Die Pandemie drückt auf die Pause-Taste

Bühl/Vale do Capao (marv) – Der gebürtige Bühler Silvan Bach radelt seit zwei Jahren durch Südamerika. Coronabedingt hat er nun einen längeren Aufenthalt im brasilianischen Bundesstaat Bahia.

Silvan Bach radelt durch Südamerika – und manchmal auch gegen den Wind. Foto: Bach

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Silvan Bach radelt durch Südamerika – und manchmal auch gegen den Wind. Foto: Bach

Braun gebrannt und breit grinsend, mit blonder Lockenmähne und Septum in der Nase erscheint Silvan Bach auf dem Smartphone-Bildschirm. Der gebürtige Bühler sitzt unter einem Wellblechdach im Grünen, als er sich Zeit für das BT nimmt. Seit dem 21. März steckt der 27-Jährige im Nationalpark Chapada Diamantina im brasilianischen Bundesstaat Bahia fest.

Von schlechter Laune oder Sorgen wegen der Corona-Pandemie keine Spur. „Uns geht es hier gut. Bis auf die Menschen mit Maske, die man im Dorf sieht, und das im Supermarkt nur vier Personen gleichzeitig einkaufen können, bekommt man hier von der Krise fast nichts mit“, schildert der Schreinermeister aus Bühl, der seit drei Monaten in dem bei Touristen beliebten Dorf Vale do Capao lebt. Mit vier weiteren Fahrradtouristen und seinem brasilianischen Gastgeber Gabriel Fagundes bildet er nun coronabedingt eine Wohngemeinschaft. Miete zahlen muss er keine, seine derzeitige Bleibe hat er über Warm Showers gefunden. Ein weltweites, gemeinnütziges Gastfreundschaftsnetzwerk von Radreisenden für Radreisende. Die Argentinierin Paula Coria, Federico Cuitino aus Uruguay und Isaura Jordan Arrivillaga aus Chile bringen sich gemeinsam mit Bach und ihrem Gastgeber Gabriel Fagundes im Haushalt ein, teilen sich die Kosten für das Essen und halten den Garten instand. „Das ist eine Win-win-Situation für uns alle“, sagt Bach, der seine handwerklichen Fähigkeiten bereits einbringen konnte. Unter anderem hat er schon Wände verputzt, eine Arbeitsecke, einen Couchtisch und ein Gewürzregal aus Holz hergestellt.

„Hier fühle ich mich manchmal so, als befinde ich mich in einer Art Pausen-Modus“, schildert Bach seine Gefühlslage. Eigentlich habe er im März weiterfahren wollen, nach drei Tagen sei er aber in das kleine Dorf zurückgekehrt.

Acht Länder und 20 platte Reifen

„Ich habe nie groß drüber nachgedacht, nach Hause zu fliegen“, sagt der mittelbadische Radler, auch nicht, als das Auswärtige Amt 240000 im Ausland gestrandete Deutsche einfliegen ließ. „Ich fühle mich noch mitten in der Reise“, schildert Bach. Heimweh habe er nicht.

„Venga, vamos“ (Komm, lass uns gehen!), war das Motto, als Bach im Februar 2018 in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá losgeradelt ist. Damals sei sein Spanisch sehr schlecht gewesen, die zwei Jahre, die er auf der Schule hatte, waren da schon eine Weile her. Mittlerweile würde er von sich sagen, dass er fließend Spanisch und – nach neun Monaten in Brasilien – ein bisschen Portugiesisch spricht. An der Westküste, den Pazifik entlang, ist er über Ecuador nach Peru, von dort über Bolivien nach Chile geradelt. Als Grenzgänger zwischen den beiden immer spitzer zulaufenden Ländern Chile und Argentinien ist er bis nach Ushuaia – der südlichsten Stadt der Welt – gefahren. Von dort aus ist er auf der Ostseite des Kontinents gen Norden gereist. Über Uruguay ist er nach Brasilien gekommen, wo er sich bis heute aufhält.

Begegnung der besonderen Art – auf der Estrada Real in Landesinnern von Brasilien.  Foto: Bach

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Begegnung der besonderen Art – auf der Estrada Real in Landesinnern von Brasilien. Foto: Bach

20 Mal musste er schon seine Reifen flicken, schätzt Bach, der in den vergangenen beiden Jahren etwa 18000 Kilometer mit dem Rad zurückgelegt hat. Eine beachtliche Leistung könnte man meinen. „Viele der bestimmt 150 Radreisenden, die ich bisher getroffen habe, fahren 20000 Kilometer im Jahr“, relativiert er. Dennoch klingt eine Radtour durch bisher acht Länder, bei der man, wie in seinem Fall in Patagonien eine Woche nicht zum Duschen kommt und sich auf fast 5000 Metern in den Anden erst mal akklimatisieren muss, ganz schon anstrengend.

Groß Ausgaben hatte er – abgesehen vom Hinflug bisher nicht. „In Hotels oder Hostels übernachte ich nur im Notfall, wenn ich nicht zelte oder Plattformen wie Warm Showers oder Couch Surfing nutze“. Essen sei in Südamerika sehr günstig, oft werde er aber auch eingeladen, in Restaurants oder zu Menschen nach Hause. „Es gibt Tage, da gebe ich nichts aus. Im Schnitt reichen mir weniger als fünf Euro.“

„Die Gastfreundschaft ist grenzenlos“

Wenn er von seiner Reise berichtet, gerät Bach ins Schwärmen: „Die Gastfreundschaft ist grenzenlos und die Landschaft hat von A bis Z alles zu bieten“, sagt Bach, der, wenn es ihm irgendwo gefällt, gerne auch länger Station macht.

Dass er sein ursprüngliches Ziel, nach der Umrundung des südamerikanischen Kontinents von Panama aus durch Zentralamerika bis nach Mexiko zu fahren, erreicht, ist derzeit aber eher unwahrscheinlich. Bis mindestens 14. Juni sind die Grenzen dicht. Aktuell ist sein Plan, Mitte Juni, wenn es klappt, mit seiner Weggefährtin Isaura Jordan Arrivillaga nach Costa Rica zu fliegen, deren Vater dort wohnt. Ansonsten kehrt er voraussichtlich nach Deutschland zurück.

Eindrücke von seiner Reise und sogar nackte Tatsachen präsentiert Bach auf seinem Instagram-Profil, das auch seinem Fahrradrahmen ziert.

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Erstellt:
1. Juni 2020, 23:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Juni 2020, 12:18 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 22sec

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