Digitalisierung viel mehr als eine Notlösung

Karlsruhe (nl) – das ZKM arbeitet im internationalen Projekt „Beyond Matter“ an einer digitalen Wiederbelebung früherer Ausstellungen in 3-D.

Die Budapester Ausstellung „Spatial Affairs“ ist Teil eines ZKM-Projekts zur Untersuchung digitaler Räume. Foto: ZKM

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Die Budapester Ausstellung „Spatial Affairs“ ist Teil eines ZKM-Projekts zur Untersuchung digitaler Räume. Foto: ZKM

Derzeit ist überall viel von Digitalisierung die Rede. Das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe hat in dieser Hinsicht einen deutlichen Vorsprung. Schon im Oktober 2019 startete das Projekt „Beyond Matter. Cultural Heritage on the Verge of Virtual Reality“, eine internationale Koproduktion zwischen dem ZKM, dem Museum Georges Pompidou in Paris, dem Ludwig Museum Budapest, der Kunsthalle Tallinn und dem Art Lab im albanischen Tirana, um nur einige der Partner zu nennen.

Wahrnehmung des Raumes

Das Gesamtbudget dafür liegt bei 2,7 Millionen Euro. Die EU fördert „Beyond Matter“ finanziell mit 1,35 Millionen über das Programm Creative Europe. Lívia Nolasco-Rózsás leitet das vielschichtige Projekt, in dem allein im ZKM 21 Menschen mitarbeiten und zu dem neben Forschungsarbeit auch vergangene, aktuelle und zukünftige Ausstellungen gehören.

Im Ludwig Museum Budapest läuft derzeit die von Livia Nolasco-Rózsás kuratierte Ausstellung „Spatial Affairs“. Sie ist Teil des Projekts „Beyond Matter“ und setzt sich mit unserer Wahrnehmung des Raumes auseinander. Längst stehen in unserem Alltag neben realen Räumen auch virtuelle, computergenerierte Räume. Das hängt schlicht mit der alltäglichen Nutzung von Computern zusammen, erklärt Nolasco-Rózsás. Was das mit unserer Wahrnehmung macht, zeigt sich in der digital zugänglichen Ausstellung in spektakulären Bildern.

Ein anderer Teil des Projekts sucht nach Wegen, vergangene Ausstellungen digital wiederzubeleben. „Es ist nicht einfach“, sagt Livia Nolasco-Rózsás. Man kann keinen digitalen Zwilling erstellen. Immerhin kann das Projektteam bei „Iconoclash“, der legendären ZKM-Ausstellung 2002, auf die 3-D-Modelle zurückgreifen, die der Ausstellungsarchitekt damals verwendet hat. Viele Ausstellungsstücke sind inzwischen digitalisiert worden und einige Objekte wurden von vornherein computerbasiert erschaffen.

Vor Ort in andere Museumsräume eintauchen

Am Ende sollen aber „Iconoclash“ und „Les Immatériaux“, eine große Ausstellung des Museums Georges Pompidou von 1985, nicht einfach nur online am heimischen PC zu sehen sein.

Das Projektteam arbeitet an einem speziellen Bildschirm, der im Modellentwurf überlebensgroß und halbrund ist. Dieses „Immaterial Display“ soll es Museumsbesuchern ermöglichen, vor Ort in andere, virtuelle Museumsräume einzutauchen und so zusätzlich andere Ausstellungen zu sehen als die, die gerade vor Ort laufen. Vielleicht wird man sich künftig sogar in solchen virtuellen Ausstellungsräumen begegnen und austauschen können?

Im Rahmen der Artist-in-Residence-Programme will ein Architektenkollektiv eine virtuelle Ausstellung erschaffen, die nur auf der „Beyond Matter“-Homepage zu sehen ist. Parallel dazu arbeiten die für eine Residency ausgewählten Kunstschaffenden in der Kunsthalle Tallinn und im Art Lab Tirana an weiteren neuen Möglichkeiten, Kunst virtuell erlebbar zu machen.

„Wir haben noch zahlreiche Pläne“, verrät Livia Nolasco-Rózsás. „Beyond Matter“ soll Ende September 2023 auslaufen. In jedem Fall wird es eine umfangreiche Publikation geben, dazu ein Toolkit für alle Museen als Ideensammlung und praktischen Ratgeber. Denn Digitalisierung kann viel mehr sein als nur eine Notlösung in Pandemiezeiten. Darauf weist auch die große Nachfrage nach Onlineführungen hin, die es für die Digitale Kunsthalle auf der Homepage des ZDF gibt.

Kein Ersatz, aber eine Erweiterung

Für diese Digitale Kunsthalle hat das Karlsruher ZKM eigens die Ausstellung „Berechenbar – Unberechenbar“ kreiert, die bis zum Herbst zugänglich ist. Auch die große Anselm-Kiefer-Schau der Mannheimer Kunsthalle und weitere Ausstellungen sind dort bis Oktober zu sehen und ermöglichen einen Zugang zu Kunst, ohne sich auf eine Anreise begeben zu müssen.

Das alles soll kein Ersatz für Ausstellungen in realen Räumen sein, sondern immer eine Erweiterung um zusätzliche, neue Möglichkeiten.


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