Die Zeit des „V.I.P.-Shoppings“ überstanden

Loffenau (ham) – Der Gebrauchtwarenladen „s’Klemmerle“ hat sich während der Corona-Zeit neu erfinden müssen. Mit neuen Verkaufswegen hat der eingetragene Verein der Pandemie getrotzt.

Zwischen Kuschel-Nilpferd im Kinderwagen, Krimskrams und Klamotten: Kerstin und Christian Fieg betreiben den Second-Hand-Laden „s’Klemmerle“ mit Herzblut. Foto: Metz

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Zwischen Kuschel-Nilpferd im Kinderwagen, Krimskrams und Klamotten: Kerstin und Christian Fieg betreiben den Second-Hand-Laden „s’Klemmerle“ mit Herzblut. Foto: Metz

Das kuschelige Nilpferd lugt vergnügt aus dem Kinderwagen. Eine Mutter mit drei Kindern kramt daneben mehrere gut erhaltene Kleidungsstücke aus den Regalen, bezahlt ein paar Euro und verabschiedet sich zufrieden aus dem „s’Klemmerle“. Ein paar Minuten später sucht sich ein älterer Mann zwei Hosen raus und legt zwei neuwertig wirkende Gürtel daneben auf den Tresen. Er hat nur einen Fünfziger-Schein und nicht genügend Kleingeld dabei. „Bringen Sie das Geld morgen vorbei“, gibt sich Kerstin Fieg gelassen.

Inzwischen läuft der Gebrauchtwarenladen zwischen Kirche und Loffenauer Rathaus wieder wie vor Beginn der Corona-Krise. Fieg und ihre acht Helferinnen öffnen mittwochs (9.30 bis 11.30 Uhr), freitags (16 bis 18 Uhr) und samstags (9.30 bis 12 Uhr) die Pforte und nehmen jeden Mittwochabend (19 bis 20 Uhr) Warenspenden entgegen. Als das „s’Klemmerle“ vom 17. März bis Ende April geschlossen bleiben musste, erfand sich der erst im März 2019 eröffnete Second-Hand-Shop neu. „In der Zeit luden wir zum V.I.P.-Shopping“, scherzt Kerstin Fieg mit Blick auf die sechs Wochen, als sie Eltern nur nach Terminabsprache einzeln in dem vollgestopften Laden empfing.

Zudem stellten die 21 Mitglieder des kleinen eingetragenen Vereins auf Internet-Vertrieb um. Über die Webseite Mamikreisel.de, die für die Wiederverwertung noch guter Kindersachen sorgt, „lief es unglaublich gut“, erzählt Fieg und erklärt sich das damit, „dass die Leute zu Beginn der Pandemie sonst keine Gelegenheit zum Einkaufn hatten.“ Die Vereinsvorsitzende konstatiert nach den Lockerungen sogar stärkeren Zulauf. „Manche trauen sich jetzt rein“, stellt die 41-Jährige fest. Zuvor hätten wohl viele fälschlicherweise gemutmaßt, dass sich nur Utensilien für Kinder fänden und lediglich Sozialhilfeempfänger einkaufen dürften. „Das ist aber nicht so“, betont Christian Fieg und verweist mit seiner Gattin auf das jüngste Beispiel einer Rentnerin, die sich freute, ihre schmale Kasse durch die Einkäufe im „s’Klemmerle“ nicht „noch mehr aufzehren zu müssen“.

Auch wenn die Zeiten des ausschließlichen „V.I.P.-Shoppings“ überstanden sind (aber auch weiter per Whatsapp-Termine ausgemacht werden können), fänden selbst die Schönen und Reichen manches Schnäppchen im „s’Klemmerle“. Zum Beleg schleppt Christian Fieg funkelnagelneue Gummistiefel an: „Die hatten Loffenauer für ihren Urlaub in Schottland vergessen und kauften dort welche. Daheim benötigten sie diese nicht mehr und gaben sie uns.“ An manchen Kleidern prangt noch das Preisschild. Das galt ebenso für eine „originalverpackte Nähmaschine“, an die sich Christian Fieg besonders erinnert – und vor allem an das kostbare Hutschenreuther-Service: „Die Frau begründete ihre Spende damit, dass das Service bei ihr nur herumstehe ...“

Von einem Dekoladen in Gaggenau erhalten die Loffenauer auch manches gut erhaltene Teil. „Es täte mir in der Seele weh, das in Oberweier auf die Mülldeponie zu werfen“, begründet die Besitzerin die umweltschonende Wiederverwertung. Und „Dein Lieblingsstück“ in Gernsbach gehe sogar so weit, Aktionen zu machen, etwa fünf Euro Nachlass auf einen Kauf zu geben, wenn der Kunde zehn alte Kleidungsstücke abgibt. Diese werden dann von den neun „s’Klemmerle“-Aktiven, die bisher 850 ehrenamtliche Stunden leisteten, ins Sortiment aufgenommen.

Mitglieder verteilen vierstelligen Betrag

Dieses umfasst Hosen aller Größen von XS bis 58, Taschen, CDs, Rollerblades und Spielwaren aller Art, ja sogar Tupperware und ein Thermomix gingen schon über den Ladentisch. Am meisten brachte bisher ein gebrauchter Kinderwagen mit 80 Euro ein – immer noch ein Schnäppchen, betont Kerstin Fieg und verweist auf den Quinny-Kinderwagen am Eingang, der „im Netz 650 Euro kosten würde“. Ob der kargen Preise bezahlen viele Käufer, die auch aus anderen Orten kommen, oft freiwillig mehr als den geforderten Obolus.

Das erwirtschaftete Plus durch den Verkauf wird bei der noch nicht exakt terminierten Jahreshauptversammlung im Oktober ausgeschüttet. Jedes der 21 Mitglieder kann Vorschläge machen, wohin ein Teil der Summe fließen soll. Alle entscheiden dann zusammen über die Spenden an Organisationen und Bedürftige. „Es wird wohl ein mittlerer vierstelliger Betrag vergeben“, hat Christian Fieg schon einmal grob überschlagen. Den 43-Jährigen und seine Gattin ärgert dabei, dass die alten Gemeinderats-Kollegen die Pacht während der Corona-Schließung nur für schlappe zwei Wochen reduzierten. Das sparte dem Verein gerade einmal die Hälfte der monatlichen Miete von 200 Euro. Der Betrag sei für den karitativen Verein ohnehin schon „belastend“, findet Fieg und erinnert daran, Altbürgermeister Erich Steigerwald hätte die Räume dereinst „jedem für nur 50 Euro im Monat angeboten, um überhaupt jemand drin zu haben“.

Die Enttäuschung darüber bremst aber das Engagement des kleinen Klubs keineswegs. Um das reduzierte Ferienspaß-Programm in Loffenau nicht weiter auszudünnen, lädt Kerstin Fieg gleich viermal den Nachwuchs ein. Am Freitag stand Batiken auf dem Programm. Die Kinder konnten ihre T-Shirts und Sportbeutel selbst färben. Zudem durften sie Knetseife machen und mit nach Hause nehmen.

Ledermantel der einzige Ladenhüter

Nur ein Problem hat das „s’Klemmerle“ noch: Da ist dieser schwarze Ledermantel! „Wenn er mir passen würden, hätte ich ihn schon längst selbst genommen“, meint der stämmige ehemalige CDU-Gemeinderat grinsend und zeigt auf sein seit der Eröffnung vor 15 Monaten herumhängendes „Lieblingsstück“ im Laden. Den „Ledermantel kauft einfach niemand“, meint Christian Fieg grinsend und fürchtet, dass dieser ein ewiger Ladenhüter bleibt.

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Erstellt:
30. August 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 39sec

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