„Die Papierindustrie“: Geschäftsstelle in Gernsbach

Gernsbach (stj) – Ein neuer Spitzenverband vertritt die Interessen von mehr als 100 Unternehmen sowie rund 47.000 Mitarbeitern der deutschen Zellstoff- und Papierindustrie.

Soll im Laufe dieses Jahres fertiggestellt werden: Das neue Seminarhaus des Papierzentrums Gernsbach an der Loffenauer Straße. Foto: Stephan Juch

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Soll im Laufe dieses Jahres fertiggestellt werden: Das neue Seminarhaus des Papierzentrums Gernsbach an der Loffenauer Straße. Foto: Stephan Juch

Die Papiererzeugung ist ähnlich energieintensiv wie die Stahl- oder die Chemieproduktion. Angesichts der aktuellen Diskussion über ein mögliches Öl- und Gas-Embargo für Russland stellt die Situation für die Branche eine große Herausforderung dar. Schon jetzt „treffen uns die Energiekosten hart“, betonte Andreas Seyffert bei der Jahrestagung der Vereinigung Gernsbacher Papiermacher (VGP).

Die sich durch den Krieg in der Ukraine verschärfenden Probleme waren bei dem dreitägigen Treffen, das heute zu Ende geht, aber nur am Rande ein Thema. Genauso wie das Aus von Baden Board. Der traditionsreiche Verpackungsmittelhersteller mit Standorten in Gernsbach und Weisenbach fand von offizieller Seite bei der Eröffnung am Donnerstag im Pavillon des Papierzentrums keinerlei Erwähnung. Das mag auch daran liegen, dass die Mitglieder des Vereins zwar über die Papiermacherschule mit Gernsbach verbunden, aber nicht unbedingt in der Region verankert sind.

So wie Andreas Seyffert, der Präsident der Schweizer VGP, der die aktuelle Situation in seinem Fachgebiet Sicherheitspapiere und Banknoten beleuchtete und dabei den Bogen von Europa nach Afrika spann. Während in Fabriano in der Provinz Ancona, wo Mitte des 13. Jahrhunderts die erste europäische Papiermühle entstanden ist, die Produktion von Sicherheitspapieren eingestellt wurde, ist in Kairo eine neue Papierfabrik in Betrieb gegangen, die pro Jahr 10.000 Tonnen Material für Banknoten herstellt. „Das wirkt sich natürlich auf den Markt aus“, erklärte Seyffert und sprach von einer aktuellen Überkapazität von circa 40 Prozent. Hinzu komme, dass Banken weltweit alles daran setzen, „uns in die digitale Zahlungswelt zu verbannen“. Dieser Trend lasse sich nicht aufhalten, bedeute also im Umkehrschluss, dass die Papierbranche mit innovativen Produkten neue Märkte erschließen müsse, um wettbewerbsfähig zu bleiben: „Die Digitalisierung nimmt ihren Lauf, mit allen Vor- und Nachteilen“, so Seyffert.

In Gernsbach schlägt „das Herz der Papierindustrie“

Vorteile brachte sie im Bemühen, die Aus- und Weiterbildungsangebote während Corona so weit wie möglich aufrecht zu erhalten. Der Papiermacherschule kam dabei ihre schon vor der Pandemie gute technische Ausstattung entgegen, betonte Schulleiter Matthias Walter: „Aber man merkt schon, dass einige Schwierigkeiten da sind, dass einige Voraussetzungen fehlen“, sagte er mit Blick auf die Absolventen und forderte: „Im Bereich Bildung müssen wir was tun.“

Das Papierzentrum selbst geht dabei mit gutem Beispiel voran: Auf dem Grundstück Loffenauer Straße 37 entsteht gerade ein modernes, dreigeschossiges Gäste- und Seminarhaus, das die drei nebenan befindlichen sogenannten Meisterhäuser (Haus Gutenberg, Haus Stromer und Haus Tsai Lun) ergänzen und die Qualität des Seminarangebots erhöhen soll. Wie Andre Müller, Hauptgeschäftsführer des Papierzentrums, ankündigte, werde das Projekt noch im Laufe dieses Jahres fertiggestellt. Der Neubau sei auch ein Zeichen für die Zukunft, dass in Gernsbach weiter „das Herz der Papierindustrie“ schlage.

Müller ging auch darauf ein, dass die deutsche Zellstoff- und Papierindustrie seit 1. Januar 2022 auf Bundesebene einheitlich von einem Spitzenverband unter dem Namen „Die Papierindustrie“ vertreten wird, dessen stellvertretender Hauptgeschäftsführer Müller ist: Gerade angesichts der aktuell so großen Herausforderungen sei es „umso wichtiger, dass wir als Industrie mit einer Stimme sprechen“. Sitz des Verbands ist Berlin. Er verfügt über weitere Geschäftsstellen in Bonn und im Papierzentrum in Gernsbach. „Die Papierindustrie“ ist die zentrale sozial-, tarif- und wirtschaftspolitische Interessenvertretung der Branche mit ihren mehr als 100 Unternehmen sowie rund 47.000 Mitarbeitern auf Bundes- und Landesebene.

Vereinigung Gernsbacher Papiermacher auf Schrumpfkurs

Nur wenig zu berichten hatte der Geschäftsführer der Vereinigung Gernsbacher Papiermacher (VGP), Reinhard Pollok. Die Jahreshauptversammlung mit Ehrungen und anschließenden Fachvorträgen bildet traditionell den Abschluss der außerhalb von Pandemiezeiten jährlich in Gernsbach stattfindenden mehrtägigen Jahrestagung.

Leider befinde sich die Vereinigung auf Schrumpfkurs, führte Pollok aus. Die Eintritte können die Austritte nicht mehr kompensieren. Von denjenigen, die nach erfolgreichem Meisterabschluss eintreten, verlassen nach ein bis zwei Jahren 50 Prozent wieder den Zusammenschluss. Die Vereinigung zählt aktuell 352 Mitglieder und 23 Fördermitglieder aus der Industrie.

Auszeichnung: Die Vereinigung Gernsbacher Papiermacher würdigt bei ihrer Jahrestagung treue Mitglieder. Foto: Veronika Gareus-Kugel

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Auszeichnung: Die Vereinigung Gernsbacher Papiermacher würdigt bei ihrer Jahrestagung treue Mitglieder. Foto: Veronika Gareus-Kugel

Ein Standbein für die Gemeinnützigkeit des Vereins ist die Förderung der Meisterschüler. So erhalten diejenigen Schüler, die die Kosten für die Weiterbildung aus eigener Tasche bezahlen müssen, auf Antrag einen Zuschuss von 500 Euro. Diese finanzielle Unterstützung werde jedoch nicht direkt ausbezahlt, sondern über das Papierzentrum abgewickelt, verdeutlichte Pollok das Prozedere.

Die Einnahmen und Ausgaben des Vereins erläuterte den Mitgliedern Kassierer Markus Kerker; er wurde bestätigt von den Kassenprüfern Mahmut Pervaneli und Harry Gluth. Für Letzteren wählte die Versammlung einstimmig Jörg Bosbach zum neuen zweiten Kassenprüfer.

Für mehr als 55 Jahre währende Treue konnte Vorsitzender Jörg Nußstein-Böge Alois Knauer zum Ehrenmitglied ernennen und Alois Müller auszeichnen. Er konnte weiter für 50 Jahre Mitgliedtreue Ludwig Erdrich und Siegfried Löffler auszeichnen. Martin Büchel, Hans-Jürgen Diers, Christoph Mennekes, Mahmut Pervaneli, Hans-Jörg Wartenberg, Jörg Bosbach, Markus Fladt, Elmar Ney, Jörg Onken, Andree Peperkorn und Arno Stamm wurden für 25 Jahre Mitgliedschaft geehrt.


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