„Die VSÖ-Familie fehlte“

Ötigheim (manu) – Der Große Chor der Volksschauspiele ist wieder gut bei Stimme. Ein Beitrag in unserer Serie „Apfelschuss und Jubiläumsfieber“:

Trotz Lockdowns immer locker bleiben: Die VSÖ-Sänger machen es vor. Foto: Behrendt

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Trotz Lockdowns immer locker bleiben: Die VSÖ-Sänger machen es vor. Foto: Behrendt

Hatte ich geschrieben, ich würde mich zur kommenden Apfelblüte in Sachen „Wilhelm Tell“ zu Wort melden, wenn es mit der Probenarbeit auf dem Tellplatz aufwärts geht? Da lag ich falsch. Bei den Volksschauspielen (VSÖ) in Ötigheim regt sich wieder Leben.
„Ihr Berge lebt wohl“ hallt es über die Freilichtbühne. Der Große Chor singt im Auditorium auf Abstand an einem Sonntagnachmittag, da eigentlich eine Aufführung vor rund 4 000 Zuschauern laufen würde. Die mächtige Hymne zum Almabtrieb in Szene 1 klingt nach vier Monaten Gesangsabstinenz auch ohne Mikrofonverstärkung super. Die Technik auf dem Tellplatz befindet sich gezwungenermaßen im Winterschlafmodus. Rund um das Bühnenareal hat die Natur eine kräftig wuchernde Dornröschenoptik erschaffen.

„Es wird sich die Zeit finden, irgendwann hier wieder Ordnung zu schaffen“, sagt Johannes Tüg, Chef der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Momentan gebe es Wichtigeres zu tun. Es geht um den Erhalt des Theatervereins. „Und ab heute ganz besonders um den Zusammenhalt im Verein und die Motivation unserer Mitglieder.“ Die Empfindung, die alle 81 Choristen bei der ersten Probe nach dem Lockdown offen zeigen, fasst Gabi Steinbach (71 Jahre) zusammen: „Es ist ein tolles Gefühl, nach dieser schwierigen Zeit die Leute hier wieder zu sehen.“

„Da gehören wir hin„

Auch mir geht es so. Die bei den VSÖ lieb gewonnen Menschen erstmals seit März zu treffen, katapultiert meine Stimmung in astronomische Höhen. Manuela Kühn (56) vermisste die Gemeinschaft der VSÖ, fand aber im Radfahren ein vorübergehendes Alternativhobby. „Es ist erschreckend, wie schnell man sich in Sachen Freizeitgestaltung umorientiert“, konstatiert Tobias Kleinhans (28) rückblickend. Patrick Speck (31) wandte sich dem Wandern zu. Aber: „Die VSÖ-Familie fehlte.“ Das Resümee von allen Singenden: „Der Tellplatz ist unser Verein, da gehören wir hin.“

Aus Mecklenburg-Vorpommern ist Regisseur Frank Strobel angereist. „Ich wollte mal sehen, was hier heute geht“, sagt er. Für diesen Einblick nahm er sieben Stunden Zugfahrt mit Maske in „gut gefüllten Waggons“ auf sich. Ist Strobel etwa auch süchtig nach dem Tellplatz? Mit Rudi Wild, dem VSÖ-Probenterminorganisator, bespricht er ein pandemiekonformes Konzept für Leseproben ab Herbst.

Zufrieden vor der ersten Singstunde mit dem Großen Chor nach der Zwangspause ist Markus Bieringer, der musikalische Leiter des Theatervereins: „Es ist sehr wichtig, endlich wieder live singen zu können; aus künstlerischen und musikalischen Aspekten halte ich von der Online-Alternative nichts“. Singen habe man im Rahmen der Corona-Pandemie „zum Sündenbock gemacht“, sagt er. Der Berufsmusiker erkennt kein rationales Verhältnis zwischen dem Verbot von Chorsingen und der Billigung von dichten Menschenmassen in Baumärkten.

Als er sich an das E-Piano vor dem riesigen Auditorium setzt, merkt man ihm die Erleichterung an, wieder in seinem Element zu sein. Er ist gespannt auf die gesangliche Qualität der Sängerinnen und Sänger. „Mal sehen, was noch da ist“, sagt er.

Dann geht es los: physische Lockerungsübungen, Einsingen auf unterschiedliche Vokale und dann schließlich ab in die Vollen: „Ihr Berge lebt wohl.“


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