„Diggin‘ Opera II“ im Festspielhaus: Intensiver Chorgesang

Baden-Baden (BT) – An Micha Kaplans „Diggin‘ Opera II“ im Festspielhaus waren Schüler aus Offenburg und Limerick beteiligt. Das live gestreamte Projekt mischte Statements der Jugendlichen mit Musik.

Schüler-Statements über soziale Isolation, dazu spröde Musikpassagen: Das zweite „Diggin Opera“-Projekt „Things fall apart“ hat eher den Charme eines Workshops.  Foto: Michael Bode/Festspielhaus

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Schüler-Statements über soziale Isolation, dazu spröde Musikpassagen: Das zweite „Diggin Opera“-Projekt „Things fall apart“ hat eher den Charme eines Workshops. Foto: Michael Bode/Festspielhaus

Das Haar wird nochmals zurückgestrichen, die Virtual-Reality-Brille getestet, das Cello gestimmt. Vor der Uraufführung der „Diggin‘ Opera II – Things fall apart“ sieht man im Livestream des Festspielhauses Baden-Baden die letzten Vorbereitungen. Die Bühne des Festspielhauses Baden-Baden wird zum Tor nach außen.

Die Köpfe der 31 zugeschalteten Schülerinnen und Schüler des Oken-Gymnasiums Offenburg und der Limerick Educate Together Secondary School (Irland) erscheinen auf der großen Leinwand. Die Corona-Pandemie erfordert Kunst auf Distanz. Nur drei professionelle Musikerinnen sind deshalb mit dem Technikteam im Festspielhaus. Bei einer Sequenz übernimmt die Offenburger Musiklehrerin Rebecca Tüttelmann vor Ort den Klavierpart.

Digital sind aber alle vereint – und so könnten die künstlerischen Leiter Marcel Karnapke und Björn Lengers (CyberRäuber) die einzelnen Bestandteile zu einem Ganzen zusammenführen (Theaterpädagogik: Rob Doornbos). Leider gelingt dies an dem 45-minütigen Abend nur in wenigen Momenten. Die digitale Oper lässt eher an einen Workshop denken. Statt klar definierter Bilder und Formen gibt es ein künstlerisch wenig gestaltetes Brainstorming zu sehen.

Düstere Poesie von Yeats und Schüler-Statements zu Corona

Der Musik von Micha Kaplan fehlt es an Spannung, dramaturgischem Zusammenhang und auch Variation. Kein Flow ist zu spüren. Textcollagen und Kompositionen wechseln sich unvermittelt ab. Man vermisst Übergänge und Steigerungen, Höhepunkte und Verdichtungen. Viel Aufwand, aber wenig künstlerischer Ertrag.

Der von der Felicitas und Werner Egerland-Stiftung geförderte Abend beginnt mit einem Duett von Cello (Tom Kellner) und Horn (Merav Goldmann). Lyrische Kantilenen treffen auf rhythmisch markierte, spröde Passagen. Nach der unspektakulären Eröffnung tragen irische Schülerinnen und Schüler das düstere Gedicht „The Second Coming/Die Wiederkunft“ ihres Landsmannes William Butler Yeats aus dem Jahr 1919 im englischen Original vor, ehe die Sopranistin Dana Marbach über die Eröffnungsverse „Turning and turning in the widening gyre“ (Drehend und drehend in immer weiteren Kreisen) ihre erste Arie singt.

Die Schülerinnen und Schüler antworten live mit Sätzen wie „Homeschooling macht mich müde“, „Ständig muss ich online präsent sein und mich zeigen“ und „Ich spiele es herunter, damit es auszuhalten ist“. Das Chaos, das der Dichter in apokalyptischen Bildern beschreibt, wird auch als Chance gedeutet. In den Statements geht es um soziale Isolation und Zukunftsangst, um Kontrollverlust und die fehlenden Freunde.

Die Musik spiegelt die Dramatik nicht, sondern bleibt in ihrer Mischung aus Sachlichkeit und gelegentlichem romantischem Überschwang plus Koloraturvirtuosität für sich. Zumindest Dana Marbach gelingt es in ihren zahlreichen Arien, musikalische Momente zu verdichten. Neben den live zugeschalteten, einzeln sprechenden Schülerinnen und Schülern gibt es auch vier Avatare, die im digitalen Bühnenbild mit der Virtual-Reality-Brille zum Leben erweckt werden. Auch hier bleibt vieles rätselhaft zwischen Feuersbrunst und spielerischen Lichtreflexen. Das Fehlen von Übertiteln erschwert das Verständnis zusätzlich.

Der digital eingespielte Chor „Surely some Revelation is at Hand“ (Gewiss steht jetzt bevor die Offenbarung) verbindet dann doch noch Schülergesang mit der live gespielten Musik. Hier entfaltet die „Diggin‘ Opera 2 – Things fall apart“ mehr Intensität. Am Ende gibt es Blumen im Festspielhaus und gegenseitigen Applaus. Das Getränk für die Premierenfeier müssen die meisten aber aus dem heimischen Kühlschrank holen.

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Erstellt:
26. April 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 36sec

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