Die Uhr des letzten Oberflößers aus dem Murgtal

Gernsbach (BT) – Aus Anlass der Zeitumstellung in der Nacht zum 28. März wirft das BT einen Blick auf das Uhrmacherhandwerk, das viele (zeitlose) Geschichten zu erzählen weiß – auch aus dem Murgtal.

Die Gravur lautet: „Thomas Merkel gewidmet in dankbarer Anerkennung 50. jähriger bewährter Treue von C. Katz 1844-1894“. Foto: Margot Schohmann

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Die Gravur lautet: „Thomas Merkel gewidmet in dankbarer Anerkennung 50. jähriger bewährter Treue von C. Katz 1844-1894“. Foto: Margot Schohmann

Vor 147 Jahren gründete Uhrmacher Johannes Oberle in Gaggenau ein Uhren- und Schmuckgeschäft, einige Jahre später eröffnete er auch in Gernsbach ein Uhrengeschäft. Während das Gaggenauer Unternehmen bis Ende der 1920er-Jahre als Filiale weitergeführt wurde, gibt es das Uhren-Schmuckgeschäft in der Gernsbacher Schlossstraße bis heute. Markus Schleicher führt es in fünfter Generation.

Bei ihm werden von der großen Turmuhr bis zur kleinen Damenarmbanduhr Uhren von A (wie Automobiluhr) bis Z (wie Zappler Uhren) repariert. So erinnert sich Markus Schleicher an etliche Exemplare ganz besonders, einige haben durchaus einen zeitgeschichtlichen Kontext.

Zum Beispiel die Taschenuhr, die ein Herr Schmitt vor einigen Jahren zur Reparatur gebracht hatte, um sie dann seinem Enkel vermachen zu können. Als Schleicher den Gehäusedeckel öffnete und eine Gravur vorfand, erkannte er, was er in den Händen hielt: „Thomas Merkel gewidmet in dankbarer Anerkennung 50. jähriger bewährter Treue von C. Katz 1844-1894“ war dort zu lesen. Es handelte sich laut Schleicher also um die Uhr des letzten Murg-Oberflößers.

Als Ziseleur bei den Eisenwerken Gaggenau

Die Taschenuhr – Roségold mit Schweizer Ankergang, Kronenaufzug – war vor 127 Jahren beim Hofuhrmacher Schmidt & Straub in Karlsruhe erworben worden. Heute sei sie in Besitz des 14-jährigen Enkels, der sehr am Handwerk seiner Vorfahren interessiert ist, wie Schleicher schreibt: „Im Besitz dieser Familie ist die Originalfotoaufnahme der Flößer-Brüder Merkel.“ Auf der Rückseite des Fotos steht „Ottenauer Flößer Thomas und Jörg Merkel Oberkühner bei K+K 1893“ (K+K steht für Katz und Klumpp).

Zu einer flachen, silbernen Taschenuhr mit Sprungdeckel hat der Uhrmachermeister aus Gernsbach einen besonderen Bezug. Sie war 1925 von seinen Vorfahren verkauft worden. Versehen ist diese Uhr mit einer Gravur: „Herrn Josef Schnaible als Anerkennung für 25-jährige Dienstleistung 18. April 1900 - 17. April 1925 gewidmet von Benzwerke Gaggenau.“ Diese kunstvoll gestaltete Handgravur sei vom Vater von Eugen Schmidberger (Uhrmacher bei Schleicher bis 1975) angefertigt worden.

Dieser war als Ziseleur (der Ziseleur bearbeitet mit künstlerischem Feingefühl jede Art von Metall) und Graveur bei den Eisenwerken beschäftigt. Nebenbei gravierte er unter anderem Blechblasinstrumente und hat so etliche Instrumente Murgtäler Kapellen mit einer Gravur versehen.

Schleicher zufolge begann Josef Schnaible am 18. April 1900 eine Ausbildung zum Dreher bei der Firma Bergmann, ab 1905 Süddeutsche Automobilfabrik. 1907 wurde die Süddeutsche Automobilfabrik von der Benz AG Mannheim aufgekauft. 1926 erfolgte die Fusion mit Daimler. Schnaible hatte am Werdegang von der Motorkutsche bis zum schweren Lastwagen von Daimler Benz mitgearbeitet. Aufgrund des derzeit hohen Goldkurses werden vielfach goldene Taschenuhren zum Altgoldpreis verkauft, erläutert Uhrmachermeister Schleicher. Die Uhrwerke werden dann aus dem Gehäuse „gerissen“ und das Gehäuse eingeschmolzen. Der Erlös belaufe sich zwischen 200 und 400 Euro. Einfache silberne Taschenuhren würden hingegen im Internet regelrecht verramscht.

Er stelle sich dabei oft die Frage, „wie lange und hart jemand vor 100 Jahren für eine Uhr arbeiten musste?“ Daher freue es ihn, „dass beide Taschenuhren in guten Händen und in Ehren gehalten werden“.

Meisterwerke der Nachhaltigkeit

Die Reparatur von alten, antiken Uhren erfordert viel Erfahrung und handwerkliches Geschick. Dieses werde von Generation zu Generation weitergegeben. Alte mechanische Uhren seien Meisterwerke der Nachhaltigkeit. Sie verrichten über Generationen hinweg ihren Dienst. Auch eine Uhr braucht regelmäßige Wartung, betont Schleicher: „Manch einer ist der Meinung, dass mechanische Uhren über Jahrzehnte hinweg laufen können, ohne dass eine fachkundige Wartung/Reparatur durchgeführt wird. Welches Gerät besitzen Sie, das 60, 80 oder gar über 100 Jahre alt und noch voll funktionsfähig ist?“

Widmung: „Herrn Josef Schnaible als Anerkennung für 25-jährige Dienstleistung 18. April 1900 - 17. April 1925 gewidmet von Benzwerke Gaggenau.“ Foto: Markus Schleicher

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Widmung: „Herrn Josef Schnaible als Anerkennung für 25-jährige Dienstleistung 18. April 1900 - 17. April 1925 gewidmet von Benzwerke Gaggenau.“ Foto: Markus Schleicher

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Erstellt:
26. März 2021, 18:33 Uhr
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