Digitale Opernpremiere im Festspielhaus

Baden-Baden (rud) – Schüler aus Offenburg und Limerick gestalten „Diggin‘ Opera II“ im Festspielhaus mit. Die Teenager geben der Kunst über geografische und pandemische Grenzen hinweg eine Stimme.

Nur drei Musiker werden während der Aufführung live auf der Bühne zu hören sein. Foto: Festspielhaus

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Nur drei Musiker werden während der Aufführung live auf der Bühne zu hören sein. Foto: Festspielhaus

„Die Welt zerfällt, die Mitte hält nicht mehr; und losgelassen nackte Anarchie, und losgelassen blutgetrübte Flut, das Spiel der Unschuld überall ertränket“, heißt es im englischen Gedicht „The Second Coming (Die Wiederkunft)“ des irischen Dichters William Butler Yeats aus dem Jahr 1919. Die düstere Vision, aufgeschrieben mitten in der Spanischen Grippe kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, ist die literarische Grundlage der „Diggin‘ Opera II. Things fall apart“, die unter der Mitwirkung von über 30 Schülerinnen und Schülern aus Offenburg und Limerick (Irland) am Sonntagabend um 18 Uhr auf der Website des Festspielhauses Baden-Baden ihre digitale Uraufführung feiert.

Das Projekt ist Teil eines mehrstufig angelegten, von der Felicitas und Werner Egerland-Stiftung geförderten Experiments, das untersucht, inwiefern Jugendliche durch digitale Medien für die Oper begeistert werden können. Intendant Benedikt Stampa sprach auf der digitalen Pressekonferenz im Vorfeld der Premiere von einer „künstlerischen Erkundung des digitalen Raums“. Das Festspielhaus Baden-Baden erweise sich mit dieser Produktion als „Labor für digitale Kunst“.

Radikale Digitalisierung

Ursprünglich war geplant, dass die deutschen Schüler auf der Bühne des Festspielhauses gemeinsam mit den drei Instrumentalisten agieren und musizieren. Die Coronapandemie machte diesem Konzept aber einen Strich durch die Rechnung, sodass die Digitalisierung dieser Oper noch radikaler erfolgen musste. Nur noch die Sopranistin Dana Marbach, die Hornistin Merav Goldman und der Cellist Tom Kellner sind live auf der Bühne zu hören. Die zuvor am Oken-Gymnasium Offenburg aufgenommenen Musikpassagen werden eingespielt. Im hauptsächlich von den irischen Schülern digital gestalteten Bühnenraum bewegen sich Avatare, aber auch in Privaträumen gespielte Szenen werden live eingeblendet. Für die virtuellen Welten wurden manche Schüler mit sogenannten VR-Brillen (Virtual Reality) ausgestattet. Eine spezielle Plattform ermöglichte die Ausgestaltung von digitalen Räumen, in denen man sich auch begegnen kann.

Die Musik zu „Things fall apart“ hat der israelische Komponist Micha Kaplan geschrieben. Marcel Karnapke und Björn Lengers (CyberRäuber) bringen die verschiedenen Elemente mit dem Theaterpädagogen Rob Doornbos zu einer Inszenierung zusammen, die reale und virtuelle Räume miteinander verbindet. Eine Handlung mit einzelnen Protagonisten und klar definierten Konflikten gibt es nicht. Die Schüler haben vielmehr einzelne Szenen erarbeitet, die die Bilder und Stimmungen des Gedichts auf assoziative Weise in die Gegenwart transportieren. So bietet die Oper auch einen Einblick in die derzeitige, von sozialer Distanz geprägten Lebenswirklichkeit von 14- bis 15-jährigen Teenagern. „In diesen schwierigen Zeiten haben die Schüler aus Offenburg und Limerick Herausragendes geleistet: Sie haben der Kunst über geografische und pandemische Grenzen hinweg eine Stimme gegeben“, sagt Intendant Benedikt Stampa. Und kündigt an, dass digitale Formate und Partizipation auch in Zukunft eine wichtige Rolle im Festspielhaus spielen werden. Eine dritte „Diggin‘ Opera“ ist im nächsten Jahr geplant.

Ihr Autor

Georg Rudiger

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Erstellt:
20. April 2021, 21:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 25sec

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