Die Wahrheit hat verschiedene Gesichter

Baden-Baden (sga) – In Jean-Baptiste Molières Komödie „Der Menschenfeind“ hat niemand vollkommen recht und niemand vollkommen unrecht. Premiere im Theater Baden-Baden ist am 26. September.

In der „schrägen“ Kulisse: Miriam Fehlker, Vesna Hiltmann und Jenke Nordalm (von links). Foto: Sarah Gallenberger

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In der „schrägen“ Kulisse: Miriam Fehlker, Vesna Hiltmann und Jenke Nordalm (von links). Foto: Sarah Gallenberger

Kompromisse mit der Wahrhaftigkeit sind überhaupt nichts für Alceste. Stattdessen setzt der Idealist auf unbedingte Aufrichtigkeit, nur so kommt man im Leben weiter. Doch das im Theater Baden-Baden inszenierte Stück „Der Menschenfeind“ von Jean-Baptiste Moliére zeigt: Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Vor allem nicht, wenn Gefühle im Spiel sind.

Wenn wir nicht sicher sein können, ob unsere Meinung die richtige ist – können wir sie dann anderen Menschen aufzwingen? Mit dieser grundlegenden Fragestellung befassen sich seit Juli Regisseurin Jenke Nordalm und Dramaturgin Miriam Fehlker. Ab Ende September kann sich das Publikum dann eine eigene Meinung bilden, wenn der wahrheitsliebende Alceste (Sebastian Mirow) ganz ohne Heuchelei durch das Leben schreitet. Von seinen Mitmenschen auch „Menschenfeind“ genannt, besteht der Verfechter der Wahrheit auf Aufrichtigkeit – auch dann, wenn der Verseschmied Oronte (Simon Mazouri) auf lobende Worte zu einem seiner Gedichte hofft.

Stattdessen bekommt der Dichter Ehrlichkeit in Form von scharfer Kritik zu hören. Denn Alceste sieht keinen Sinn im Lob, das nur gespielt ist – weil eine verlogene Gesellschaft sich nicht ändern wird, wenn man ihr mit zu viel Verständnis begegnet. Und von diesem Grundgedanken lässt er sich auch nicht von seinem Freund Philinte (Oliver Jacobs) abbringen, der die Wahrheit nur als verletzende Waffe zweier sich streitender Parteien versteht.

Es ist die Liebe, die Zweifel aufwirft

Den Bruch des Stücks kann da nur eine schöne Frau schaffen. Célimène (Nadine Kettler) verdreht dem „Menschenfeind“ den Kopf. Die von vielen Verehrern umworbene Witwe lügt aus Eigennutz und ist eine Meisterin im taktischen Vorgehen. Mit ihrer Lebensweise passt Célimène überhaupt nicht in das Weltbild von Alceste – doch sie ist einfach zu schön. Warum sonst sollte der Wahrheitsliebende sein Herz ausgerechnet an die kokette Dame verlieren?

„Und was macht man dann, wenn so ein großes Gefühl wie die Liebe die eigenen Prinzipien ins Schwanken bringt?“, fragen sich Jenke Nordalm und Miriam Fehlker. Gemeinsam mit den Darstellern wollen die Regisseurin und die Dramaturgin der Gesellschaft einen Spiegel vor die Nase halten und verdeutlichen: Selbst der größte Wille, an den eigenen Regeln festzuhalten, wird zum kleinsten Willen, wenn auf einmal Gefühle im Spiel sind. Und so beginnt Alceste, mit seinen Ansichten zu ringen. Sein Kopf rät ihm von einer Verbindung mit der Frau ab, die sich das Leben mit charmanten Lügen und bequemen Unaufrichtigkeiten angenehmer macht. „So kommt es, dass Alceste das erste Mal in einen Konflikt mit seiner unbedingten Aufrichtigkeit kommt“, erklärt Nordalm. Und stellt mit dem Stück „Der Menschenfeind“ dem Publikum einige Fragen: Wie kommt man dazu, sich in sein absolutes Gegenteil zu verlieben? Was erwartet der Mensch von einer Beziehung? Mit möglichen Antworten haben sich „vor allem die Schauspieler während der Proben“ auseinandergesetzt, erinnert sich Fehlker.

Gehen oft getrennte Wege: Wahrheit und Geschmack

„Der Menschenfeind“ von Molière wurde bereits 1666 in Paris uraufgeführt. Mit der Geschichte sei eine Form der Gesellschaftskritik erwacht, geht Fehlker auf die Inszenierung ein. Es komme auch in der Realität oft vor, dass Wahrheit und persönlicher Geschmack getrennte Wege gehen. Die Kunst sei es, einen gesunden Mittelweg zu finden und die eigene Meinung mit seinen Mitmenschen zu teilen, ohne diese vereinnehmen zu wollen.

Dass alles „etwas aus den Fugen geraten ist“, machen die von Vesna Hiltmann inszenierten Raumschrägen deutlich. Mit bunten Farben und Vorhängen aus dünnen Fäden will die Bühnen- und Kostümbildnerin sowohl den Darstellern als auch dem Publikum die Perspektive nehmen, um „ein Gefühl für Alcestes Situation zu bekommen“. Wer sich in dem Bühnenbild verlieren möchte, findet auf der Internetseite des Theaters die Vorstellungstermine von „Der Menschenfeind“.

Die Matinee findet am Sonntag, 20. September, um 11 Uhr statt (Eintritt frei), die Premiere am Samstag, 26. September, um 20 Uhr.


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