Die Rotznasen sind zurück

Rastatt/Baden-Baden (for) – Seit dem Wegfall der Maskenpflicht scheinen sich Infektionskrankheiten bei Kindern wieder zu häufen – Grund zur Sorge gibt es laut Kinderärzten aber nicht.

Hatschi! Dass viele Kinder derzeit mit Schnupfen zu kämpfen haben, ist ein  normales „Frühjahrsphänomen“. Symbolfoto: Mascha Brichta/dpa

Hatschi! Dass viele Kinder derzeit mit Schnupfen zu kämpfen haben, ist ein normales „Frühjahrsphänomen“. Symbolfoto: Mascha Brichta/dpa

Während bei den einen ständig die Nase läuft, klagen die anderen über ständige Übelkeit. Wenn bei den kränkelnden Kindern nicht einmal die Tasse Tee im Magen bleiben will und sich Durchfall und Erbrechen abwechseln, wird der Alltag für Eltern schnell zur echten Herausforderung.

Seit in den Schulen keine Masken mehr verpflichtend sind, habe ihre Tochter immer wieder mal einen leichten Schnupfen, berichtet eine Baden-Badener Mutter, deren Tochter derzeit die dritte Klasse der Vincenti-Grundschule besucht, gegenüber dem BT. „Länger als drei Tage dauert das aber meistens nicht“, meint sie. Auch Magen-Darm-Probleme traten in der letzten Zeit immer mal wieder auf.

Bei den anderen Schülern der Klasse sei das ähnlich. „Weil die Kinder in der Schule nicht mehr getestet werden und auch keine Tests mehr mit nach Hause bekommen, sind viele Eltern wahrscheinlich unsicher, ob vielleicht doch Corona dahinter stecken könnte“, vermutet die Mutter. Sicherheitshalber ließen viele ihre Sprösslinge also besser einige Tage daheim.

Das sei auch der richtige Weg, betont Dr. Ralf Spahn, Kinderarzt in Rastatt. Die Unsicherheit, ob hinter einer Infektion womöglich Sars-CoV-2 stecken könnte, sei nachvollziehbar. „Wir raten den Eltern, bei irgendwelchen Symptomen immer einen Selbsttest zu Hause zu machen und sie natürlich nicht in den Kindergarten oder die Schule zu schicken, wenn Symptome vorhanden sind.“

Wahrnehmung täuscht die Realität

Dass aktuell seit dem Wegfall der Maskenpflicht wieder vermehrt Erkrankungen der Atemwege mit Erkältungssymptomen und auch Infektionen im Magen-Darm-Bereich auftreten, kann auch Spahn beobachten. Die Zahl der nicht Sars-CoV-2-bedingten Infektionen der Atemwege und des Magen-Darm-Bereichs habe sich im Vergleich zur Zeit, als die Hygienevorschriften noch galten, wieder erhöht, berichtet er gegenüber dem BT.

Anders als von vielen Eltern vermutet wird, sei die Zahl der kranken Kinder und Jugendlichen im Vergleich zur „Vor-Corona-Zeit“ aber nicht gestiegen. „Ich habe die Fallzahlen sowohl in meiner Praxis als auch in der Notfallpraxis für Kinder und Jugendliche in Baden-Baden verglichen“, fügt Spahn hinzu.

Laut Dr. Markus Kratz hat sich die Lage bei den normalen Infektionskrankheiten seit dem Wegfall der Maskenpflicht wieder auf das übliche Niveau eingependelt. Foto: Klinikum Mittelbaden

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Laut Dr. Markus Kratz hat sich die Lage bei den normalen Infektionskrankheiten seit dem Wegfall der Maskenpflicht wieder auf das übliche Niveau eingependelt. Foto: Klinikum Mittelbaden

Auch Dr. Markus Kratz, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Mittelbaden, kann das beobachten. „Wir können das immer ganz gut an unseren stationären Behandlungszahlen festmachen“, sagt er gegenüber dem BT. Demnach seien während der Corona-Pandemie im Schnitt ein Drittel weniger Patienten mit „normalen Infekten“ behandelt worden. „Das hat sich jetzt wieder aufgelöst. Seit dem Wegfall der Maskenpflicht nehmen die Infektionen wieder zu und wir haben wieder eine regelhafte Belegung“, so Kratz. Allerdings sieht auch er keinen Überschuss zu der Zeit vor der Corona-Pandemie.

„Ich denke, das Gefühl, dass jetzt vermehrt Infektionen auftreten, ist eher ein Phänomen der Wahrnehmung. Da im Vergleichszeitraum 2020 und 2021 durch die diversen Maßnahmen bis auf Covid-19 ganz wenige andere Infektionen vorkamen, haben viele Eltern jetzt das Gefühl, die Kinder sind vermehrt krank“, schildert Spahn die Situation. „Tatsächlich handelt es sich aber meines Erachtens eher um die ,normalen, jahreszeitlich bedingten Infektionen‘, die jetzt das ,Vor-Corona-Niveau‘ wieder erreichen.“ Das hätten viele Eltern in den letzten beiden Jahren vergessen, „oder eben noch nicht erlebt, weil die Kinder noch zu klein waren“, vermutet Spahn.

Kratz sieht das ähnlich: „Dank Hygienevorschriften und Maskenpflicht sind in den vergangenen Jahren nur wenig Kinder mit den normalen Kinder-Infektionskrankheiten in Kontakt gekommen. Jetzt holen sie natürlich einiges nach.“

„Es gibt keine Häufung schwerwiegender Erkrankungen“

Schon im Herbst 2021 hatten viele Mediziner befürchtet, dass künftige Grippewellen möglicherweise deutlich härter ausfallen könnten, weil das Immunsystem vieler Kinder aufgrund der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Kontaktbeschränkungen in keinem guten Trainingszustand sei. Laut Spahn zeige sich das momentan aber nicht: „Es gibt keine Häufung schwerwiegender Erkrankungen der Atemwege oder des Magen-Darm-Bereichs“, meint er.

Glücklicherweise beobachten Mediziner keine Häufung von schwerwiegenden Verläufen oder Erkrankungen. Symbolfoto: Friso Gentsch/dpa

Glücklicherweise beobachten Mediziner keine Häufung von schwerwiegenden Verläufen oder Erkrankungen. Symbolfoto: Friso Gentsch/dpa

Anders verhielt es sich jedoch im Herbst 2021, als deutlich mehr Kinder und Säuglinge mit dem sogenannten Respiratorischen Syncytial-Virus, kurz RS-Virus, stationär behandelt wurden als üblicherweise. Infektionswellen mit dem RS-Virus sind nicht neu, es gibt sie eigentlich jedes Jahr. Im Herbst 2021 griff das Virus allerdings früher und auch deutlich heftiger um sich. Besonders bei Säuglingen kam es vermehrt zu schweren Krankheitsverläufen, viele Kliniken waren überlastet, so Kratz. Mittlerweile sei die RS-Virus-Saison aber überstanden.

Dass viele Kinder ihre Eltern momentan mit einer Rotznase und Magenbeschwerden auf Trab halten, sei zwar für die Betroffenen belastend, letztlich aber ein normales Frühjahrsphänomen, weiß Spahn. Die gute Nachricht daran: „Solche Infektionskrankheiten, die typisch für Kinder sind, sind immer auch eine gute Übung für das Immunsystem“, so Kratz.


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