die Psychotraumatherapeutin. Die Frau im Pflegeheim hat unter ihrem Bett nach Schutz gesucht. In anderen Fällen kommt plötzlich das starke Bedürfnis auf, wegzulaufen. Wieder andere werden von einem Gefühl der Ohnmacht gelähmt.

Je jünger die Kinder, desto heftiger das Trauma

„Je jünger die Kinder waren, die ein Trauma erlebten, desto heftiger ist dieses auch“, sagt Hanstein. Die Kleinsten seien kognitiv noch nicht fähig, die Folgen des Erlebten zu bearbeiten, darum „sackt es in die Seele.“ Zwar müsse nicht jede Erfahrung zwangsläufig traumatische Folgeerscheinungen haben, doch ohne Verarbeitung sei die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch. Viel zu oft sei im Nachhinein geschwiegen worden. Konsequenzen hat das nicht nur für eine Generation.

Kriegsenkel kamen zwar später auf die Welt – in der Regel zwischen 1950 und 1975 – , können durch die Geschehnisse aber ebenso geprägt sein, wie ihre Eltern. „Unbearbeitete Traumata teilen sich mit“, sagt Hanstein, „sie sind auch für Kriegsenkel sehr schmerzlich“.

Dem stimmt auch Sven Rohde zu, wenn er sagt, dass „alle unverarbeiteten Erfahrungen der Eltern auf Säugling und Kind übertragen werden“. Rohde ist stellvertretender Vorsitzender des bundesweit aktiven Vereins Kriegsenkel, der versucht, diesem generationsspezifischen Thema einen Platz im gesellschaftlichen Diskurs zu geben.

Der Situation nicht ausgeliefert

Auch Rohde kennt Menschen, die „unmittelbar nach der Kriegsnachricht zur Bank gegangen sind und sich mehrere Tausend Euro abgehoben haben“, oder Leute, „deren erster Impuls es war, direkt einen Rucksack zu packen und zu flüchten“.

Der Unterschied zu den Kriegskindern: Diese Menschen haben die Bomben nie selbst fallen gehört. Dass sie trotzdem unter der Vergangenheit leiden können, habe auch etwas mit der sogenannten Epigenetik zu tun. „Das Epigenom steuert, welche Gene aktiv sind und welche nicht“, erklärt Rohde. Umwelteinflüsse können dieses Epigenom verändern, was wiederum vererbt werden kann. Sehr vereinfacht erklärt: Ein Mensch, der zum Beispiel unter Kriegsbedingungen aufgewachsen ist, gibt bestimmte Impulse aus dieser Zeit genetisch an seine eigenen Kinder weiter.

Lieber verstehen als erklären

„Jede deutsche Familie ist in irgendeinem Maß von diesem Phänomen betroffen“, betont Rohde. „Das heißt aber nicht, dass wir dem ausgeliefert sind.“ Wichtig sei, sich dessen zunächst einmal, bewusst zu werden. „Der Geist hilft einem da schon sehr.“ Eine gewisse Distanz zur eigenen Empfindung könne man herstellen, indem man die Körperreaktionen beobachtet. Wird einem schlecht? Oder schnürt die Kehle zu? Hanstein rät indes, die „eigenen Ressourcen“ zu aktivieren. Bei Panik solle man sich bewusst machen: „Wann habe ich eine große Angst schon mal bewältigt und wie?“

„Es ist die Aufgabe jeder einzelnen Generation, dieses Kriegserbe aufzuarbeiten, damit es erledigt werden kann“, findet Rohde. Sind es Angehörige, die mit einem Trauma zu kämpfen haben, rät Hanstein zu Gesprächsangeboten. Wenn jemand altersbedingt Schwierigkeiten hat, das Ganze zu begreifen: „Nicht argumentieren oder erklären, lieber selbst versuchen, zu verstehen.“ Ein Beispiel liefert der Umgang mit eingangs erwähnter älterer Frau. Sie wurde nicht von ihrer nächtlichen Schutz-Suche unter dem Bett abgehalten, stattdessen wartete dort eine Decke auf sie.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Nadine Fissl

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Erstellt:
5. April 2022, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 11sec

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