Die Zeit und das Leben

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Es geht um die Frage, was eine Schönheitskönigin mit einer Nonne zu tun hat.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Eine Nonne kniet mit ausgestreckten Armen vor Soldaten und bittet, man möge sie anstelle von unschuldigen Menschen töten. So geschehen im März 2021 in Myitkyina im Krisengebiet Myanmar. Bei der Nonne handelt es sich um Ann Rose Nu Tawng. Zwei Soldaten knien ebenfalls und haben ihre Hände wie zum Gebet gefaltet. Die anderen stehen mit Maschinengewehren davor. Das Lebensgefährliche der Situation wird deutlich. Die Soldaten haben die Nonne nicht getötet. Was kann eine Nonne gegen eine Übermacht des Militärs erreichen?

Die Frage drängt sich auf, was der Nutzen dieser Aktion sei. Würde das Bild in Sozialen Netzwerken kursieren, wären verschiedene Kommentare dazu vorstellbar. Eine Seite würde auf das nötige kritische Bewusstsein hinweisen, das der Nonne abgesprochen werden kann, weil sie vom Glauben instrumentalisiert sei; andere hätten die Öffentlichkeitswirksamkeit anzuzweifeln. Schließlich käme es zur Frage, ob nicht ohnehin alles inszeniert sei. So bliebe am Ende von der bemerkenswerten Tat nur eine eigenartige Relativierung übrig, durch jene, die genau erklären können, was zu tun sei, weil sie selbst nie etwas getan haben?

Ewige Wiederkehr des Gleichen

Szenenwechsel: Mireia Lalaguna Royo wurde 2015 für ein Jahr zur „Miss World“ gekürt. Die Pharmazie-Studentin setzte sich gegen 113 Konkurrentinnen durch. Es heißt, sie reise gerne und sei eine begabte Klavierspielerin. Während sie vor dem Publikum stand und die Krone erhielt, hatte sie wohl gestrahlt, und möglicherweise liefen ihr Tränen über die Wangen und verwischten ein wenig das sorgfältig aufgelegte Make-up. Die Schönheitskönigin war weder auf die Knie gegangen, noch hatte sie ihr Leben für andere angeboten. Sie hatte einfach nur gewonnen.

Die moralische Botschaft einer Schönheitskönigin ist es ganz einfach, da zu sein. Genauer: da gewesen zu sein, denn im Moment der Krönung wird bereits ihre Abdankung eingeläutet. Die Vorbereitungen für eine neue Misswahl laufen an, sobald die Gewinnerin feststeht. Eine Misswahl ist wie die Natur: verschwenderisch. Sie ist der Inbegriff von Zeitlosigkeit durch die Überfülle an Zeit, die sie verkörpert, eben weil sie in dem Moment, in dem sie als „Miss“ geboren wird, ihr eigenes Ende geschaffen hat. Die Soldaten des Lebens stehen nun neben der Gewinnerin, um sie daran zu erinnern, dass sie im Leben verhaftet sei, dass ihr Wirken ein Opfer sei, für die anderen und für die Zeit im Sinne einer ewigen Wiederkehr des Gleichen. Denn jede Misswahl läuft ab wie die vorherige, und alle künftigen werden so sein wie die vergangenen. Die Menschen sind austauschbar: ein geschicktes Arrangement von Auflösung durch ihre ewige Wiederholung. Im Laufe der Amtszeit geht auch die Schönheitskönigin auf die Knie. Ihre ausgestreckten Arme gelten dem Augenblick, den sie einfangen will. Doch die Aussichtslosigkeit auf Unveränderlichkeit wird sich um sie winden.

Die Nonne und die Schönheitskönigin: Die Unterschiede scheinen gewaltig – und doch ist ihnen mehr gemeinsam, als wir vermuten. Beiden geht es um Sterben und Leben. Beide polarisieren. Doch sind sie auch Mahnmal des Lebens in seiner Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit. In beiden begegnet sich die Hoffnung auf das Lebendige im Leben. Durch beide lebt das Leben unerbittlich weiter und opfert sich in der Zeit.

Literaturempfehlung: Hans Jonas. Das Prinzip Leben. Frankfurt 2011.

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Erstellt:
6. Juni 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
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