„Dieser Mann ist integriert“

Durmersheim (sawe) – Einem Geflüchteten aus Pakistan, der beruflich und privat integriert ist, droht die Abschiebung. Ein Freundeskreis sammelt Unterschriften, um einen Antrag bei der Härtefallkommission zu unterstützen.

Der private Freundeskreis mit Franz Kary, Bärbel Schorpp und Ralf Pinkinelli sammelt Unterschriften für Tahir Ali Anjum (Zweiter von links) vor dem Edeka-Markt in Durmersheim.Foto: pr

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Der private Freundeskreis mit Franz Kary, Bärbel Schorpp und Ralf Pinkinelli sammelt Unterschriften für Tahir Ali Anjum (Zweiter von links) vor dem Edeka-Markt in Durmersheim.Foto: pr

Tahir Ali Anjum ist seit 2014 in Deutschland und bestreitet seinen Lebensunterhalt seit Ablauf der Beschäftigungssperre im Frühjahr 2015 ohne staatliche Hilfen. Der Geflüchtete aus Pakistan ist bei seinem Arbeitgeber in Durmersheim „als sorgfältiger, zuverlässiger und fleißiger Mitarbeiter“ hoch geschätzt. Die Firma möchte ihn unbedingt behalten, doch dem 44-Jährigen droht die Abschiebung. Ein privater Freundeskreis hat daher am Wochenende eine Unterschriftenaktion beim Edeka-Markt initiiert, bei der mehr als 400 Menschen ihre Solidarität mit „Ali“ bekundet haben. Damit soll ein Antrag bei der Härtefallkommission unterstützt werden, um ein Bleiberecht zu erwirken.

Zahlreiche Sympathiebekundungen

Die Initiatoren der Unterschriftenaktion, Ralf Pinkinelli und Franz Kary, zeigen sich angesichts der Resonanz überwältigt. Viele Menschen hätten mit dem 44-Jährigen gesprochen, ihm Mut gemacht, ihm auf die Schulter geklopft oder ihn auch einfach mal in den Arm genommen, berichtet Kary von zahlreichen Sympathiebekundungen. Dabei sei immer wieder Unverständnis darüber geäußert worden, dass ein Mensch, der niemandem auf der Tasche liegt und als guter Handwerker dringend in einer Branche gebraucht wird, die händeringend Mitarbeiter sucht, nicht bleiben dürfen soll. Dass so viele Leute gekommen seien, habe ihn positiv überrascht, sagt Pinkinelli, der auch über Facebook für die Aktion geworben hatte, die noch weiter fortgesetzt wird. Es habe kein böses Wort gegeben, sondern durchaus auch konstruktive Kritik, aber in der überwältigenden Mehrheit ausschließlich selbstverständlichen Zuspruch. „Es war eigentlich kaum zu glauben“, meint Pinkinelli, der in seinem ambulanten Pflegedienst auch Mitarbeiter aus mehreren Nationen beschäftigt und weiß, wie wertvoll diese für den Betrieb sind. Er setzt sich daher auch für Tahir Ali Anjum ein: „Der Mann ist integriert.“

Mit Familienanschluss

Das kann Franz Kary nur bestätigen. Der frühere Rektor der Durmersheimer Friedrichschule engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Arbeit mit Flüchtlingen in seinem Wohnort Rheinstetten. Zunächst im Deutschunterricht und seit September 2014 als persönlicher Betreuer für Tahir Ali Anjum – mit Familienanschluss. Einmal in der Woche erhält dieser von Kary Privatunterricht in Deutsch, ist bei Familienfeiern und christlichen Festen wie Weihnachten der Karys dabei, die selbst vier erwachsene Kinder haben. „Ali“ sei immer hilfsbereit und umsichtig. Er sei zudem ein Gewürzkünstler und Koch, schwärmt Kary, der ebenfalls gerne mal den Kochlöffel schwingt. „Schon bevor in den letzten beiden Jahren seine Mutter und sein Vater starben, hat er bei uns eine Ersatzfamilie gefunden“, betont der 70-Jährige.

„Tahir Ali Anjum befürchtet, dass es ihm in Pakistan wie seinem ältesten Bruder ergehen könnte, der aus politischen Gründen, er kandidierte für die Opposition, zusammengeschlagen und tödlich verletzt wurde“, informiert Kary. Der 44-Jährige wohnt in einer Dreier-WG mit einem Afrikaner und einem Inder zusammen. Und das funktioniere gut. Von seinem Arbeitslohn bestreite Anjum nicht nur seinen Lebensunterhalt, sondern unterstütze auch seine in Pakistan lebende verwitwete Schwester mit ihren vier Kindern.

Hoffnung auf Härtefallkommission

Im Herbst 2019 wurde sein Asylantrag in Deutschland abgelehnt. Zwar liegt noch kein Abschiebebescheid vor, er hat im Dezember eine dreimonatige Duldung erhalten, muss aber am 25. März seinen pakistanischen Pass abgeben, befürchtet Kary nichts Gutes. „Pakistan gilt zwar als sicheres Herkunftsland, aber eben nicht für jeden“, stellt der der Rektor a.D. heraus, der nun auf die Härtefallkommission im Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg hofft. „In den vergangenen Jahren ist Herr Anjum nicht nur meiner gesamten Familie, sondern auch in den Gemeinden Rheinstetten und Durmersheim vielen Menschen durch seine freundliche und positive Lebensweise ans Herz gewachsen. Für ihn wie für uns und sein Umfeld wäre die Abschiebung ein schmerzlicher Verlust. Ihn würde sie aus einem geregelten und von ihm positiv gestalteten Umfeld herausreißen. Dazu würde sie ihn in eine äußerst prekäre und sehr unsichere Lage in Pakistan bringen“, schreiben Kary und seine Frau Rita unter anderem in dem Antrag. Und: „Wir bitten die Härtefallkommission, seine Situation zu würdigen und ihm einen Verbleib in seinem Lebens- und Arbeitsumfeld in Deutschland zu ermöglichen.“

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Erstellt:
26. Februar 2020, 19:00 Uhr
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