Die Miniaturwelt platzt aus allen Nähten

Rastatt (sie) – Der Rentner Dieter Melchers baut Modelle bekannter Gebäude nach – beispielsweise das Rastatter Rathaus. Dabei erschafft der Rastatter kleine architektonische Meisterwerke.

Eine Prachtallee aus Vogelhäuschen: Vor zehn Jahren hat Dieter Melchers den Modellbau für sich entdeckt. Er ist Architekt, Bauzeichner und Zimmermann in einer Person. Foto: Holger Siebnich/BNN

Eine Prachtallee aus Vogelhäuschen: Vor zehn Jahren hat Dieter Melchers den Modellbau für sich entdeckt. Er ist Architekt, Bauzeichner und Zimmermann in einer Person. Foto: Holger Siebnich/BNN

Ein Playmobilmännchen grüßt Besucher vor der Haustür von Dieter Melchers. Es steht am Rand eines Vogelhäuschens. Wobei die Verniedlichungsform für dieses Bauwerk mit mehreren Etagen nicht angemessen ist. Das Mehrfamilienhaus in Rastatt, in dem Melchers wohnt, kann da nicht mithalten. „Die Wohnung ist groß, aber von außen, na ja“, sagt der 82-Jährige über die angegraute Fassade. In seinem Wintergarten erschafft er dafür architektonische Meisterwerke im Miniaturformat.

Die Bauwerke, mit denen er sich früher beruflich beschäftigte, waren eher zweckmäßig. Melchers handelte mit Garagen. „Ich hab‘ studiert und alles“, sagt er und lacht. Als Geschäftsführer war er beruflich oft unterwegs und auch privat auf Reisen. Im Ruhestand einfach herumzusitzen, ist nichts für ihn. Vor zehn Jahren begann er seine zweite Karriere – als Baumeister.

Das wichtigste Werkzeug ist die Japansäge

Die Ergebnisse stehen in seinem Wintergarten auf Tischchen, hängen auf Regalböden an der Wand und verzieren den Garten: Kirchen, Schlösser, Burgen, Schwarzwaldhäuser, Mühlen, Tempel und Kapellen. Er hat den Bundestag nachgebaut, die Blaue Moschee und das Schloss Ludwigsburg. Aber auch das Rastatter Rathaus und das Schwarzacher Münster. „Alles hiermit“, sagt er und greift zu einer kleinen Säge im Regal, die er in der Hand hält wie ein Samuraischwert. Der Name des Werkzeugs könnte passender nicht sein: Japansäge.

Der Sitz des Oberbürgermeisters: Dieter Melchers hat auch das Rastatter Rathaus nachgebaut. An seinen Modellen arbeitet er sechs bis acht Wochen. Foto: Holger Siebnich/BNN

Der Sitz des Oberbürgermeisters: Dieter Melchers hat auch das Rastatter Rathaus nachgebaut. An seinen Modellen arbeitet er sechs bis acht Wochen. Foto: Holger Siebnich/BNN

Sein Arbeitsplatz ist ein kleiner Tisch, auf dem gerade ein Holzhaus steht, das er ausbessert. Ein Foto davon will er lieber nicht machen lassen. Zu unaufgeräumt. Überhaupt möchte er selbst eigentlich gar nicht im Fokus stehen. Freunde versuchten mal ihn zu überreden, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Er sagt: „Das ist doch Quatsch.“

Aber während der Corona-Pandemie kam ihm der Gedanke, dass sein Hobby vielleicht andere Menschen inspirieren könnte. Ihm bietet es vor allem im Herbst und Winter Beschäftigung: „Ich will nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher rumhängen.“

An einem Modell sitzt er sechs bis acht Wochen. Orientierung geben ihm Fotos oder Postkarten der Originalbauwerke. Bevor er die Japansäge zückt und dem Sperrholz damit Wände, Balustraden und Fensterbretter abringt, bringt er einen Plan zu Papier. Meistens wählt er einen Grundriss mit einer Seitenlänge von 25 Zentimetern. Der Rest ergibt sich.

In seiner kleinen Welt ist Melchers Architekt, Bauzeichner, Zimmermann und Malermeister. Mit dem Zeigefinger verstreicht er den Holzkleber, um die Einzelteile zusammenzufügen. Die Kuppe ist manchmal schon ganz taub. Während die Pfriemelei anderen den Schweiß auf die Stirn treiben würde, vergisst er die Zeit: „Mich entspannt das“, sagt er. Neudeutsch heißt das: Melchers ist im Flow.

Experte für Bastelmaterial: Dieter Melchers kennt das Angebot der Bastelläden genau. Mit Styroporkugeln und -kegeln baut er Türme und Kuppeln nach. Foto: Holger Siebnich/BNN

Experte für Bastelmaterial: Dieter Melchers kennt das Angebot der Bastelläden genau. Mit Styroporkugeln und -kegeln baut er Türme und Kuppeln nach. Foto: Holger Siebnich/BNN

Längst hat er sich zum Experten für Bastelmaterialien entwickelt. Er weiß, dass es Styroporkegel zu kaufen gibt, die sich als Kuppeln für Gebäude eignen. Um die Schindeln an einer Hausfassade nachzuahmen, hat er sich die kleinen Holzstäbchen besorgt, die normalerweise Eisdielen nutzen. Allzu genau mit der Detailtreue nimmt er es aber nicht. Ob die kleinen Plastikpalmen, die er vor seinem Schloss Ludwigsburg ins Holz gesetzt hat, irgendetwas mit der Originalbepflanzung zu tun haben, interessiert ihn wenig: „Ich nehme, was ich dahabe.“

Sein Reste-Fundus ist gut gefüllt. „Mir fällt es schwer, Sachen wegzuschmeißen“, sagt er. Aus dem kleinsten Holzfitzelchen könnte er vielleicht noch was Brauchbares rausholen.

Alles belegt: An den Wänden des Wintergartens stehen Modelle auf Regalböden. Kein Platz ist mehr frei. Foto: Holger Siebnich/BNN

Alles belegt: An den Wänden des Wintergartens stehen Modelle auf Regalböden. Kein Platz ist mehr frei. Foto: Holger Siebnich/BNN

Sein größtes Problem ist der Platz. 50 bis 60 Bauwerke hat er errichtet. Seine Vogelhäuschen bilden auf mehreren Balken im Garten prächtige Alleen. Er befüllt nur noch einen Bruchteil von ihnen. Weil im Wintergarten alle Premiumplätze an den Wänden belegt sind, lagert das Rastatter Rathaus neben dem Schwarzacher Münster und anderen Bauwerken auf einem Schrank und hat schon ein bisschen Staub angesetzt.

Einen Neubau plant Melchers deshalb gerade nicht. Dann vielleicht doch einmal eine Ausstellung? Er zuckt mit den Schultern. Die Modelle ins Auto packen, mehrmals hin- und herfahren, Auf- und Abbau. Der Aufwand wäre groß. „Es ist doch einfach nur mein Hobby“, sagt er.

Zum Thema:

Profi und Laien: Nicht nur Laien kleben im Hobbykeller Mini-Flugzeuge zusammen oder basteln an der Modelleisenbahn. Modellbau spielt in vielen professionellen Bereichen eine Rolle, zum Beispiel bei Designstudien, in der Architektur, der Museumspädagogik in Form von Miniaturszenenbildern für Fotomontagen und Filmaufnahmen oder als Anschauungsobjekte. Aber auch Hobbymodellbauer beweisen oft eine enorme Treue zum Detail.

Maßstab: Das Verhältnis der Größe des Modells zur Größe des Originals ist der Maßstab. Welcher Maßstab benutzt wird, hängt vom Anwendungsbereich und dem Zweck des Modells ab. In der Regel sind größere Modelle detailreicher gestaltet als kleinere. Für die meisten Anwendungen werden relativ preiswerte Materialien verwendet, die einfach zu verarbeiten sind – wie im Fall von Dieter Melchers zum Beispiel Sperrholz.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Holger Siebnich

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Erstellt:
11. April 2022, 15:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

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