Die harten Jahre sind vorbei

Bühl (jo) – Beim Ausbau des Heimatmuseums Ottersweier gehen die Arbeiten in die Endphase. Die Dauerausstellung im „s’Eicher-Wilhelme-Hus“ startet Mitte Juli.

Fast wie früher: Vor dem „s’Eicher-Wilhelme-Hus“ wird wieder Trecker gefahren, drinnen spielt das alte bäuerliche Leben. Foto: Joachim Eiermann

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Fast wie früher: Vor dem „s’Eicher-Wilhelme-Hus“ wird wieder Trecker gefahren, drinnen spielt das alte bäuerliche Leben. Foto: Joachim Eiermann

Den „Bund fürs Leben“ zu schließen, ist per standesamtlicher Trauung im „s’Eicher-Wilhelme-Hus“ schon länger möglich. Alsbald wird auch das volle Museumsleben in das über 300 Jahre alte Fachwerkhaus einkehren: Für das Wochenende vom 16. und 17. Juli hat der Historische Bürgerverein Ottersweier in der Bachstraße 1 die Eröffnung der künftigen Dauerausstellung vorgesehen.

„Die Zeit drängt“, erklärt der Vereinsvorsitzende Heinz Wendling bei einer Führung durchs Haus. Ein späterer Termin sei nicht möglich, um die im November 2017 zugesagte Projektförderung aus Leader-Mitteln nicht zu verlieren. Ein Aufschub sei aufgrund der Pandemie bereits gewährt worden, berichtet er. Es waren harte Jahre. Die langwierige Sanierung bis hoch unters Dach habe den freiwilligen Helfern viel abverlangt – zuweilen auch eine regelrechte „Drecksarbeit“, wie das Ausbauen und Reinigen der uralten Dielenböden, die mit Spanplatten unterfüttert wurden.

Geschichtsträchtiges Gebäude: Heinz Wendling, Vorsitzender des Historischen Bürgervereins, zeigt eine der Schautafeln. Foto: Joachim Eiermann

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Geschichtsträchtiges Gebäude: Heinz Wendling, Vorsitzender des Historischen Bürgervereins, zeigt eine der Schautafeln. Foto: Joachim Eiermann

Auch der Einzug hatte seine Tücken. Als Plackerei erwies sich, einen riesigen Rollenzug-Webstuhl in ein Zimmer im Obergeschoss zu verfrachten. Doch die Freude über das Prachtstück ist groß, handelt es sich doch um einen Originalnachbau eines Webstuhls aus dem Vogtsbauernhof-Museum in Gutach, der via Murgtal nach Ottersweier kam.

Die von Michael Rumpf, dem Leiter des Stadtgeschichtlichen Instituts Bühl, erstellte Museumskonzeption für das 1668 errichtete Gebäude samt Anwesen sieht vor, die altbäuerliche Lebensweise aus drei Jahrhunderten nicht nur gegenständlich und mit klassischen Schautafeln zu präsentieren, sondern auch multimedial erfahrbar zu machen. In fast allen Räumen wird es Touch-Screens geben, um zusätzliche Informationen bis hin zu Videos abrufen zu können.

Die Herstellung von Stoffen ist eines der Schwerpunktthemen; die Hanfverarbeitung, einst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region, ein weiteres. Ein großformatiges digitales Wimmelbild mit hinterlegten Infos dient dabei als Blickfang für kleine und große Kinder. Das frühere Tun soll zudem mit eigenen Händen greifbar werden. Mit dem Drehen von Hanfseilen etwa wollen die Museumsleute an die Rolle der einst bedeutenden Nutzpflanze erinnern. Auch ist an Vorführungen für Kinder und Erwachsene gedacht sowie an Kurse in Kleingruppen, um beispielsweise altes Wissen weiterzugeben, wie Lebensmittel einst konserviert wurden.

So lebte der Knecht: Die Gesinde-Kammer unter dem Dach ohne jegliche Dämmung und Luxus. Foto: Joachim Eiermann

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So lebte der Knecht: Die Gesinde-Kammer unter dem Dach ohne jegliche Dämmung und Luxus. Foto: Joachim Eiermann

Um die einstige Art des Brotbackens nahezubringen, ist vorgesehen, einen Außenbackofen am Hinterausgang der Küche zu platzieren. „Es kann gut sein, dass da einmal ein Backofen war“, begründet Wendling die Standortwahl. Der neue werde nach historischem Vorbild aufgebaut, Kernstück ist eine Brennkammer aus Frankreich. Bevor sich die Ofenbauer ans Werk machen können, bedarf es noch einer Baufreigabe aus dem Bühler Rathaus sowie der Bewilligung einer Zwischenfinanzierung durch die Kommune, worüber der Gemeinderat Ottersweier heute entscheidet. Wenn es dann soweit ist, werden auch Kinder beim Aufbau im Wortsinne Hand anlegen können, werden doch Teile des Ofens wie früher mit Lehm verputzt.

Rund zwei Dutzend ehrenamtliche Helfer

Nach dem Lehm, mittelhochdeutsch „Leime“, hatte sich einst eine örtliche Narrenzunft benannt. Der heutige Ehrenbürger Waldemar Friedmann, eine der Triebfedern des Museumsprojekts und früherer Vorsitzende des Historischen Bürgervereins, scharte einst bei den Leimewängscht eine Ziegelmachergruppe um sich, die das alte Handwerk wiederbelebte und inzwischen im Museum eine tragende Rolle übernommen hat. Inklusive Vorstandschaft kommt Wendling auf einen Helferkreis von gegenwärtig etwa zwei Dutzend Personen, denen das bürgerschaftliche Engagement einen Freizeitwert bietet und Spaß macht. Er selbst gesteht: „Ich liebe das Museum“, ohne die Kehrseite der damit verbundenen Arbeit zu verhehlen: „Liebe macht blind.“

Die rasante Entwicklung Ottersweiers vom landwirtschaftlich geprägten Dorf zum Gewerbestandort ist der Ortsgeschichte zu entnehmen, die sich im Obergeschoss an einer raumfüllenden Tischkonstruktion mit eingelassenen Displays nachvollziehen lässt. Den größten Besucheranreiz entfalten indes die regional einzigartigen Inszenierungen bäuerlichen Lebens – die Alltagsarbeit scheint unterbrochen, die Bauersleute sind mal kurz weg. Von der Scheune über die historische Küche bis hoch zur ärmlichen Kammer des Knechts gibt es viel zu erkunden.

Eine imposante Räucherkammer zieht sich samt Vorrichtung am großen Herd über alle Stockwerke. Das Haus, das die Gemeinde vor rund einem Jahrzehnt erwarb und dem Bürgerverein in Erbbaurecht überlässt, ist selbst ebenfalls ein Exponat.

Ihr Autor

BT-Mitarbeiter Joachim Eiermann

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Erstellt:
25. April 2022, 10:30 Uhr
Lesedauer:
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