Die Pest in der Literatur: Grausam und fesselnd

Baden-Baden (red) – Seit der Antike haben große Schriftsteller – von Thukydides über Boccaccio bis Camus – die Grausamkeiten der Epidemien beschrieben. Aus Katastrophen erwuchsen zuweilen Blütezeiten: die Renaissance und das wieder aufgebaute London des 17. Jahrhunderts.

Der Symbolist Arnold Böcklin gibt im Gemälde „Die Pest“ (1898) der todbringenden Seuche ein furchterregendes Gesicht. Es hängt im Kunstmuseum Basel.  Foto: Bühler/Museum Basel

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Der Symbolist Arnold Böcklin gibt im Gemälde „Die Pest“ (1898) der todbringenden Seuche ein furchterregendes Gesicht. Es hängt im Kunstmuseum Basel. Foto: Bühler/Museum Basel

Märchen können ziemlich grausam sein und enden doch mit dem Satz: „Und wenn sie nicht gestorben sind …“. Auch die Geschichten der großen Epidemien wie Pest, Pocken, Cholera, Typhus, Fleckfieber, Spanische Grippe sind an Grausamkeit nicht zu überbieten. Seit vielen Tausend Jahren gibt es Epidemien, immer sind die Opferzahlen gewaltig, nicht selten sterben ein Drittel oder gar die Hälfte aller Bewohner.

Immer wurden die Seuchen eingeschleppt, durch Kaufleute und Soldaten, breiteten sich wellenartig aus, wurden pandemisch, wiederholten sich jahrzehntelang. Und doch gingen auch diese Verwüstungen vorbei, die Menschheit überlebte, ja, es gibt Historiker, die meinen, dass aus diesen Katastrophen Blütezeiten wie die Renaissance erwuchsen.

Aber nicht nur Historiker haben diese Zeiten der Epidemien beschrieben, sondern auch berühmte Dichter und Philosophen wie Giovanni di Boccaccio, Francesco Petrarca, Michel de Montaigne, Daniel Defoe, Alessandro Manzoni, Heinrich Heine oder Albert Camus. Die muss man lesen, weil sie nicht nur unglaublich spannend und aktuell sind, sondern weil sie auch nach dem Sinn dieser Verwüstungen fragen.

Nach der großen Pest in Athen 430 v. Chr., die der Historiker Thukydides und später der römische Dichter und Philosoph Lukrez mit naturwissenschaftlicher Genauigkeit beschrieben haben, wüteten im 1. Jahrtausend n. Chr. Epidemien wie die Antoninische und Justinianische Pest, die mit ihren Seuchenzügen den Mittelmeerraum und andere Länder Europas entvölkerten. Im 14. Jahrhundert fiel die Pest erneut über Europa her und suchte in unregelmäßigen Wellen als „Schwarzer Tod“ den Kontinent heim. Vier Jahrhunderte lang mit Millionen Opfern.

Den Beginn dieser Seuchenzüge schildert Boccaccio in seiner Novellensammlung „Dekameron“. Als Einwirkung des Himmels oder als gerechte Strafe Gottes sei sie aus dem Morgenland über Messina im März 1348 nach Florenz gekommen, wo in wenigen Monaten mehr als 100 000 Menschen starben.

100.000 Tote in Florenz durch die Beulenpest

Diese Beulenpest war hochansteckend, auch die Berührung von Dingen, die ein Kranker angefasst hatte, führte nach wenigen Tagen zum Tod. Nichts half: keine Klugheit, Hygiene, Medizin, Gebete. Einige übten sich in Enthaltsamkeit, andere befriedigten ihre Lust nach Kräften; es war ein „viehisches Verhalten“. Aber alle starben, jung und alt, reich und arm, auch Tiere. Auf den Straßen türmten sich die Leichen, Pestknechte warfen sie in Massengräber. So wurden alle menschlichen und göttlichen Gesetze zerstört, und das Schrecklichste war, dass sogar Eltern sich weigerten, ihre Kinder zu versorgen.

Boccaccio versteht sich als Zeuge des Elends und aller Schamlosigkeit. Er verurteilt die Menschen nicht, denn jeder habe das Recht, sein eigenes Leben zu schützen. Ein ehrbares Entfernen sei besser als ein ehrloses Verweilen. Und so berichtet er von sieben jungen Frauen und drei jungen Männern, die „mit Anstand“ in ein Landhaus bei Florenz ziehen (in Fiesole noch heute zu besichtigen) und sich dort 100 Novellen erzählen. Danach kehren sie nach Florenz zurück. Ihr weiteres Schicksal bleibt im Dunkeln. Mit diesen grausamen, amüsanten, erotischen Novellen, die anschaulich werden in den Bildern von Sandro Botticelli zur „Gespenstigen Mädchenjagd“ (8. Erzählung am 5. Tag), wird Boccaccio vom Chronisten zum unsterblichen Dichter.

Auch das Leben und Werk des Lyrikers Francesco Petrarca ist von dieser Pest geprägt. Im Sommer 1348 stirbt sein wichtigster Förderer (Kardinal Colonna) und wenige Wochen später seine Muse (Laura de Noves), deren Liebe und Tod er in 366 Kanzonen besingt. Realistische Details interessieren Petrarca nicht, vielfältig variiert er das Thema Tod als Verlust („Du löschtest, Tod, der Welt ihr Sonnenlicht“) und als Memento mori („Gast in einem todgeweihten Leib“). So haben zwei der größten Dichter Italiens diese Pest und ihre Opfer „unsterblich“ gemacht. Andere Dichter werden folgen.

Defoe geißelt „träge Nachlässigkeit“

Auch in Frankreich wird die Pest im Sommer 1585 eingeschleppt. Sie hat leichte Beute, denn das Land ist durch die vielen Hugenottenkriege zerstört. Aber „die öffentlichen Plagen nimmt jeder nur insoweit wahr, wie sie seine privaten Interessen berühren.“ Diesen aktuell klingenden Satz schreibt Michel de Montaigne in seinen berühmten „Essais“ (III, 12). Als die Pest Bordeaux und sein Schloss im Périgord erreicht, flieht er mit seiner Familie. Niemand will ihn aufnehmen, jeder fürchtet die Ansteckung. Alle Krankheiten werden für die Pest gehalten, bei jedem Verdacht wird man 40 Tage gemieden, so dass „die Gesundheit selbst zu fiebern beginnt.“

Montaigne beschreibt vor allem das Verhalten der Menschen in der Pest. Die Landbevölkerung habe innere Stärke bewiesen, die Pest als Schicksalsfügung genommen. Niemand wollte allein übrig bleiben, um nicht den wilden Tieren zum Frass überlassen zu werden. „Einer meiner Taglöhner scharrte im Sterben mit Händen und Füßen die Erde über sich.“ Das wichtigste aber sei das Nachdenken über Leben und Tod. Wie soll man sich auf den Tod vorbereiten?

Einerseits könne die Philosophie „Herz und Hirn“ wecken, andererseits „werfe befürchtetes Leid genauso nieder wie erlittenes … Leidet einer früher als nötig, so mehr als nötig.“ Denn von Natur aus fürchten wir den Schmerz, keineswegs den Tod. In Krisenzeiten müsse man unbeugsam sein wie Sokrates, der in seiner Verteidigungsrede vor dem Volksgericht in Athen den Tod als Schicksal akzeptiert. „Am mächtigsten ist, wer Macht über sich selbst hat.“

Der englische Autor Daniel Defoe war schon mit „Robinson Crusoe“ berühmt als er 1722 den realistischen Roman „Die Pest in London“ schrieb. Er ist kein Augenzeuge wie Boccaccio, Petrarca und Montaigne. Seine Beschreibung entstand mehr als 50 Jahre nach der Pest in London 1665 als Warnung vor einer weiteren Pest. Der Roman ist immens faktenreich, schildert detailliert grässliche Einzelschicksale, zitiert immer wieder die Sterberegister, die Defoe für beschönigt hält, um Panik zu verhindern. „Nichts wog so schwer, wie die träge Nachlässigkeit, sich auf die Pest vorzubereiten.“ Zu spät fliehen viele aufs Land und tragen die Pest mit sich.

Leere Straßen, verschlossene Häuser, Betriebe, Geschäfte. Abstandsreglungen, Quarantäne, Passierscheine. Wer sich infiziert hat, wird sofort mit allen noch gesunden Mitbewohnern in seinem Haus eingesperrt. Trotzdem geht das Sterben weiter, denn „ein Mann, der zwar die Infektion empfangen hat, es aber nicht weiß, sondern frei überall herumgeht wie ein Gesunder, der kann die Pest an tausend Leute weitergeben, und die wiederum an eine entsprechend noch größere Anzahl.“ Nachts werden die Leichen in Massengräber bestattet. Alle Hunde und Katzen werden getötet. Gewerbe und Handel stehen still, viele sind arbeitslos. Aber es gibt Lebensmittel vom Land, und die öffentliche Ordnung wird aufrecht erhalten.

So sterben in London trotz aller Maßnahmen in kurzer Zeit mehr als 100.000 Menschen, auch weil die Menschen sofort leichtsinnig wurden, als die Zahlen sanken. Die Rettung, schreibt Defoe, kam allein, weil Gott barmherzig war. Er verschweigt allerdings, dass schon im Jahr darauf ein großer Brand London zerstörte. Nach diesen beiden Katastrophen blüht England auf wie nie zuvor.

Alessandro Manzoni gehört mit seinem Roman „Die Verlobten“ aus dem Jahr 1827 zu den größten Dichtern Italiens. Goethe schwärmte von seiner Poesie, lehnte aber die breiten, brutalen Schilderungen des Elends und der Pest in diesem Roman ab; da verrate der Historiker den Poeten. Dem Tode Manzonis widmet Verdi sein „Requiem“. Der Roman ist die wunderbare Liebesgeschichte von Renzo und Lucia und spielt im Herzogtum Mailand und Bergamo in den von Krieg, Hungersnot und Pest heimgesuchten Jahren 1628-30. In Mailand wütet die von einem deutschen Söldnerheer eingeschleppte Pest. Die Verlobten verlieren sich, erkranken, gesunden und sehen sich endlich in einem riesigen Pestlazarett wieder, in dem Lucia als Pflegerin arbeitet. Manzoni erzählt die Liebesgeschichte mit größter Poesie und unerschütterlichem Vertrauen auf Gott, ohne zu frömmeln. Für den historischen, 200 Jahre zurückliegenden Hintergrund studierte er alle Quellen und beschreibt die Zustände nackt und gnadenlos, so dass sie Goethe am liebsten um zwei Drittel gekürzt hätte.

Heines „schauerliche Schreckenszeit“ in Paris

Das geschah glücklicherweise nicht und so erfahren wir alles, was heute wieder aktuell ist: Verdrängung, Verharmlosung, Schuldzuweisung (Ärzte redeten die Pest zum eigenen Vorteil herbei), Quacksalber, Schmierereien an den Häusern, Verschwörungsmythen, Lynchjustiz, Proteste gegen Quarantäne, das brutale Geschäft der Monatti, der Pestpfleger. Alle Schlechtigkeit tritt zutage, aber auch alle Menschlichkeit. Ein standhafter Kardinal fordert: „Tretet der Pest mit Liebe entgegen“. Mehr als 100 Jahre später wird Camus dafür ein anderes Wort verwenden.

Den großen poetischen Atem von Manzoni hat Heinrich Heine nicht. Er ist ein scharfer, teils ironischer Beobachter, ein meisterhafter Journalist. Für die „Allgemeine Zeitung“ Augsburg schreibt er über „Französische Zustände“ und bleibt wegen seines schwer erkrankten Vetters in Paris, als dort im März 1832 die Cholera ausbricht. Sein Bericht ist kurz, hart, brillant formuliert. Wieder nimmt man die Warnungen nicht ernst, feiert auf den Boulevards und in den Redouten Karneval (Mi-Careme) ja Masken verspotten die Furcht vor der Cholera. Doch die rächt sich, wie Heine schreibt, und dezimiert das Volk, wie Robespierre und Napoleon. „Es war eine Schreckenszeit, weit schauerlicher als die frühere, da die Hinrichtungen so rasch und so geheimnisvoll stattfanden. Es war ein verlarvter Henker, der mit einer unsichtbaren Guillotine ambulante durch Paris zog.“

Sarkastisch beschreibt Heine die plötzliche Hektik, wie die „Chiffonniers“ ihre Drecksgeschäfte ausweiten, die Verschwörungstheorien, wie vermeintliche Giftmischer gejagt und gelyncht werden. „Wie wilde Tiere, wie Rasende fiel das Volk über sie her … à la laterne!“ Dann herrscht Totenstille in Paris. Die Menschen meiden sich, ein Tuch vor dem Mund. Flanell sei der beste Panzer. Die Reichen fliehen, bepackt mit Ärzten und Apothekern, doch die Rothschilds, der Bürgerkönig, der Erzbischof bleiben und helfen. Was Heine auf dem Friedhof „Père-la-Chaise“ allerdings sieht, will er seinen Lesern nicht zumuten: „Das Begrabenwerden, unter den Choleraleichen, in die Kalkgräber, das kann man nicht lernen.“

50 Jahre nach Heinrich Heine schreibt der dänische Dichter Jens Peter Jacobsen eine Erzählung mit dem verblüffenden Titel „Die Pest von Bergamo“. Jacobsen, von Rilke geschätzt, bekannt durch seinen Roman „Niels Lyhne“ und Schönbergs „Gurre-Lieder“, datiert die Pest nicht. Die Sprache ist fast lyrisch, der Inhalt aber hart, gnadenlos. Er erinnert an die sogenannten Flagellanten-Züge, die in Zeiten des „Schwarzen Todes“ mit öffentlicher Selbstgeißelung durch die Lande zogen, weil die Pest als unbarmherzige Strafe Gottes galt. Ein solcher Zug zieht in das von der Pest verwüstete Bergamo ein, wird verspottet und zieht ohne Erbarmen wieder ab. Ein Ende mit Schrecken.

60 Jahre später erscheint der Roman „Die Pest“ von Albert Camus. Er ist spannender als jeder Krimi und weiser als jeder Ratgeber. Für Camus ist die Seuche nicht die Strafe Gottes, sondern das Sinnbild für apokalyptische Situationen, für Krieg, Terror, historische wie zeitgenössische Gewaltverbrechen, die nur durch Solidarität zu überwinden sind.

Camus sieht Pest als Sinnbild für Krieg

Im nordafrikanischen Oran kommen Anfang der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Ratten aus ihren Löchern und verenden blutig auf den Straßen. Dann sterben die Menschen. Die Stadt wird abgeriegelt. Niemand darf raus, niemand rein. Kein Fremdenverkehr, kein Handel, große Arbeitslosigkeit. Getrennte Familien, Begräbnisse ohne Verwandte. Man fordert Ausnahmen, Lockerungen, misstraut den Todesstatistiken. Aber die Leichenberge wachsen, werden nachts zu den Verbrennungsöfen gekehrt oder in Massengräber geworfen. Ungelöschter Kalk, etwas Erde drauf, Schicht um Schicht. „Die Gewöhnung an die Verzweiflung war schlimmer als die Verzweiflung selbst.“

Eine Operntruppe war vor der Pest gekommen, musste bleiben und gibt jeden Freitag Glucks „Orpheus“. Der Frack (der Besucher) schien die Pest zu verscheuchen, aber dann stirbt der Sänger des Orpheus erbärmlich auf offener Bühne. Der Vorhang fällt. Angsterfüllt fliehen alle. Jeder, meint Camus, trage die Pest in sich, auf die eine oder andere Weise. Und so gibt es die Opfer und die Täter, die Feiglinge, die kleinen und großen Helden. Im Mittelpunkt dieser Apokalypse steht der Arzt Dr. Rieux. Ihn interessiert nur, Mensch zu sein. Er tut, was er tun muss. Mitgefühl sei der Weg zum Frieden. In Heimsuchungen könne man lernen, dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gebe, aber das sei keine Garantie für die Zukunft. Man muss Erkenntnisse gewinnen und sich erinnern, um Solidarität immer wieder neu zu praktizieren.

So haben große Schriftsteller von Thukydides über Boccaccio bis Camus die Grausamkeiten der Epidemien beschrieben, die unsere Sorgen heute in Deutschland, so berechtigt sie auch sind, gering erscheinen lassen. Sie erzählen von den schlechten und den guten Eigenschaften der Menschen, von Helden und Opfern und der Hoffnung auf Humanität. Sie fordern auf, zu lernen, zu hinterfragen, zu handeln, um die kommenden Plagen zu überleben. Denn die werden kommen.

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Erstellt:
31. Mai 2020, 16:00 Uhr
Lesedauer:
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