Die Macht der Umfragen

Baden-Baden (kli) – Wahlkämpfer der Parteien schauen wie gebannt immer auf die neuesten Umfragen. Doch wie entstehen diese überhaupt? Zwei Institutsleiter erklären im BT ihre Arbeit.

So kommen am Wahltag die Prognosen zustande: Infratest dimap sammelt Fragebögen der Wähler ein, hier bei der Wahl in Hamburg im Februar 2020.      Foto: Georg Wendt/dpa

© picture alliance/dpa

So kommen am Wahltag die Prognosen zustande: Infratest dimap sammelt Fragebögen der Wähler ein, hier bei der Wahl in Hamburg im Februar 2020. Foto: Georg Wendt/dpa

Sachsen-Anhalt gilt als besonders krasser Fall. Nachdem noch am Wahltag am 6. Juni einige Medien sich auf Umfragen stützten, die ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD voraussagten, mussten sich Demoskopen nach dem Wahlausgang heftige Vorwürfe gefallen lassen. Haben sie mit ihren Umfragen das Wahlergebnis beeinflusst?

CDU-Ministerpräsident Rainer Haseloff fuhr einen Wahlsieg ein, distanzierte die AfD. Wegen der Polit-Umfragen?

Matthias Jung kennt solche Vorwürfe. Das Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen, das für das ZDF Umfragen, Wahlprognosen- und Hochrechnungen erarbeitet, unterbricht im BT-Gespräch sofort, wenn man von den Demoskopen spricht. Die Demoskopen gebe es nicht. Für sich und die Forschungsgruppe nimmt er Seriosität in Anspruch. Was sagt Jung zu Sachsen-Anhalt? „Eine fragwürdige Allianz der Online-Umfrageinstitute mit ‚Spiegel‘ und ‚Bild‘ hat eine Medienkampagne gefahren, die ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen AfD und CDU um den ersten Platz prognostizierten. Wir hatten in unseren Umfragen einen Vorsprung der CDU vor der AfD von sieben Prozentpunkten. Diese Kampagnen, die sich auf dubiose Online-Methoden stützen, haben jedoch eine breite Medienwirkung erzielt und dazu beigetragen, dass sich noch mehr hinter der CDU, der Partei des Ministerpräsidenten, versammelt haben.“ Leidtragende in Magdeburg waren Wahlkämpfer von SPD, Linken, Grünen und FDP, die weit hinter ihren Erwartungen zurückblieben.

Das klassische Zufallsprinzip

Warum bezeichnet Jung Online-Methoden als dubios? „Online-Befragungen schließen den Zufallsfaktor weitgehend aus und binden vor allem rekrutierte Befragte ein, was die Repräsentativität erheblich beeinträchtigt. Wir hingegen befragen telefonisch nach dem klassischen Zufallsprinzip“, erläutert der Mannheimer Demoskop. Die Repräsentativität der Umfragen werde also durch Zufall und eine ausreichende Fallzahl gewährleistet. Was in Sachsen-Anhalt lief, macht Jung wütend. Solche Kampagnen bringen die ganze Branche in Misskredit. „Kampagnen wie die vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erzielen auch durch ständiges Wiederholen in Online-Schleifen und -Blasen eine mächtige Reichweite bei der Wählerschaft, die sich nicht permanent über Politik informiert.“ Wer besser informiert ist, lässt sich weniger von Umfragen leiten? Jung meint zumindest: „Diejenigen, die Umfragen zur Kenntnis nehmen, sind oft politisch interessiert und informiert und in der Regel gegen Manipulationen eher resistent.“

Das sieht Nico A. Siegel, Geschäftsführer von Infratest dimap, dem Umfrage-Dienstleiter für die ARD, ähnlich. Für ihn ist klar: „Der Umgang mit Umfragen ist vor allem abhängig vom politischen Interesse und damit auch dem Bildungshintergrund“; sagt er dem BT. „Die Mehrheit im Wahlvolk hat ein geringeres Interesse an den Umfrageergebnissen als die Eliten. Medien und die politische Klasse hingegen nehmen Umfragen sehr intensiv wahr“, glaubt er. Umfragen könnten direkte Wirkungen auf das Wahlverhalten entfalten, „aber nur bei einer Minderheit der Wahlberechtigten, diejenigen, die eher unentschlossen sind und taktisch wählen“, erläutert Siegel. Auch er hat sich über die Ereignisse in Sachsen-Anhalt geärgert. „Dass ein Teil der Medien noch am Sonntagnachmittag von einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD gesprochen haben und damit Klicks generiert haben, hat mich persönlich geärgert. Wir haben unseren Ansprechpartnern in der ARD vor und am Wahlwochenende daher klar signalisiert, dass es in Sachsen-Anhalt keinesfalls um ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD gehen würde.“

Das führt zu der Frage, welche Wirkung Umfragen allgemein auf Wahlergebnisse haben. Offenbar vielseitige. Jung erklärt: „Wenn zum Beispiel eine Partei an der Fünf-Prozent-Hürde liegt, gibt es den Effekt, ihr drüberhelfen zu wollen. Genauso gibt es Wähler, die sich von dieser Partei dann abwenden, weil sie sonst ihre Stimme für verloren halten.“ Es gebe auch immer diejenigen, die bei den Gewinnern sein wollen und den in Umfragen Führenden wählen. Es gebe aber genauso diejenigen, die sich mit einer schwächeren Partei solidarisierten. „Die Einflüsse sind also vielschichtig und nicht wie bei einer Versuchsanordnung in der Physik einfach messbar“, so Jung.

Annahmen mit größerem Gewicht

Eine neue Schwierigkeit für die Demoskopen liegt in der hohen Zahl an Briefwählern. Infratest dimap macht in den Umfragen zwischen Wahlabsicht und „bereits gewählt“ keinen Unterschied. „Die Wahlabsicht von Briefwählern preisen wir ebenso wie das von Urnenwählern in unseren Vorwahlerhebungen ein. Und natürlich fließt das Briefwahlverhalten in die Prognose und Hochrechnungen am Wahltag ein“, sagt Siegel. Auf ein Problem weist Jung hin: „Die hohe Zahl an Briefwählern hat Auswirkungen auf die 18-Uhr-Prognose am Wahlabend, weil Basis dafür ja die Befragung der Urnenwähler vor den Wahllokalen ist. Wenn dieser Anteil zurückgeht, stützt sich die Prognose auf eine kleinere Gruppe. Wir lassen die Briefwahl in die Prognose mit einfließen, aber ja, es macht die Prognose etwas unsicherer, denn ein größeres Gewicht kommt nun Annahmen über die Briefwähler zu, die richtig oder falsch sein können.“ Das bedeutet: Von der ersten Prognose am Wahlabend um 18 Uhr kann das Endergebnis wegen der vielen Briefwähler deutlich abweichen.

Ist die Flut der Umfragen vor der Wahl ein Problem? Durchaus, findet Siegel. Er meint: Weniger ist mehr. „Der Nutzen davon, jede Woche eine neue Sonntagsfrage zu erheben, ist sehr begrenzt. Unseren Standard, zweimal im Monat, halte ich für völlig ausreichend.“

Wichtig ist beiden der Hinweis, dass Umfragen keine Prognosen für den Wahlabend sind, sondern immer nur Momentaufnahmen. Jung berichtet: „Wir fragen letztmals vier Tage vor der Wahl. Die Differenz zum Wahlergebnis liegt dann auch immer darin begründet, wie sich in den letzten vier Tagen vor der Wahl die Stimmung verändert hat.“

Grenzen der Interpretation

Siegel ist wichtig: „Vorwahlerhebungen sind immer Meinungserhebungen zu gegebenen Zeitpunkten. Diese können das Ergebnis am Wahltag nicht prognostizieren. Seriöse Meinungsforschungsinstitute weisen immer auf die Möglichkeiten und Grenzen der Interpretation der Umfragen hin.“

Beide Demoskopen plädieren aber nicht für ein Veröffentlichungsverbot von Umfragen unmittelbar vor den Wahlen. Beide sehen dafür keinen Bedarf, auch wenn andere Länder (Polen, Frankreich. Portugal, Spanien, die Schweiz) entsprechende Regeln eingeführt haben, um die Wahl vor Umfrageeinflüssen zu schützen. „Umfragen gehören zu einer freiheitlichen Demokratie wie die freie Presse. Sie sind die bestmögliche Praxis, die Meinung des Souveräns zum Ausdruck zu bringen“, findet Siegel. Jung ergänzt: „Ein Veröffentlichungsverbot für Umfragen vor der Wahl halte ich nicht für sinnvoll. In einer offenen Mediengesellschaft wäre das nicht angemessen.“

Siegel sieht es aber etwas differenzierter. „Eine Veröffentlichungssperre für Umfragen vor der Wahl halte ich persönlich für zu weitgehend. Ich schätze aber unsere freie Selbstverpflichtung: In der ARD bringen wir die letzte Sonntagsfrage zehn Tage vor der Wahl. Das geht ein Stück weit gegen den Strom der Zeit, aber ich halte das für eine gute Regelung.“

Zum Artikel

Erstellt:
22. August 2021, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 18sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.