Die vertraute Stimme aus dem Wörtel

Kuppenheim (mi) – Im Jahr des deutschen Fußball-Sommermärchens 2006 hatte Jörg Vogt seinen ersten Einsatz als Stadionsprecher beim Verbandsligisten SV Kuppenheim. Bis heute ist er am Mikro geblieben.

Jörg Vogt verfolgt mit sachlicher Stimme die Verbandsliga-Heimspiele des SV 08 Kuppenheim. Foto: Privat

Jörg Vogt verfolgt mit sachlicher Stimme die Verbandsliga-Heimspiele des SV 08 Kuppenheim. Foto: Privat

Wer auch immer zehn Minuten vor Anpfiff einer Verbandsliga-Partie des SV 08 Kuppenheim sich dem Wörtelstadion nähert, wird von Helene Fischer akustisch „Atemlos“ begrüßt. Der Autor dieser Zeilen würde sich dann am liebsten 650 Kilometer weiter nördlich beamen. Genau genommen in den Hamburger Stadtteil St. Pauli, wo zur Einlaufmusik immer die Höllenglocken läuten. Und zwar so laut, dass Streifzügler auch auf dem nahen Vergnügungspark Dom die „Hells Bells“ von AC/DC noch wahrnehmen. Dann wird es für die Kiez-Kicker ernst. Handfester Hardrock für Schwerarbeiter auf dem Rasen.
Jörg Vogt hätte nichts dagegen, wenn im Wörtel zur Abwechslung auch mal Schwedens einstiger Exportartikel Nummer eins, das ultimative Pop-Gigantenquartett Abba, aus den Boxen erschallen würde. Es muss ja nicht unbedingt „Waterloo“ als Omen für die Einstimmung sein. „Die Idee von Helenes Erfolgsnummer kam von den Spielern, nicht von mir“, sagt Vogt. Er drückt nur auf die CD, während die Spieler beim Warmmachen in Gedanken bei Helene sind und genau wissen, dass sie spätestens nach 75 Minuten ziemlich kurzatmig daherkommen.

Jörg Vogt steht derweil oben auf der Tribüne in seinem Glaskasten, und das immerhin schon seit 2006, dem deutschen Sommermärchen. Der 54-Jährige ist der Stadionsprecher beim SV08, ein Urgestein, genau genommen ein Multifunktionstalent. Von 2009 bis 2013 war er Vorsitzender des Jugendfördervereins, er organisierte auch schon den örtlichen Weihnachtsmarkt mit, der ehedem vom viel zu früh verstorbenen Ex-Trainer Edwin Bohe ins Leben gerufen wurde. Während der Jugendzeit rannte er bis auf einen mehrjährigen Abstecher beim Rastatter SC auch stets im blau-schwarzen Trikot dem Leder nach – heute sagt er am liebsten an, wenn einer der Lokalhelden ins Schwarze getroffen hat. Mit ruhiger, klarer, sachlicher Stimme, ohne jeglichen sarkastischen Unterton, was nicht unbedingt Usus auf den Amateurplätzen ist.

Vogt ist keiner der Krakeeler mit rosaroter Vereinsbrille, die bei einem Torerfolg um die Wette brüllen, als hätten sie selbst getroffen. Er versteht seinen Job auch nicht als Unterhaltungskünstler, sondern als Faktenvermittler. Im Gegensatz zu vielen anderen am Mikro hat er einst das DFB-Handbuch für Stadionsprecher aufmerksam durchgelesen. Darin geht es unter anderem auch um Benimmregeln.

So ist es für Vogt eine Selbstverständlichkeit, sich die Namen des Gegners auf dem Spielberichtsbogen vor dem Spiel genau anzusehen. Nicht jeder lässt sich so leicht wie Lewandowski aussprechen. Sicherheitshalber checkt er etwaige exotisch klingende ausländische Namen vorher ab. „Ich will sie ja richtig aussprechen. Das hat auch etwas mit Respekt zu tun.“

Eishockey-Ritual interessiert ihn

Darunter versteht der Sozialversicherungsfachangestellte einer Krankenkasse auch, einem verletzten Spieler des Gegners beim Abgang hörbar „gute Besserung“ zu wünschen. Oder verstorbenen Vereinsmitgliedern eine Gedenkminute zu widmen, nicht zu vergessen, den Ballspender benennen. Gerne redet er Wildparkern, die Einfahrten rund ums Stadion versperren, ins Gewissen. Oder erspart anderen den Kauf einer neuen Batterie: „Es brennt – das Licht.“

Als umweltbewusster Mensch würde er angesichts von abgestellten Gläsern und anderen Utensilien als Hinterlassenschaft im Stadion dem einen oder anderen Besucher gerne zurufen: „Hey, Du in der blauen Jacke, bitte die Tüte, Zigarette aufheben und mitnehmen. Machst Du das zu Hause auch so?“

Das Ritual aus den Eishockey-Hallen auf den SV 08 Kuppenheim zu übertragen, könnte er sich auch vorstellen. „Das fände ich interessant.“ In der schnellsten Mannschaftssportart sagt der Stadionsprecher den Vornamen eines jeden einheimischen Spielers an – und im Chor skandiert die Masse den Nachnamen. Dumm nur, dass im Wörtel gewöhnlich lediglich 200 Seelen bei den Heimspielen zugegen sind, und allein auf der Tribüne ist die Ü-60-Fraktion in der Überzahl.

Doch gerade die Zuschauer auf den Holzbänken sind mitunter die entscheidende Hilfe, wenn es darum geht, einen schwer erkennbaren Torschützen aus dem Gewühl in Sekundenbruchteilen ausfindig zu machen. „Das sind die Tore, die man nicht braucht, wenn zehn Mann im Strafraum auftauchen, und der Ball plötzlich im Netz liegt. Da frage ich dann gleich nach: ,Hast Du den Schützen gesehen?‘“

Und wenn zum Schluss hin auf beiden Seiten inflationär ausgewechselt wird – oft zur gleichen Zeit –, kann der Überblick schon mal leicht verloren gehen. „Früher habe ich beim Trainer dann schon nachgefragt, ob die Spieler sich bei ihrer Auswechslung kurz zur Tribüne hin umdrehen können“, erzählt Vogt aus der Trickkiste eines erfahrenen Ansagers.

Ein spezielles Spiel gegen den SV Linx im Jahr 2015 wird er nie vergessen, schon deshalb nicht, weil er nie zuvor oder danach angesichts tumultartiger Jagdszenen solche Worte durchsagen musste: „Platzordner bitte auf die Tribüne.“ Wenigstens einmal Wildwest in der sonstigen Verbandsliga-Oase der Ruhe.

Bisweilen amüsant wird es, wenn kurz nach Spielbeginn der rüstige Rentner Bruno Schabbel, der früher die Pressekonferenzen leitete, nicht nur Vogt und den Schreiberling freudig begrüßt, sondern als passionierter Kettenraucher dafür sorgt, dass spätestens zur Halbzeit Nebelschwaden durch Vogts Glashaus wabern. „Ich bin bekennender Nichtraucher“, sagt der Hausherr, der dann gerne mal kurzzeitig seinen Arbeitsplatz verlässt.

Es gibt Schlimmeres. Vor längerer Zeit ging mal eine Scheibe zu Bruch. Vogt: „Ich hatte damals nur Panik, dass Kinder sich daran verletzen könnten.“ In absehbarer Zeit steht noch mal ein Umzug aus dem altehrwürdigen Wörtel ins geplante neue Domizil am Cuppamare an. „Wenn man mich mitnimmt, freue ich mich darauf. Es macht mir immer noch Spaß.“

Nach 15 Jahren als vertraute Fußball-Stimme, die nach dem Saison-Abbruch erst wieder im Spätsommer zu hören sein wird, sagt er indes auch: „Ich mache es ja ehrenamtlich. Wenn ein Jüngerer das übernehmen will, kann er sich gerne melden. Ich klebe nicht an meinem Stuhl.“ Dann kann ein anderer Helene Fischer auflegen.

Vogt zieht sowieso lieber das legendäre Stück von Kultreporter Herbert Zimmermann aus dem WM-Finale von 1954 vor. Es bedeutet dann nämlich schlicht und einfach für den SV 08 Kuppenheim: „Tooooor, Tooooor, Tooooor.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
21. April 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
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