Die Zeit der groben Schätzungen ist vorbei

Baden-Baden – Rund 778000 Menschen besuchen den Nationalpark jedes Jahr: Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung. Wie kommen die Forscher auf diese Zahl – und was bedeutet sie?

Dominik Rüede kontrolliert in der Nähe des Ruhesteins eine Zählstation: Mit einem Wärmesensor lassen sich Bewegungen in beide Richtungen erfassen. Foto: Schick/Nationalpark

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Dominik Rüede kontrolliert in der Nähe des Ruhesteins eine Zählstation: Mit einem Wärmesensor lassen sich Bewegungen in beide Richtungen erfassen. Foto: Schick/Nationalpark

Schon während der heftigen Debatten vor der Gründung des Nationalparks Schwarzwald 2014 tauchte immer wieder eine Frage auf: Wie viele Besucher werden in dem Großschutzgebiet künftig unterwegs sein? Die Touristiker hofften auf eine Zunahme, was den Naturschützern ein Graus war und immer noch ist. Bislang gab nur sehr grobe Schätzungen mit hohem Interpretationsspielraum. Jetzt liegen erstmals belastbare Zahlen vor.

„Im Zeitraum vom 1. Juli 2018 bis 30. Juni 2019 können wir von rund 778000 Besuchern ausgehen“, legt sich der Sozialwissenschaftler Dominik Rüede fest. Er ist Experte für Besuchermonitoring im Nationalpark. Gemeinsam mit Professor Fabian Krüger (Universität Heidelberg, seit Oktober 2019 KIT) hat Rüede im Rahmen eines zweijährigen Projekts viele Daten gesammelt, gewichtet und hochgerechnet.

Die Besucherzahlen interessieren seit jeher auch die Journalisten, weiß Pressesprecherin Anne Kobarg aus zahlreichen Anfragen. „Bisher mussten wir die Hoffnungen auf konkrete Angaben stets enttäuschen. Genannt wurden Zahlen zwischen 450000 bis 650000 Besuchern jährlich, aber das ist natürlich sehr unbefriedigend.“ Doch wer will schon die Hand dafür ins Feuer legen, wie viele Menschen sich täglich auf den knapp 10000 Hektar Parkfläche bewegen? Schließlich gibt es keine Einlasskontrollen.

Jetzt ist alles konkreter und wissenschaftlich untermauert. Für ihre Berechnungen haben die Forscher Daten aus zwei Quellen erhoben und miteinander kombiniert – woraus sich belastbare Hochrechnungen ableiten lassen.

Zählgerätenetz: An stark frequentierten Stellen sammelten drei fest verbaute und zehn mobil aufgehängte Geräte Daten. Ein Wärmesensor erfasste Bewegungen in beide Richtungen und übertrug die Ergebnisse in ein Datenportal. „Es gab keine Audio- und auch keine Videoaufnahmen“, betont Rüede. Allein aus diesen Daten lässt sich herauslesen, dass die Allerheiligen-Wasserfälle und der Lotharpfad zu den beliebtesten Zielen gehören – was die Experten aber schon wussten.

Gesamterhebungen auf der Fläche: An zwei Sonntagen im Projektzeitraum (14. Oktober 2018 und 20. Januar 2019) fanden Zähltage statt, an denen – ganz altmodisch – Datenblätter per Hand ausgefüllt wurden. Dafür waren Freiwillige des Freundeskreises Nationalpark und Studierende im Einsatz. Die beiden Zähltage erwiesen sich im Nachhinein als die besucherstärksten für Herbstwanderer beziehungsweise für Langläufer. Laut Rüede eine hervorragende Basis für die Hochrechnungen, gerade in Verbindung mit den kontinuierlich einlaufenden Ergebnissen der Zählschranken.

„Für mich war es spannend, zu sehen, wie wir diese beiden Datensätze so zusammenbringen können, um eine fundierte Aussage zum gesamten Besuchsaufkommen auf der Fläche des Nationalparks zu erhalten“, sagt Projektpartner Krüger. Die Abschätzung ergab die Besucherzahl 778000, wobei eine Bandbreite zwischen minimal 741000 und maximal 847000 unterstellt wird.

Wofür sind die Zahlen nützlich, außer damit die Neugier von Journalisten zu befriedigen? Sie werden in die Dienstpläne der Ranger einfließen, zählt Charly Ebel auf, der den Fachbereich Besucherinformation leitet. Später vielleicht in ein Besucherlenkungskonzept, um „Hotspots“ wie den Wilden See zu entlasten. Auch für die Gestaltung der Angebote und die Infrastruktur sind die Zahlen hilfreich.

In den nächsten Jahren werden weitere Zählungen stattfinden, um die Entwicklung zu beobachten. Ziel des Nationalparks ist es aber nicht, immer mehr Besucher anzuziehen.

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Erstellt:
18. Februar 2020, 19:50 Uhr
Lesedauer:
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