Die Krippe: Vom Holzblock zum Kunstwerk

Triberg (stn) – Samuel Kammerer schnitzt Weihnachtskrippen mit viel Liebe zum Detail. Etliche Stunden Arbeit stecken in Schafen, Hirten oder Königen aus Holz, wie ein Blick in seine Werkstatt zeigt.

Mit großer Sorgfalt und einem Schnitzeisen widmet sich Samuel Kammerer dem Feinschliff. Foto: Nora Strupp

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Mit großer Sorgfalt und einem Schnitzeisen widmet sich Samuel Kammerer dem Feinschliff. Foto: Nora Strupp

Ein Kind liegt nackt, nur in ein Leinentuch gewickelt und auf Stroh gebettet, in einem Stall. Daneben kniet die Mutter in einem roten Kleid und blauem Mantel, der Vater steht neben ihr, auf einen Stab gestützt und mit einer Laterne in der Hand – beide blicken liebevoll auf das Neugeborene herab. Auch drei Könige betrachten das Kindlein und überbringen ihm wertvolle Gaben – Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Es ist die Szenerie der Weihnachtskrippe, in dessen Zentrum die Heilige Familie mit Maria, Josef und dem Christuskind steht – gebaut von Holzbildhauer Samuel Kammerer aus Triberg. Viele Stunden hat er dafür hinter der Werkbank verbracht, bis in liebevoller Handarbeit ein wahres Kunstwerk entstanden ist.

Je detailgetreuer, umso empfindlicher

Hergestellt werden können Weihnachtskrippen zwar aus unterschiedlichsten Materialien wie Papier, Kunststoff, Metall, Keramik oder Glas, am gebräuchlichsten ist jedoch die Variante aus Holz. Den Beruf des Holzbildhauers hat Kammerer vor 40 Jahren ergriffen. „Durch meinen Vater, der Schreiner war, entdeckte ich schon früh die Liebe zum Holz“, erinnert sich der 55-Jährige. Von 1980 bis 1983 absolvierte er eine Lehre als Holzbildhauer, 1989 folgte die Meisterprüfung, und kurz darauf eröffnete er seine eigene Holzbildhauerwerkstatt. Diese liegt zwischen den Bergen des Schwarzwalds in Nußbach, einem Ortsteil des Kurorts Triberg. Doch nicht nur die Natur dort ist sehenswert, sondern auch das, was sich hinter den Türen von Kammerers Werkstatt verbirgt. Auf kleinem Raum stehen und hängen dort unzählige Fastnachtsmasken, Kuckucksuhren, Tiergebilde – und eben Figuren für Weihnachtskrippen.

Die Werkstatt ist Kammerers zweites Zuhause. Den Großteil des Tages verbringt er dort: „Ich bin immer in der Werkstatt, zwölf Stunden am Tag.“ Berge von Holzspänen auf der Werkbank und dem Boden zeugen davon. „Morgens um halb sieben fange ich mit der Arbeit an. Weil man da seine Ruhe hat. Da geht noch kein Telefon“, erklärt er.

Josef, Maria, das Jesuskind in der Krippe und ein Kameltreiber – viele Stunden Arbeit stecken in den Kunstwerken aus Holz. Foto: Nora Strupp

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Josef, Maria, das Jesuskind in der Krippe und ein Kameltreiber – viele Stunden Arbeit stecken in den Kunstwerken aus Holz. Foto: Nora Strupp

Lässt man den Blick über die Werkbänke schweifen, fällt dem Betrachter bei näherem Hinsehen ein Holzblock auf, der aus drei aneinandergeklebten Scheiben besteht – die Silhouette eines Mannes ist bereits deutlich zu erkennen. Die Vorlage für diese Holzfigur hängt eingerahmt dahinter an der Wand. Aber wie wird aus einem Holzblock eine Figur? „Im Prinzip sind es drei Arbeitsschritte. Zuerst fertigt man eine Zeichnung an. Diese überträgt man auf das Holz. Anschließend wird die Figur grob ausgesägt, dann geht es ans Handwerkliche. Eine Figur, die mehr als zwölf Zentimeter dick ist, sollte man verleimen, damit sich keine Risse bilden. Die Leimfugen sind am Ende aber nicht sichtbar“, erzählt Kammerer.

Für seinen Beruf muss man neben Kreativität laut dem 55-Jährigen vor allem eins mitbringen: Geduld. Bei der Detailtreue seiner Skulpturen, wie etwa bei der Heiligen Familie, bezweifelt man das nicht: Augen- und Mundpartie, Haare, Hände, Füße, aber auch Falten in der Kleidung, ja sogar Finger- und Zehennägel sind klar erkennbar. Um dies so hinzubekommen, müssen die Figuren jedoch eine bestimmte Größe haben. „Ab einer Höhe von 30 Zentimetern kann man Gesichtszüge einarbeiten“, erklärt der Holzbildhauer.

Unter anderem schnitzt Samuel Kammerer Krippen im bäuerlich-modernen Stil. Foto: Samuel Kammerer

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Unter anderem schnitzt Samuel Kammerer Krippen im bäuerlich-modernen Stil. Foto: Samuel Kammerer

Einen Nachteil hat die exakte Nachbildung aber: „Je mehr Details man in die Figuren bringt, umso filigraner und anfälliger werden sie“, sagt Kammerer. Dies sei der Grund, weshalb junge Familien sich beim Kauf eher für eine einfache, formbetonte Krippe entscheiden. „Die Figuren einer solchen modernen, zeitlosen Krippe haben keine Gesichter, sind kompakt und bruchsicher. So können auch die Kinder damit spielen.“ Ältere Kunden würden hingegen die detailreichere Variante wählen. Sehr gefragt seien zudem die bäuerliche sowie die orientalische Krippe.

Die feinen Einzelheiten wie Augen, Finger- und Zehennägel werden mit sehr dünnen, etwa zwei bis drei Millimeter breiten Schnitzeisen herausgearbeitet. Kammerers Sammlung ist mit 120 Stück beachtlich. „Und alle davon braucht man“, versichert der gebürtige Nußbacher. Er benötigt für seine Arbeit noch ein anderes Utensil: Mit einem sogenannten Knüppel schlägt er vorsichtig auf das Ende des Schnitzeisens und bringt so das Holz in Form.

Lindenholz ist das typische Schnitzerholz

Zum Schnitzen der Krippenfiguren eignet sich vor allem Linden- oder Ahornholz. „Ahorn ist ein härteres Holz. Lindenholz hingegen ist für die Verarbeitung am angenehmsten, denn es ist nicht zu hart, aber auch nicht zu weich. Es ist das typische Schnitzerholz.“

Sobald eine Skulptur fertig geschnitzt ist, wird sie entweder mit einer Öllasur behandelt oder mit bunten Ölfarben handbemalt. „Der Nachteil von Ölfarben ist, dass sie sehr deckend sind und man den Holzcharakter danach nicht mehr sieht“, erläutert Kammerer. „Bei Öllasuren hingegen scheint der Holzcharakter noch durch.“

Nachdem die Krippenfiguren fertig geschnitzt sind, werden sie mit bunten Ölfarben handbemalt. Foto: Samuel Kamerer

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Nachdem die Krippenfiguren fertig geschnitzt sind, werden sie mit bunten Ölfarben handbemalt. Foto: Samuel Kamerer

Wünscht der Kunde eine Bemalung der Krippenfiguren, wird bei der Auswahl der Farben darauf geachtet, dass der König deutlich von den Hirten unterschieden werden kann. „Während Hirten vom Farbton eher schlichter und dezenter angemalt werden – etwa mit Hellbraun für das Hemd und Dunkelbraun für die Hose –, werden für die Heiligen Drei Könige Gold und Silber verwendet“, erläutert er.

Wie lange der Holzbildhauermeister für das Anfertigen einer rein handgeschnitzten Krippenfigur braucht, hängt von der Größe ab. „Für einen Hirten brauche ich rund 20 Stunden, für ein Schaf etwa fünf Stunden“, so Kammerer.

Die Größe der Figuren entscheide dann auch darüber, wie groß die gesamte Krippe wird. „Man kann den Stall ganz nach den Wünschen des Kunden anfertigen.“ Und von den Figuren her sei eine Krippe beliebig erweiterbar. „Man kann beispielsweise zu jedem König noch ein Tier dazustellen oder ein Kamel mit Kameltreiber. Ein Stall nur mit Heiliger Familie und Ochs‘ sowie Esel sieht jedoch auch schön aus“, meint Kammerer. Im letzten Schritt wird die Krippe dann noch mit verschiedenen Naturmaterialien verziert.

Wie es mit seiner Werkstatt einmal weitergeht, wenn er irgendwann in Ruhestand geht, ist ungewiss. Lehrlinge zu finden, sei schwierig: „Die einzige Arbeitsstätte des Holzbildhauers ist für viele Jahre die zweieinhalb Meter lange Werkbank.“ Genau darin liege das Problem: „Die Jungen wollen heutzutage nicht so stark an einen Ort gebunden sein“, meint Kammerer. Auch die Tatsache, dass man alles von Hand macht und nur wenig mit Maschinen arbeitet, mache die Suche nach einem Nachfolger schwierig.

Schwierig für die Kunden dürfte es hingegen sein, aus der Vielzahl an Krippen und Figuren auszuwählen, denn Kammerers Auswahl ist groß. Wie die Weihnachtskrippe am Ende aussieht, ist seinen Kunden, die vorwiegend aus Deutschland, aber auch aus Asien, den USA, Italien und Spanien kommen, selbst überlassen. „Wenn die Kunden etwas Bestimmtes möchten, schnitze ich das, und das schätzen die Leute. Ich habe viele Stammkunden, die jedes Jahr kommen und mir dann immer Bilder mitbringen, auf denen man sieht, wie die Krippe mit der Zeit gewachsen ist“, freut sich Kammerer.

Infos: Holzbildhauerei Samuel Kammerer, Werkstatt: Tannholzstraße 3a, 78098 Triberg-Nußbach. Geschäft: Hauptstraße 68, 78098 Triberg

www.schnitzermeister.de

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Erstellt:
24. Dezember 2020, 10:00 Uhr
Lesedauer:
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