Die besten Geschichten sind nicht erfunden

Baden-Baden (sr) – Romanbiografien sind flott zu lesen und enthalten meist alle wichtigen Fakten – so auch das Werk von Maria Regina Kaiser über Astrid Lindgren.

Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, aufgenommen am 30. September 1987 in Stockholm. Foto: Jörg Schmitt/dpa

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Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, aufgenommen am 30. September 1987 in Stockholm. Foto: Jörg Schmitt/dpa

Ein Zwitter oder ein eigenes Genre – wie ist das eigentlich mit Romanbiografien? Sie bieten nicht die klassische sachliche Information, aber auch nicht die freie Erfindung – im Idealfall ist es wohl die süffig erzählte komprimierte Wahrheit, die der Leser an ihnen schätzt. Der Südverlag in Konstanz zum Beispiel hat sich zuletzt auf diese Romanform fokussiert. Nach Selma Lagerlöf kam nun in diesem Verlag eine Romanbiografie über Astrid Lindgren heraus, und der Lebensroman von Katharina der Großen liegt auch schon in den Buchhandlungen.

Ganz generell scheinen Romanbiografien derzeit en vogue zu sein. Traditionell kreisen sie fast ausschließlich um historische Figuren, von denen man schon vieles weiß. Aber eben doch nicht alles. Und das eröffnet den Autoren die Möglichkeit, auch ein bisschen zu spekulieren oder dem Thema einen besonderen Dreh zu geben.

Karen Duve hat das 2018 mit ihrem Buch über Annette von Droste-Hülshoff hochliterarisch vorgemacht („Fräulein Nettes kurzer Sommer“). Sie nahm allerdings nur einen Aspekt aus der Biografie der Dichterin, schmückte den aber kräftig aus und machte daraus ein Buch über die gesellschaftliche Einschränkung und Bevormundung früher Künstlerinnen – oder eigentlich der Frauen damals generell.

Genre hatte seine große Zeit vor 100 Jahren

Dadurch hat der Leser viel Authentisches erfahren, aber doch auch eine erfundene Geschichte gelesen. Vor 100 Jahren hatte das Genre schon einmal eine große Zeit, damals haben sogar Autoren wie der hoch angesehene Heinrich Mann Romanbiografien geschrieben. Zwei üppige Bände über den französischen König Henri Quatre gehören zum Hauptwerk des Schriftstellers, der vor 150 Jahren geboren wurde.

Es muss also keinesfalls die schlichteste Version einer Biografie sein, wenn man zur Romanfassung greift. Im Falle des Südverlags gibt es ein Format, an das sich die aktuellen Romanbiografien des Hauses halten: Sie sind chronologisch aufgebaut, in handliche Kapitel aufgeteilt, und vor allem werden sie von einem respektablen Anhang begleitet, in dem neben der traditionellen Zeittafel auch Glossare und Erläuterungen zu finden sind.

In ihrer Romanbiografie über Astrid Lindgren mit dem etwas unverbindlichen Untertitel „Helle Nächte, dunkler Wald“ vermeidet die Autorin Maria Regina Kaiser Spekulationen oder gar romantische Gedankengänge. Vielmehr nimmt sie den eher trockenen Ton der beliebten Kinderbuchautorin an und lässt deren Lebensstationen sachlich, aber nie uninteressant aufscheinen: Die im Nachhinein idyllisch verklärte Kindheit auf dem elterlichen Hof Näs, später die kurze Zeit der Selbstständigkeit als Zeitungsvolontärin. Diese Lebensphase endet früh und hart: Astrid Lindgren wird vom wesentlich älteren Chefredakteur schwanger und entsetzt damit ihre fromme Familie so sehr, dass sie nach Stockholm abgeschoben wird. Die Geburt des Sohnes Lasse im liberalen Kopenhagen, seine ersten Jahre bei einer Pflegemutter, das Leiden der alleinstehenden jungen Mutter an dieser Situation – das sind die Kernszenen aus Astrid Lindgrens Leben, die man gut kennt. Hier sind sie knapp und doch sensibel nacherzählt.

Maria Regina Kaiser kennt sich mit historischen Stoffen aus

Maria Regina Kaiser ist eine erfahrene Autorin, historische Stoffe sind seit Studientagen ihr tägliches Brot. Sie hält sich in diesem Fall strikt an belegbare Fakten, bemüht sich im Anhang um ein vollständiges Bild der doch vielleicht oft als „zu freundlich dargestellten“ Schwedin, wie eine Kollegin Lindgrens meinte. Interessant sind die Vergleiche der Biografin zwischen Astrid Lindgren und Selma Lagerlöf, der älteren schwedischen Nobelpreisträgerin, deren Romanbiografie Kaiser zuvor veröffentlicht hatte. Maria Regina Kaiser schildert auch den rastlosen Arbeitseifer Lindgrens, eine gewisse Eifersucht auf andere erfolgreiche Kinderbuchautoren, und die Geschäftstüchtigkeit der Autorin. Nach ihrer Scheidung umgab sich Astrid Lindgren mit einem Kreis berufstätiger Freundinnen, sie wurde zur bekanntesten Schwedin überhaupt. 2002 ist sie 94-jährig gestorben, weltweit verehrt und hoch dekoriert.

Info: Maria Regina Kaiser: Astrid Lindgren – Helle Nächte, dunkler Wald, Romanbiografie, Südverlag, 304 Seiten, mehrere Abbildung, 22 Euro.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sabine Rahner

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Erstellt:
7. April 2021, 23:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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