„Die heile Welt, die gibt es doch gar nicht“

Hungen (km) – Auch Texte fernab des rosaplüschigen Schlagerklischees: Für die Amigos gibt es nach 50 Jahren auf der Bühne keine Tabuthemen.

Brüder, Kollegen und musikalische Verbündete: Karl-Heinz (links) und Bernd Ulrich sind die Amigos. Foto: Kerstin Jönsson/pr

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Brüder, Kollegen und musikalische Verbündete: Karl-Heinz (links) und Bernd Ulrich sind die Amigos. Foto: Kerstin Jönsson/pr

Aus kleinen Dorffesten wurde die große Bühne, aus zwei Brüdern aus dem hessischen Hungen mit normalen Jobs Stars: Zu ihrem 50. Bandbestehen sind Bernd und Karl-Heinz Ulrich alias die Amigos längst in den Schlagerhimmel aufgestiegen – mit ihrem neuen Album „Tausend Träume“ haben sie es zum zwölften mal an die Spitze der Charts geschafft. Und das obwohl – oder nicht zuletzt, weil sie nicht nur von Sonnenschein und Sommerwein singen, sondern auch schwere Kost wie Kindesmissbrauch oder Umweltprobleme in ihren Liedern ansprechen. Über ein etwas anderes Jubiläumsjahr durch Corona, zerplatzte Einmachgläser in Omas Keller, das Engagement der Amigos für Kinder und ihre Zukunftswünsche hat sich Bernd Ulrich mit BT-Redakteurin Kathrin Maurer unterhalten.

BT: Herr Ulrich, haben Sie die Amigos schon abgeleckt und aufgeklebt als Briefmarke?

Bernd Ulrich: Natürlich, von hinten (lacht). Das war eine große Überraschung. 1000 Briefmarken verkaufen wir als Sammlerstück zugunsten der Bülent-Ceylan-Stiftung. Die Einnahmen gehen ausschließlich an hilfsbedürftige und missbrauchte Kinder.

BT: In diesem Jahr kam bei den Amigos einiges zusammen: 50 Jahre Bandgeschichte, ein großes Jubiläumsalbum, Amigos-Briefmarken – und dann – Corona. Sie hatten große Pläne, wie sind Sie mit der Zwangspause umgegangen?

Ulrich: Es war auch für unsere Fans, unser Team und uns einfach eine Katastrophe. Am 8. März hatten wir das letzte Konzert, volles Haus, und wir hatten noch jede Menge Auftritte geplant – in Österreich, Italien, Frankreich. Mit einem Schlag stand alles auf Null – und wir wissen jetzt noch nicht, wie dieses Jahr enden wird. Ich denke, 2020 passiert auf der Live-Bühne nichts mehr. Nächste Woche wäre unser großes Jubiläumsfest gewesen, mit Andy Borg und meiner Tochter Daniela als Gastkünstlern. Innerhalb einer Woche war es ausverkauft, jetzt ist es verschoben auf August 2021. Im Jubiläumsjahr schmerzt das noch mehr.

BT: Einige Ihrer Kollegen haben während der Pandemie auf Auto- oder Wohnzimmerkonzerte gesetzt. Für die Amigos war das keine Alternative?

Ulrich: Auf keinen Fall. Ich schau doch nicht von der Bühne in Autoscheinwerfer! Und auch sich vom Sofa einen abzujammern, um mit den Fans in Kontakt zu bleiben, kam für uns nicht in Frage. Jeder wie er will, aber unser Ding ist das nicht. TV-Auftritte ohne Publikum sind schon schwer genug. Wir brauchen Menschen. Dafür kenne ich jetzt im Garten alle Blumennamen (lacht).

BT: Wenn Sie morgens in den Spiegel schauen, sehen Sie dann den großen Schlagerstar – oder können Sie Ihren Erfolg manchmal selbst nicht fassen?

Ulrich: Ich kann es selbst nicht fassen. Ich denke, ich bin zwar alt geworden, aber wir erleben trotzdem gerade die geilste Zeit unseres Lebens.

BT: Denken Sie manchmal an Ihren früheren Alltag als Bierbrauer und Mälzer zurück?

Ulrich: Auf jeden Fall. Ich möchte keine Sekunde, die wir früher durchlebt haben, missen. Den Job 2006 an den Nagel zu hängen, als es mit der Musik damals so richtig losging, war alles andere als einfach. Ich weiß noch, mein Boss fragte mich damals, ob ich Drogen nehme, als ich ihm sagte, was mein Bruder und ich vorhaben. Er meinte aber, wenn das in die Hose gehen sollte, solle ich wiederkommen. Also hatte ich keine Angst davor, jemals mit dem Hut auf der Straße zu stehen.

„Wir wollen nicht nur über Sommer, Sonne, Wind und Liebe singen"

BT: In den 70ern waren Sie musikalisch noch härter unterwegs – ihre Musik hat sogar einige von Omas Einmachgläsern gekostet, stimmt das?

Ulrich: Ja! Das glaubt einem ja heute gar keiner mehr. Wir haben alles gespielt, als wir durch die Dörfer zogen – von CCR bis Stones. Zum Proben gingen wir mit Gitarre und Schlagzeug in den kleinen Keller der Oma. Auf der rechten Seite im Regal standen ihre Einmachgläser mit Eingekochtem. Der Druck des Schlagzeugs hat tatsächlich die Einmachgläser geöffnet – dann gab es halt wochenlang lang Nudeln mit eingelegten Kirschen.

BT: Wie kam dann der Wandel zum Schlager?

Ulrich: Erst haben wir noch eine Zeit lang Country gespielt. Aber in unserer Gegend war das nicht so gefragt – im Umkreis von 50 Kilometern waren wir damals schon weltbekannt. Die Leute wollten bei den Tanzabenden auch Sachen hören wie die Flippers, was in den Top-Ten der Hitparaden und angesagt war. Dann dachten wir, warum singen wir nicht einfach eigene Songs auf Deutsch – somit waren wir beim Schlager. Daraufhin kam das eigene Studio in der Garage, aber an den großen Erfolg haben wir nie gedacht.

Ich weiß noch, als die erste Solotour im Raum stand, ist mir schlecht geworden, so aufgeregt war ich! Wir konnten nicht glauben, dass uns sogar Leute aus Hamburg sehen wollen. Aber es hat funktioniert.

„Wir sind Schlagerfuzzis“: Trotz ihrer großen Erfolge sind die Amigos auf dem Boden geblieben. Foto: Kerstin Jönsson/pr

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„Wir sind Schlagerfuzzis“: Trotz ihrer großen Erfolge sind die Amigos auf dem Boden geblieben. Foto: Kerstin Jönsson/pr

BT: Für die sonst so heile Schlagerwelt trauen sich die Amigos textlich auch an harte Themen ran. Warum sind Sie damit eher alleine in der Branche?

Ulrich: Für uns war immer klar, wir wollen nicht nur über Sommer, Sonne, Wind und Liebe singen. Kindesmissbrauch, Umweltfragen, Obdachlosigkeit – das sind Themen, die uns und unsere Fans genauso berühren – die müssen thematisiert werden. Viele trauen sich vielleicht nicht, solche Themen anzufassen. Wir wurden anfangs auch von Kollegen hintenrum kritisiert, wie man nur solche Texte in den Schlager bringen kann. Aber ganz ehrlich, die heile Welt, die gibt es doch gar nicht. Es werden Hunderttausende Kinder in unserem Land missbraucht, die Gewaltschwelle sinkt, die Altersarmut nimmt zu – das sind alles Tabuthemen. Ich frage mich – warum? Es ist nicht leicht, in drei Minuten so eine Geschichte zu erzählen, aber diese schrecklichen Dinge passieren, und das kann man nicht ignorieren. Man wird von den Amigos auf der Bühne auch nie dieses „Seid ihr gut drauf“-, „Wo sind die Hände“-Ding hören. Wir sind auf Augenhöhe unserer Fans und teilen deren Geschichten.

BT: Die Amigos und ihre Fans – ist diese Bindung wirklich so eng, wie es scheint?

Ulrich: Ohne unsere Fans wäre nichts so, wie es ist und wir nicht da, wo wir sind. Sie bedanken sich, dass es für uns keine Tabuthemen gibt, dass wir aussprechen, was sie bewegt. Wir müssen unseren Fans nichts vormachen, müssen nicht den Kasper auf der Bühne mimen. Wir sind so, wie wir sind, und das spüren unsere Fans. Wir sprechen die Sprache des Volkes – und wir geben immer 110 Prozent – wenn’s sein muss, auch mit
Oberschenkelhalsbruch im Rollstuhl auf der Bühne. Denn so manch ein Fan hat sie sich die Karte für das Konzert vom Munde abgespart – dessen sind wir uns bewusst.

BT: Wie kam es zu ihrem Engagement als Botschafter im Opferbund „Weißer Ring“?

Ulrich: Mit dem Landesvorsitzenden des Weißen Rings Hessens, Oberkriminalrat Horst Cerny, kam ich über unseren Song „Der Schattenmann“ ins Gespräch. In unserer Nachbarschaft war damals ein Mädchen namens Julia verschwunden, das war medial in Hessen ein großes Thema. Es kam dann heraus, dass wiederum ein Nachbar des Mädchens, der sich auch in Interviews zu ihrem Verschwinden geäußert hatte, Julia missbraucht, im Wald getötet und angezündet hat. Das gab den Ausschlag zum Lied – und auch deshalb ist uns dieses Thema und Engagement so wichtig. Wir haben durch unsere Reichweite eine gewisse Verantwortung den Fans und Menschen gegenüber, und deshalb möchten wir da nicht stumm wegschauen, sondern genau das ansprechen, was es nicht geben darf.

„Das Feuer brennt immer noch!"

BT: Mit „Tausend Träume“ haben Sie es nun zum zwölften Mal an die Spitze der Albumcharts geschafft – rein rechnerisch einmal mehr als die Beatles. Sehen Sie sich selbst auf einer Stufe mit den Pilzköpfen aus Liverpool?

Ulrich: Auf gar keinen Fall. Hey, das sind Weltstars, mit denen würden wir uns gar nicht vergleichen. Wir sind Schlagerfuzzis. Dass wir erfolgreicher als die Beatles sind, so etwas würden wir nie behaupten. Dass wir einmal mehr mit einer Album-CD auf Platz eins der deutschen Charts eingestiegen sind, das fühlt sich natürlich echt gut an – aber lassen wir die Kirche im Dorf. Die Beatles, das war damals auch unser Lebensgefühl.

BT: „Tausend Träume“ gleicht einer musikalischen Reise um die Welt – von Mexiko über Griechenland, Andalusien, Italien und wieder zurück nach Hessen – wie kommt es zu diesem geografischen Rundumschlag?

Ulrich: Das sind einfach tolle Lieder und die Sierra Morena ist es wert, dass man über sie schreibt. Die Weltrundfahrt war jetzt nicht unbedingt unser Ziel, was uns gefällt, kommt auf das Album.

BT: Wenn man Ihre Texte wörtlich nimmt, müssen sich die Fans noch lange nicht auf ein Ende einstellen?

Ulrich: Momentan denken wir nicht ans Aufhören. Das Feuer brennt immer noch! Und wenn wir eines Tages nicht mehr wollen, dann wird es auch keine fünf Abschiedstouren und drei Reunions geben – das sind nicht wir. Jeder Wunsch, den wir jetzt noch hätten – sind wir mal ehrlich – wäre unverschämt.


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