„Die Kündigung war ein Fehler“

Baden-Baden (BNN) – Reue oder Schadensbegrenzung? Die Betreiber des Restaurants Rizzi wollen sich mit dem gefeuerten Barmann aus der Ukraine gütlich einigen. Dessen Anwalt hat Klage eingereicht.

Eingangsbereich des Baden-Badener Edelrestaurants Rizzi: Der Sturm der Empörung soll sich endlich wieder beruhigen. Foto: Uli Deck/dpa

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Eingangsbereich des Baden-Badener Edelrestaurants Rizzi: Der Sturm der Empörung soll sich endlich wieder beruhigen. Foto: Uli Deck/dpa

Im Nachhinein ist man immer schlauer, heißt es. „In der Nachbetrachtung ist mir klar geworden, dass die Kündigung der Fehler war. Eine Beurlaubung hätte gereicht“, sagt Maurice Schreck. Seit knapp zwei Wochen steht sein Lokal, das Baden-Badener Edelrestaurant Rizzi, nun schon im Auge eines gewaltigen Sturms.
Doch statt in stillere Gewässer zu geraten, branden im Fall des gefeuerten ukrainischen Barmanns Igor G. immer wieder neue Wellen der Erregung an. Nun will Geschäftsführer Schreck die Dinge selbst in die Hand nehmen. „Wir wollen uns mit Igor G. gütlich einigen und uns großzügig zeigen.“

Zur Erinnerung: Auslöser des Streits war ein Video, das der langjährige Angestellte des Rizzi um den 23. März herum in den Sozialen Medien veröffentlicht hatte. In nicht gerade subtiler Wortwahl macht er darin seinem Ärger über den Angriffskrieg Russlands und gegenüber den Russen im Allgemeinen Luft. „Russen, niemand freut sich über Euch“, hieß es zum Beispiel in einer der gemäßigteren Passagen.

Das war ein No-Go für den Arbeitgeber, der dem 52-Jährigen daraufhin fristlos kündigte. Damit war die Sache allerdings nicht vom Tisch. Im Gegenteil. Der Geschäftsführung des bei russischen Gästen sehr beliebten Lokals wurde Klientelpolitik zum Schutz ihrer zahlungskräftigen Gäste vorgeworfen. Der ukrainische Außenminister persönlich mischte sich ein. „Russenversteher“ nannte er die Besitzerfamilie Schreck. Im Internet hagelte es Kommentare von allen Seiten. Viele überregionale Medien berichteten.

Damit soll nun Schluss sein. In der Absicht, die Öffentlichkeit zu besänftigen und den Konflikt zu befrieden, hat sich Rizzi-Geschäftsführer Maurice Schreck extra einen Strategiepartner ins Boot geholt. Hasso Mansfeld heißt er, aus Bingen am Rhein kommt er. Doch viel mehr als das – garniert noch mit den zwei Worten „Strategie und Inhalt“ – verrät seine Webseite nicht.

„Traurig und bestürzt“ über Igor G.

Aber Hasso Mansfeld weiß, was er tut. Beim Termin im Büro der Schrecks am Baden-Badener Augustaplatz verkündet er die Absicht seines Auftraggebers. Der Sturm der Empörung rund um das Rizzi müsse sich endlich wieder beruhigen. Damit dies geschehen kann, wolle man Fehler einräumen. Transparenz und Aufrichtigkeit sieht Mansfeld dazu als den einzig richtigen Weg.

Um diese zu erreichen, sei es zunächst darum gegangen, Licht ins Dunkel der Angelegenheit zu bringen. Um zu verstehen, was genau passiert ist, hatte es im Hause Schreck deshalb vor Kurzem erst ein Treffen mit acht Stammgästen des Lokals gegeben. Einige von ihnen hatten schon vor der Veröffentlichung des Videos beobachtet, wie der Ton des Barmanns rauer geworden war. Eine Russin habe die Geschäftsleitung auf die russenfeindlichen Äußerungen des Barmanns aufmerksam gemacht.

„Gleich nach der russischen Invasion hatte es vereinzelt Beschwerden über den Mitarbeiter gegeben“, räumt Maurice Schreck ein. Doch weil der Barmann seit sieben Jahren für das Rizzi tätig war und er sich bei der Dame, der er auch fast freundschaftlich verbunden war, entschuldigt hatte, habe man keinen Anlass für ein klärendes Gespräch gesehen.

Auch als wenige Tage später das Video im Netz auftauchte, habe man die Tragweite nicht gleich verstanden. Vor allem wegen der Sprachbarriere. „Die Schrecks mussten es ja erst einmal übersetzen lassen, um zu verstehen, was da gesagt wurde“, erklärt Mansfeld.

Maurice Schrecks erste Reaktion? „Ich war traurig und bestürzt“, sagt er. Wenige Tage zuvor noch habe das Rizzi auf seinem Instagram-Account zu Spenden für die Ukraine aufgerufen. „Igor hatte darum gebeten, einen entsprechenden Aushang im Lokal machen zu dürfen“, erinnert sich Schreck. Überhaupt habe man dem ansonsten immer freundlichen und beliebten Mitarbeiter ein derartiges Verhalten nie zugetraut. „Ich habe ihn eher als Feingeist wahrgenommen.“

Erst als der Druck von russischer Seite noch weiter stieg, sah sich Maurice Schreck veranlasst, seinen Barmann zum Gespräch einzubestellen. „Ich habe ihn gebeten, sich bei den Gästen persönlich und für das Video öffentlich zu entschuldigen.“ Dieser Bitte sei Igor G. jedoch nur zum Teil nachgekommen. Das Entschuldigungsvideo habe er nur für seine Freunde zugänglich auf Instagram gepostet.

Als einzigen Ausweg habe man damals die fristlose Kündigung gesehen, erklärt Schreck. „Wir konnten doch so nicht weitermachen.“ Er habe nicht vorhergesehen, dass die öffentliche Meinung sich in eine ganz andere Richtung dreht. „Plötzlich war ich der Stargastronom, der seinen ukrainischen Barmann feuert, damit die russischen Stammgäste unbehelligt ihren Champagner trinken können“, fasst er die Stimmung zusammen.

Im Strudel der Hasskommentare

Immer tiefer sei man in den Strudel von Hasskommentaren geraten, aus dem man nun entfliehen möchte. „In diesem Streit gibt es nur Verlierer“, sagt Mansfeld. Als ersten Schritt habe man die außerordentliche Kündigung zurückgenommen. Man strebe eine außergerichtliche Einigung an und wolle sich großzügig zeigen.

Ob der ersehnte Burgfrieden damit erreicht werden kann, scheint allerdings fraglich. Während man in Baden-Baden über die Presse das Gespräch suchte, brachte in Karlsruhe der Anwalt des gefeuerten Barmanns die Klage gegen die außerordentliche Kündigung auf den Weg. Auf Nachfrage erklärte Rechtsanwalt Ralf Onasch, dass es vonseiten des Rizzi bislang keinerlei Kontaktaufnahme gegeben habe.

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Sibylle Kranich

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Erstellt:
30. März 2022, 17:10 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 45sec

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