Die Toten des Krieges mahnen zum Frieden

Niederbronn-les-Bains (vn) – 15.472 deutsche Gefallene liegen auf dem Soldatenfriedhof von Niederbronn-les-Bains im Elsass. Dort zeigt sich, wie wichtig ein Volkstrauertag jedes Jahr aufs Neue ist.

Jeder Grabstein kennzeichnet den Ruheplatz von vier Gefallenen: Es sind Tausende Grabsteine. Foto: Volker Neuwald

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Jeder Grabstein kennzeichnet den Ruheplatz von vier Gefallenen: Es sind Tausende Grabsteine. Foto: Volker Neuwald

Die Feuchtigkeit der Nacht liegt noch schwer über den Grabfeldern. Es ist nass, kalt und bewölkt, die letzten Farbtupfer des Herbstes sind am Verblassen: Novemberstimmung auf dem deutschen Soldatenfriedhof bei Niederbronn-les-Bains im Nordelsass. Wer dieses Areal betritt, die banalen Alltagssorgen hinter sich lassend, der erkennt, wie wichtig ein Volkstrauertag jedes Jahr aufs Neue ist.

15.472 deutsche Gefallene haben am Ostrand des kleinen Kur- und Badeorts auf einer rund fünf Hektar großen Hochfläche ihre letzte, würdige Ruhestätte gefunden. Das Gräberfeld ist in 46 Blöcke unterteilt. Die Einzelgräber, mit Steinkreuzen aus grünlich schimmernden Granit gekennzeichnet, tragen auf beiden Seiten die Namen von je zwei Toten. Jedes Kreuz kennzeichnet damit den Ruheplatz von vier Toten. Liegende Namenstafeln kennzeichnen die Lage eines Gruppengrabs mit mehr als zwei Toten.

Der Blick schweift über die vielen Tausend Kreuze, die im Morgendunst dunkel schimmern. Zu dieser Tageszeit wirken sie fast wie feldgraue Uniformen, die anonym in Reih und Glied stehen. Erst beim Nähertreten entschlüsseln sich die Buchstaben zu Namen. „Ein unbekannter deutscher Soldat“ steht dort – seine Identität wird sich nie mehr feststellen lassen. Den Angehörigen fehlt ein Ort zum Trauern.

Abertausende Tragödien

An gleicher Stelle ruht Schütze Walter Bayer. Ein Name, immerhin. Geboren am 17. April 1927, gefallen am 15. März 1945. Man beginnt fast automatisch zu rechnen: Bayer wäre knapp einen Monat später 18 geworden. Im Mai hätte er das Kriegsende erleben können. Sein Leben hätte beginnen können. Stattdessen endete es am 15. März 1945 – irgendwo und irgendwie, Details sind nicht bekannt. Eine von Abertausenden Tragödien.

1944/45 stießen US-Streitkräfte an Metz vorbei in Richtung Saar und Rhein vor. Die Wehrmacht leistete erbitterten Widerstand, es kam zu schweren Kämpfen mit unzähligen Toten. Nach der erfolglosen Ardennen-Offensive im Winter 1944/45 gingen die Deutschen im Januar im Elsass erneut zum Angriff über, aus dem sich bei Hatten eine der erbittertsten Panzerschlachten des Krieges entwickelte.

In den beiden Départements Bas-Rhin und Moselle lagen danach viele Tausend deutsche Gefallene auf 774 Gemeinden verteilt, und innerhalb der Gemeinden wiederum verstreut auf Feldern und Wiesen, an Wegrändern und in Wäldern.

Der US-Gräberdienst legte am Ortsrand von Niederbronn zunächst für eigene und deutsche Opfer einen provisorischen Friedhof an. Nach dem Krieg betteten die Amerikaner ihre Toten nach Saint-Avold im Département Moselle um. In Niederbronn verblieben 1.089 deutsche Gefallene.

Erneuerung zwischen 2012 und 2016

Nach Angaben des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde im deutsch-französischen Kriegsgräberabkommen von 1954 Niederbronn zum deutschen Sammelfriedhof für die Toten aus den beiden Départements bestimmt. Aus den 774 Grablegeorten bettete der Volksbund 1961 Tausende weitere deutsche Gefallene um. Am 1. Oktober 1966 wurde die Kriegsgräberstätte der Öffentlichkeit übergeben.

40 Jahre später hatten sich in den Grabsteinen Risse gebildet. Durch die fortschreitende Verwitterung war ein Großteil der Inschriften nicht mehr zu entziffern. Die Grabsteine wurden in den Jahren 2012 bis 2016 blockweise ausgetauscht.

Optisch prägnant sind das Hochkreuz, das in der Mitte der Anlage steht, sowie das Ehrenmal. Dabei handelt es sich um einen Rundbau aus rotem Vogesensandstein mit 18 Metern Durchmesser. Das kuppelförmige Dach ist mit Blei verkleidet und ruht auf Stahlbetonpfeilern. Durch eine kreisrunde Öffnung in der Dachmitte gelangt Licht in den ansonsten fensterlosen Innenraum, in dem jeder Schritt nachhallt. Dort befindet sich das Kameradengrab. Zur Erinnerung an die in französischer Erde ruhenden ungarischen Soldaten wurde in der Halle eine Stele aufgestellt.

Begegnungsstätte Albert Schweitzer gewidmet

Zwischen Hochkreuz und Ehrenmal stehen sieben Steinblöcke, mit einigen Namen. Sie stehen stellvertretend für die fast 800 Umbettungsorte.

Direkt neben dem Friedhof hat der Volksbund 1994 eine Begegnungs- und Bildungsstätte für Jugendliche geschaffen und im Jahr 2000 erweitert. Das Centre International de Rencontre (CIAS) trägt den Namen des elsässischen Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer. Jugendliche, aber auch Erwachsene werden in friedenspädagogischen Seminaren betreut und informiert. Zugleich ist die Begegnungsstätte Ort von Tagungen und der historisch-politischen Bildung.

Seit Dezember 2020 gibt es als Folge der Corona-Pandemie auch ein Online-Angebot namens „Kriegsgräberstätte digital“. Neben einer virtuellen Führung ist eine Reflexion in der Gruppe anhand von Besucherheften möglich. Das CIAS besitzt nach eigenen Angaben Hunderte von Besucherheften, die in rund 50 deutschen Kriegsgräberstätten in 13 europäischen Ländern auslagen. Gemeinsam kann man der Frage nachgehen, was Menschen aus England, Frankreich, Griechenland denken und fühlen, wenn sie auf einer deutschen Kriegsgräberstätte stehen.

www.cias-niederbronn.eu

Emotionaler Zugang zum Thema Krieg und Gewalt

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unterhält als gemeinnütziger Verein vier Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten im In- und Ausland, eine davon in Niederbronn-les-Bains im Nordelsass. BT-Redakteur Volker Neuwald sprach mit dem Geschäftsführer des Bezirksverbands Nordbaden in Karlsruhe, Volker Schütze (52), über den pädagogischen Ansatz.

BT: Herr Schütze, ist der Besuch von Kriegsgräbern für Jugendliche heute noch zeitgemäß?
Volker Schütze: In jedem Fall. Der Volksbund begleitet Schulklassen beim Gang über den Friedhof der eigenen Stadt oder des eigenen Dorfes. Dort entdecken die jungen Leute dann oft auf Kriegsgräbern Nachnamen von Bekannten, von Nachbarn, von Vorfahren. Mit dieser Erkenntnis lässt sich die persönliche Geschichte mit der lokalen und regionalen Geschichte verknüpfen. Viele Familien haben ja beispielsweise auch Vorfahren, die aus den damals deutschen Ostgebieten geflüchtet sind. Friedhofsbesuche sind also sehr zeitgemäß. Ich bin jedes Mal erschüttert, wenn 13- oder 14-Jährige zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Friedhof sind.

BT: Aber warum Kriegsgräber?
Schütze: Sie ermöglichen den emotionalen Zugang zum Thema Krieg und Gewalt. Uns geht es nicht primär darum, Faktenwissen zu vermitteln, also von wann bis wann der Zweite Weltkrieg dauerte oder so etwas. Für die Jugend von heute ist dieser Krieg so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg. Sobald sie sich aber mit einem Namen und einem Alter beschäftigen und das in einen historischen Kontext einordnen können, wird das Geschehen von damals für sie näher, greifbarer.

BT: Dies scheint auch das Modell der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Albert Schweitzer zu sein.
Schütze: Ganz genau. Die JBS Albert Schweitzer steht leider etwas im Schatten des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler/Struthof. Eine Exkursion dorthin ist fester Bestandteil vieler Schulen. Das ist sehr wichtig und völlig in Ordnung. Aber vielleicht lohnt es sich auch, den Blick auf deutsche Kriegsgräber in Frankreich zu richten. Die JBS in Niederbronn-les-Bains hat ein tolles pädagogisches Angebot für Schulklassen und Jugendgruppen.

Blick in die Gedankenwelt der Jugendlichen damals

BT: Was ist das Besondere daran?
Schütze: Das engagierte Team um den langjährigen Leiter Bernard Klein stellt die biografische Arbeit in den Mittelpunkt. Gesammelt wurden Briefe, Fotos, Tagebücher und andere Dokumente von und an Toten, die in Niederbronn begraben sind. Diese biografischen Daten wurden pädagogisch aufbereitet und zugänglich gemacht. Plötzlich erhält ein Name auf einem Grab ein Gesicht und man kann erfahren, was dieser Mensch gedacht hat, bevor er starb.

BT: Welche Erkenntnisse können die Jugendlichen daraus gewinnen?
Schütze: Dass es damals glühende Nazis gab, die sich oft auch an Kriegsverbrechen beteiligt haben. Dass es aber auch Mitläufer gab und jene, denen nichts anderes übrig blieb, als mitzukämpfen, aber viel lieber zuhause wären. Wir erfahren etwas über ihre Wünsche, ihre Pläne für die Zukunft. Wir dürfen nicht vergessen: Wer 1945 mit 18 Jahren gefallen ist, hat in seiner Jugend nie etwas anderes kennengelernt als das Nazi-Regime.

BT: Was können junge Menschen heute von ihren Altersgenossen damals lernen?
Schütze: Der biografische Ansatz in Niederbronn ermöglicht es, etwas über die Zeit, die Menschen und ihre Schicksale zu erfahren. Er erlaubt einen Blick in die Gedankenwelt der Jugendlichen damals – und den Vergleich mit heute. Wer bin ich? Wo will ich hin? Diese Fragen stellt sich die junge Generation heute ganz genauso.

Schicksale: Viele Soldaten starben jung, von anderen ist nicht einmal der Name bekannt. Foto: Volker Neuwald

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Schicksale: Viele Soldaten starben jung, von anderen ist nicht einmal der Name bekannt. Foto: Volker Neuwald

Blick ins Ehrenmal: Durch die offene Kuppel im Dach fällt Licht in den Innenraum. Foto: Volker Neuwald

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Blick ins Ehrenmal: Durch die offene Kuppel im Dach fällt Licht in den Innenraum. Foto: Volker Neuwald

Die Internationale Jugendbegegnungsstätte Albert Schweitzer. Foto: Volker Neuwald

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Die Internationale Jugendbegegnungsstätte Albert Schweitzer. Foto: Volker Neuwald

Ihr Autor

BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
13. November 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 56sec

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