„Die Operation Rettungsboote läuft“

Stuttgart (bjhw) – Nach der Wahlmisere hofft die Südwest CDU auf ein Bündnis mit den Grünen. Thomas Strobl wurde als Verhandlungsführer für die wichtigen Sondierungsgespräche bestimmt.

Die Last der Niederlage liegt auf den Schultern von CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann. Künftig will sie keine führende Rolle in der Partei mehr anstreben. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Die Last der Niederlage liegt auf den Schultern von CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann. Künftig will sie keine führende Rolle in der Partei mehr anstreben. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Die schöne Theorie, wonach Wahlen gemeinsam gewonnen und gemeinsam verloren werden, ist schon am ersten Tag nach dem CDU-Debakel durchgefallen im Praxistest. Wie vor fünf Jahren der erfolglose Spitzenkandidat Guido Wolf soll nun auch seine noch erfolglosere Nachfolgerin Susanne Eisenmann die Last der Niederlage allein tragen.

Strobl als Koalitionsverhandler

Ein Appell der ehemaligen Hoffnungsträgerin, die Verantwortung doch bitte zu teilen, ist im Landesvorstand echolos verhallt. Parteichef Thomas Strobl möchte vielmehr noch einmal durchstarten als erfolgreicher Koalitionsverhandler und sich damit empfehlen für eine Rückkehr in die Bundespolitik.

Das Bild von der Titanic bemüht ein Vorständler vor der abendlichen Krisensitzung in der Stuttgarter Innenstadt: „Die Operation Rettungsboote läuft.“ Was daraus wird, sei nicht klar, „vielleicht säuft das Schiff auch vorher ab“. So weit will es einer nicht kommen lassen, der seit 15 Jahren zunächst als Generalsekretär unter Günther Oettinger und Stefan Mappus und schließlich als Parteichef selbst den Absturz auf 24 Prozent nicht einfach von sich selbst abschieben kann: Strobl. Er sei aber „eben wie diese gefallene Prinzessin“, mokiert sich ein Abgeordneter, „aufstehen, Krönchen richten, weitermachen“.

„Jetzt arbeiten wir am Projekt 18 Prozent“

Angehören wird der Schwiegersohn von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble dieser Fraktion nicht. Der Jurist konnte kein Mandat erkämpfen in seinem Heilbronner Wahlkreis, sondern muss wie Eisenmann in Stuttgart ein unterdurchschnittliches Ergebnis verdauen. Doch während es sehr schnell sehr einsam geworden ist um die 56-Jährige, hat der erst kürzlich wiedergewählte Bundesvize das Heft des Handelns in die Hand bekommen. Eine Einladung Kretschmanns zu Sondierungsgesprächen morgen habe ihn bereits erreicht, berichtet er vor der Vorstandssitzung gestern Abend. Schon am Sonntag ließ er sich vom Parteipräsidium die Vollmacht geben dafür, dass diese Gespräche unter seiner Führung stattfinden. Ein Erfolg könnte der Türöffner in Berlin sein.

Ohnehin demonstriert Strobl seine Wendigkeit. Im Frühjahr 2016 hatte er den grünen Wahlsiegern angekündigt, die CDU werde sie nach fünf Jahren gemeinsamen Kiwi-Regierens auf jeden Fall vor die Tür stellen. Weil seine Partei dank ihrer „schwarzen Handschrift natürlich wieder Platz eins erreichen kann“. Daraus wurde nichts, „jetzt arbeiten wir am Projekt 18 Prozent“, urteilt ein Insider hart, während Manuel Hagel, der CDU-Generalsekretär mit Ambitionen auf den Posten des Fraktionschefs, verspricht, das Ergebnis „mit Haltung zu tragen“: Man werde sich „selbstkritisch und auch ehrlich gegenüber uns selber“ mit der Lage befassen. „Das braucht zehn Jahre“, ätzt ein langgedienter Vorständler, „genauso lange wie ein Abstieg dauert ein Wiederaufstieg.“

Reinhart: Keine Wiederwahl für drei Jahre

Die erste Gelegenheit zum Schritt in die richtige Richtung geht jedoch ungenutzt vorbei. In der Fraktionssitzung, in der sich Wolfgang Reinhart für die nächsten zweieinhalb Jahre im Amt bestätigen lassen wollte, wurde der offene Zwist, der eben jene ehrliche Befassung möglicherweise befördert hätte, umschifft und der alte Fraktionschef nur für die nächsten Wochen neu bestätigt, denn Hagel bringt sich in Stellung. Und so kämpft Eisenmann längst auf verlorenem Posten um eine Teilung der Verantwortung. Anders als Wolf vor fünf Jahren übrigens, der mit dem Amt des Justiz- und Europaministers bedacht wurde. Die Kultusministerin strebt dagegen keine Führungsfunktionen mehr an.

Ihr Autor

BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer

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Erstellt:
15. März 2021, 22:47 Uhr
Lesedauer:
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