Die Tankstelle als Heimat und Lebensinhalt

Rastatt (sie) – Tankstellenpächter Klaus Funk und seine Ehefrau gehen in den Ruhestand. Sie waren jahrzehntelang eine Institution. Das Tankstellengeschäft hat sich in der Zeit grundlegend gewandelt.

Nehmen Ende März Abschied von der Tankstelle: Venus und Klaus Funk freuen sich auf ihren Ruhestand. Foto: Hans-Jürgen Collet

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Nehmen Ende März Abschied von der Tankstelle: Venus und Klaus Funk freuen sich auf ihren Ruhestand. Foto: Hans-Jürgen Collet

Klaus Funk erinnert sich noch gut an die alten Zapfpistolen: „Die waren aus Eisen.“ Als elfjähriger Bub stand er 1969 an der Tankstelle seines Vaters in der Kehler Straße und befüllte die Autos der Kunden. Bei Wind und Wetter musste er das Metall anfassen und fror sich die Finger ab. Seitdem hat sich in der Branche viel verändert. Funk hat alles miterlebt. Jahrzehntelang betrieb er selbst Tankstellen, in den vergangenen 18 Jahren die Agip-Station im Münchfeld. Ende März gehen er und seine Ehefrau Venus in den Ruhestand.
Für den 64-Jährigen mit dem markanten Schnäuzer war die Tanke nie nur ein Job. Sie war Heimat, Lebensinhalt und Mittelpunkt für ihn, der das Tankstellengeschäft so gut wie kaum jemand anderes kennt in Rastatt. Wenn er über seine Laufbahn spricht, lacht er viel, aber es fließen auch Tränen. Und er erzählt von seiner größten Angst.

Nach der Schule beim Vater mit angepackt

Von all dem ahnte er noch nichts, als er Ende der 60er Jahre begann, nach der Schule bei seinem Vater mit anzupacken. Damals gab es für die Autofahrer noch das volle Programm. Der junge Klaus machte ihnen nicht nur den Tank voll, er prüfte auch Öl und Wasser: „Das war Pflichtprogramm.“ Im Sommer war es heiß, im Winter kalt. „Ich hab immer ausgesehen wie Sau“, sagt er und lacht.

Aber die harte Arbeit machte sich in Form von Lohn und vor allem Trinkgeld bezahlt: „Ich hatte immer Geld.“ So konnte er sich auch ein Moped leisten, mit dem er als Teenager seine spätere Ehefrau beeindruckte. Er fragte Venus, ob er sie nach Hause fahren dürfe. Er durfte. Inzwischen sind sie seit 43 Jahren verheiratet.

In den damaligen Stierlen-Werken, wo heute der Konzern Getinge firmiert, machte er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Aber schon als er am ersten Tag das Tor durchschritt, war ihm klar, dass er dort den Abflug machen wird, sobald er den Gesellenbrief in der Hand hält. Einen Chef vor der Nase zu haben, war nicht sein Ding: „Das war das einzige Mal, dass ich unter jemand anderem gearbeitet habe.“ Stattdessen stieg er nach der Lehre bei seinem Vater ein, 1988 übernahm er die Shell-Tankstelle von ihm.

„Als hätte man mir das Herz rausgerissen.“

Doch anstatt dort seine Erfüllung zu finden, folgte ein paar Jahre später der harte Einschnitt. „Shell hat sein System umgestellt“, sagt Funk. Der Konzern habe allen Pächtern gekündigt und ihnen neue Verträge mit anderen Spielregeln für den Warenverkauf in den Shops vorgelegt. Funk lehnte ab, weil sich der Betrieb aus seiner Sicht unter den neuen Bedingungen nicht mehr gelohnt hätte.

Als er schließlich die Tanke zum letzten Mal abschloss, übermannten ihn die Emotionen: „Mir sind die Tränen runter gelaufen.“ Wenn er davon erzählt, werden seine Augen noch immer feucht: „Es war, als hätte man mir das Herz rausgerissen.“

Wenigstens musste er sich um die berufliche Zukunft keine Sorgen machen. Er fand eine neue Heimat bei Aral, für die er zwei Standorte in Baden-Baden übernahm. Doch zwei Betriebe bedeuteten doppelten Stress. Hinzu kamen Probleme mit dem Personal und mehrere Überfälle.

Funk selbst musste in all den Jahren nie in den Lauf einer Waffe blicken. Aber mehreren seiner Angestellten passierte das. Funk litt mit ihnen mit: „Es war immer meine größte Angst, dass etwas passiert.“ Die meisten Mitarbeiter, die in eine solche Situation kamen, hätten ihren Job sofort an den Nagel gehängt.

„Die kleine Station machen wir mit links“

Nach nur dreieinhalb Jahren war auch für Funk in der Kurstadt Schluss. Der Stress zehrte an seiner Gesundheit. Er gönnte sich eine zweijährige Auszeit von der Branche und vermietete vorübergehend Wohnmobile. Aber wenn er von seiner Heimat Sandweier in den Rastatter Süden einfuhr, kam er immer an der kleinen Tankstelle im Münchfeld vorbei. Dann sagte er zu seiner Frau: „Wenn noch einmal Tankstelle dann hier. Die kleine Station machen wir mit links.“

Als er Ende 2003 bei den Verantwortlichen vorfühlte, war ihm das Glück treu. Der damalige Pächter ging in den Ruhestand. Anfang 2004 legte Funk an seinem Wunsch-Arbeitsplatz los, dem er nach Ende März nach 18 Jahren Adieu sagen wird – jetzt steht für ihn und seine Frau selbst der Ruhestand an. Auch wenn sich das ein wenig komisch anfühlt, freut er sich drauf. Viele seiner Kunden weniger. Er half immer gern, wenn mal jemand sein Autoradio verstellt hatte oder eine Birne ausgewechselt werden musste.

Einen Tipp, wann es am günstigsten ist zu tanken, konnte er allerdings nie geben. Einen Cent bekommt er als Pächter pro Liter, ganz egal, wie hoch der Preis ist. Den bestimmt die Zentrale anhand der Preise umliegender Stationen: „Jede Tankstelle hat ihren eigenen Wettbewerb“, sagt Funk. Faustregeln, wonach der Preis an bestimmten Wochentagen oder Uhrzeiten am niedrigsten sei, gebe es nicht: „Das ist alles Quatsch.“ Sein Geld verdient hat er vor allem auch mit dem kleinen Shop. Bis heute sind Zigaretten der größte Umsatzbringer geblieben.

Wer ihm als Pächter nachfolgt, weiß er nicht: „Wir haben keine Informationen.“ Aber er kennt seine eigenen Pläne. In seinem Werkstattraum hängt eine Weltkarte, in der Fähnchen stecken. USA, Mallorca, die europäischen Nachbarländer: Überall war er schon mit seiner Harley. Aber es gibt noch viele weiße Flecken: „Ich würde gern ans Schwarze Meer fahren.“

Blick in die Vergangenheit

Früher gab es deutlich mehr Tankstellen in Rastatt. Klaus Funk erinnert sich, dass es neben der Shell-Station seines Vaters in der Kehler Straße auch Standorte der Konzerne Aral und Esso gab. Direkt ums Eck standen zwei weitere Tankstellen. Allerdings waren die Stationen deutlich kleiner als heute und verfügten in der Regel jeweils nur über zwei Zapfsäulen. Bis in die 70er Jahre musste auch in Rastatt kein Autofahrer selbst zur Zapfpistole greifen. Das übernahmen Mitarbeiter der Tankstelle. 1972 eröffnete die erste Selbstbedienungs-Tankstelle Deutschlands in Augsburg. In Rastatt war es bei der Familie von Klaus Funk Mitte der 70er Jahre soweit. Sein Vater war skeptisch. Seine Prognose: „Kein Mann im Anzug wird das machen.“ Die Realität sah anders aus. Funk erinnert sich: „Es war vom ersten Tag an kein Problem.“

Die Situation heute: Die großen Mineralölkonzerne haben das Stadtgebiet unter sich aufgeteilt. Wer tanken muss, hat die Auswahl unter rund einem Dutzend Stationen.

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Ihr Autor

Holger Siebnich

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Erstellt:
12. Januar 2022, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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