Die Zukunftsangst der BBC

London (alm) – Die konservative Regierung des britischen Premiers Boris Johnson friert die Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Land für zwei Jahre ein.

Ein Schlag zum großen Jubiläum: Im 100. Jahrestag des Bestehens sieht die BBC - hier die Senderzentrale in London - unsicheren Zeiten entgegen: Die Tory-Regierung will, dass der Sender mit den Gebühren sparsamer umgeht und effizienter wird. Foto: Daniel Leal/AFP

Ein Schlag zum großen Jubiläum: Im 100. Jahrestag des Bestehens sieht die BBC - hier die Senderzentrale in London - unsicheren Zeiten entgegen: Die Tory-Regierung will, dass der Sender mit den Gebühren sparsamer umgeht und effizienter wird. Foto: Daniel Leal/AFP

Das spektakuläre Hauptquartier der BBC zwischen dem Londoner Shopping-Paradies Oxford Street und dem Regent’s Park wird wegen seiner ungewöhnlichen Form manchmal mit einem Schiff verglichen. Es ist ein passendes Bild für die altehrwürdige Institution, die seit Generationen die Kultur, Werte und Traditionen des Inselkönigreichs weltweit über Ozeane und (Radio)Wellen trägt. Im Moment herrscht allerdings auf dem „Schiff“ Untergangsstimmung.

Ausgerechnet im 100. Jahr ihres Bestehens steuert die British Broadcast Corporation mit etwa 22.000 Beschäftigten auf den wohl schwersten Sturm ihrer Geschichte zu. Es geht um eine radikale Weichenstellung bei den Einnahmequellen des Senders, die den Markenkern der BBC und ihr Angebot verändern könnte. Die konservative Regierung des Premiers Boris Johnson hat beschlossen, bis Ende 2023 den gebührenfinanzierten Teil der BBC-Finanzierung (licence fee) auf der jährlichen Beitragshöhe von derzeit 159 Pfund (190 Euro) einzufrieren. Insgesamt nimmt der Sender auf diesem Weg 3,2 Milliarden Pfund im Jahr ein. Spätestens ab 2027 soll das Gebührenmodell ganz abgeschafft werden. Das liefe auf eine Teilprivatisierung des Medienriesen hinaus, dessen mehrfach preisgekrönten Programme weltweit ein hohes Renommee genießen.

Politischer Streit um den Brexit

Die regierenden Tories streuen schon lange Sand ins BBC-Getriebe, vor allem gegen die Nachrichtenprogramme, die im vergangenen Jahr wöchentlich im Schnitt 489 Millionen Menschen weltweit erreicht haben. Wird Johnsons Regierung von kritischen Journalisten vor solch einem Riesenpublikum in die Mangel genommen, tut das weh. Der BBC wird bisweilen vorgeworfen, tendenziös zu sein, weil sich viele ihrer Mitarbeiter eher dem linken oder liberalen Lager zugehörig fühlen. Vor allem in der Berichterstattung rund um den Brexit hat der Sender der Regierung oft widersprochen.

Im vergangenen Jahr gab es zudem Kritik an der „versnobten“ BBC, nicht genügend auf die soziale Diversität zu achten. „Sie braucht eine echte Veränderung, um ganz Großbritannien repräsentieren zu können - und dafür werde ich sorgen“: Diese Ankündigung der Kulturministerin Nadine Dorries im vergangenen Oktober klang wie eine offene Kriegserklärung an die in wenigen Kilometern Entfernung von der Downing Street gelegene politische „Störquelle“.

Dorries‘ Strategie nimmt nun konkrete Züge an: Die Tories starten mit einem finanziellen Frontalangriff gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Land, indem sie die jährliche Anhebung der Gebühren beenden. Begründet wird dies mit der angespannten finanziellen Lage vieler Briten. „Die Regierung will die Menschen unterstützen. Und auch die BBC muss ihnen helfen, indem sie spart“, sagte die Politikerin am Montag. Nach Einschätzung des BBC-Generaldirektors Tim Davie wird durch diese Maßnahme eine Finanzierungslücke von umgerechnet 340 Millionen Euro entstehen. „Es wird weniger Programme geben“, bedauerte der Manager. „Dabei bin ich überzeugt, dass die BBC viel Wert für 13 Pfund pro Monat anbietet“.

Will Johnson nur von Skandalen ablenken?

In einem Tweet hat Dorries angekündigt, dass diese Gebühren-Entscheidung die letzte sein werde, und dass man über „neue Wege“ der BBC-Finanzierung diskutieren müsse. Nach Einschätzung von Beobachtern zielt die Ministerin auf eine Abschaffung der bisherigen Regelung im Jahr 2027. Die Attacke der Konservativen wird in Großbritannien durchaus kritisch gesehen, zumal die Regierung die Steuern erhöht hat. Manche Briten glauben, dass Johnson mit dem Schlag gegen die BBC nur von seiner „Partygate“-Affäre um Lockdown-Feiern in seinem Amtssitz ablenken will.


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